Eine Bucht an der Küste Venezuelas

1. Am Tag als der Regen kam

Seine Firma schickt Samin nach Venezuela. Konfrontiert mit einer absurden Wirklichkeit, tappt er von einem Abenteuer ins andere. Die lateinamerikanische Gegenwart spinnt ein Netz um ihn. Wird er je aus ihm herausfinden? 

 Die Zeichnungen wurden an Ort und Stelle angefertigt, aber nicht von Sami selber, da er ja fiktiv ist, im Gegensatz zum Autoren, der  an jenen Orten gelebt hatte..

 

1. Landpiraten

 

Wasser plätscherte froehlich in Richtung Meer. Kinder sprangen von Stein zu Stein. Manchmal fiel eines mit Gekreisch und Gelächter in den Bach. Es standen keine Häuser herum. Tropischer Regenwald schmachtete in die Hitze des Nachmittags hinein. Nicht dass es später frischer werden würde, dachte Sami.Vielleicht gehörten die Kinder zu  den Reisenden, die auf ebener Erde in Schattenflecken neben der Strasse sassen.

"Pass doch auf ! Das geht nicht mehr weg", kreischte ihn Amalia an.

Sami wollte die Reisetasche abstellen. Er betrachtete den Asphalt. Er hatte er sich gerade aus dem Taxi gezwängt gehabt und sich vom Fahrer befreit. Nun stand er mitten auf schwarzem, klebrigen Teer. Sonnenstrahlen prallten  auf den Belag. In der Mitte der Strasse, links oder rechts hatten sich schwarze suppentellergrosse Flecken gebildet, aus denen Bläschen hervorquellten, um genüsslich zu  zerplatzten. Er zerrten an seinem rechten Bein und stand ploetzlich wie ein einbeiniger Reiher da. Die Sohle seines weissen Sportschuhs war schwarz geworden. Die Reisenden schauten ihm neugierig zu.  Ein paar Frauen kicherten. Sami unternahm einen grossen Schritt um den grauen Teil der Strasse zu erreichen. Fast haette er sein Gleichgewicht verloren. Die Reisetasche zog ihn hinunter. Das unfreiwillige Publikum rief ihm zu, den anderen Schuh auch zu befreien: " Zieh, zieh, ja so ist es gut,  noch ein bisschen!"  Die Sohle loeste sich und schwarze Faeden hingen herunter. Er setzten seinen Fuss, mit einem leichten Sprung, auf die rotbraune trockene Erde am Strassenrand. Die Leute klatschten und lachten wie Kinder. Sami rieb die Sohlen an den roetlichen Staub.

"Wenigstens kleben sie jetzt nicht mehr", murmelte er  in seinen nicht vorhandenen Bart.    " Du haettest mir ja helfen koennen," warf er Amalia vor, die ihn kraeftig ignorierte. Sie schaemte sich ueber diesen unvorsichtigen Toelpel, der zum Gelaechter der ganzen Schar geworden war.

"Kein Wunder, dass der Taxifahrer so ploetzlich weggebraust ist, der waere glatt kleben geblieben mit seinem Schlitten", meinte Sami und schaute seine Partnerin erwartungsvoll an.

Sie gab keinen Mucks von sich. " Mit seinem Uebergewicht , waere er sogar von der Strasse aufgesaugt worden", doppelte er nach.

"Sehr witzig", spöttelte sie, "Pass lieber auf, dass du deine Hosen nicht dreckig machst, das klebt wie die Pest, das Zeug ", Amalia schüttelte ihre schwarzlockige Mähne. Sie gesellte sich zu einer der Gruppen im Schatten..

Sami drehte sich um. Da, auf der anderen Strassenseite stand eine Anzeigetafel zeischen dem Gebuesch. "Parque Nacional..............Nelson Piquet". Die Farbe war zum Teil abgeblaettert..  "Hier gibt es einen Nazionalpark," rief er Amalia zu.

"Na und?"Sie fuehrte ein  wichtiges Gespraech mit den anderen Reisenden wie sie. Das Schild hatte Sami neugierig gemacht. Er hoerte dort hinten Kinderlaerm und sprang neben dem Schild die kleine Böschung hoch. Da entdeckte er durch das Blaettermeer einen Fluss. Er setzte sich auf einen Felsbrocken am Ufer, zog die Schuhe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und watete genüsslich im frischen, seichten Wasser. Die Kinder hatten hatten ihn entdeckt und aufgehört zu lachen. Sie standen gespannt da. Sie starrten den Eindingling an. Er blickte auf seine Schuhe mit den Socken, die vereinsamt auf dem hellgrauem Sand lagen. Die Kinder folgten seinem Blick. Auch sie hatten die schönen Sportschuhe bemerkt. Er schritt langsam zu seinen Nikes, oder waren es Pumas, ja Pumas gibt es hier auch, aber die sehen anders aus, sprach er auf Schweizerdeutsch an die kleine Schar gerichtet. Er nahm die Schuhe, setzte sich wieder auf einen runden Stein, zog sie an und kehrte zur Strasse zurück.

Da, die Tasche war weg. „ Schit,“ wollte er gerade sagen, doch sah er, wie Amalia sich auf die ihrige gesetzt hatte und die seinige daneben lag.

Er näherte sich der Gruppe. „Wann kommt endlich der Bus nach Chororoni?“ Amalia zuckte mit ihren Schultern. Er setzte sich neben sie auf die Erde. Er lehnte sich an seine Reisetasche. Die anderen beobachtetetn ihn verstohlen  «Was hat sie schon wieder?» dachte er sich, sagte nichts, und klaubte einen Stoffhut aus der Tasche, setzte ihn auf und schloss die Augen.

"Da ist ein Fluss mit Kindern," sagte er " wem gehoeren wohl die Kinder?"

" Sind das deine Kinder", antwortete Amalia.  

Sami schaute sie verblueft an.

"Nicht? na also, was gehen sie dich an."

" Okey, die Schlangen, haben die keine Angst vor den Schlangen? Da ist bestimmt ein Waerter irgendwo und passt auf die Kinder auf."

"Was fuer ein Waerter meinst du?"

"Na den vom Nationalpark!"

Amalia begann zu lachen: " da gibt es keinen Waerter, siehst du nicht, da ist ueberall Wald und nur weil ein Herr in seinem Buero es sich ausgedacht hat, hier soll ein Nationalpark sein, kuemmert sich jemand darum? Niemand interessiert sich dafuer, Venezuela hat ueberall Waelder. Weisst du denn nicht, dass wenn du mitten in Caracas auf den Avila schaust, unser Nationalberg, du dann auf einen Nationalpark schaust. Es ist verboten dorthin zu gehen, viele haben sich dort verloren und sind nicht mehr aufgetaucht. Oberhalb der  Autobahn, der"Cota Mil " darf nicht gebaut werden, dort faengt der Nationalpark an."

" Du meinst in ein paar Jahrzehnten ist das Schild hier vollkommen verwittert und keiner weiss mehr, dass das hier ein Nationalpark ist?" 

Amalia nickte, er blickte sie seitlich an: " aber die Schlangen,  die sind doch gefaehrlich, die sind doch giftig!"

"Hier gibt es keine Schlangen"

"Was, woher weisst du das?"

" Man weiss es."

 Sami bedeckt nun sei Gesicht mit dem Hut und begann zu doesen. Die Erzaehlungen Amalias schwirrten in seinem Kopf.

 Amalia hatte ihm auf einer Party von diesem magischen Ort an der Kueste Venezuelas erzaehlt. Choroni sei einmal ein wichtiger Hafen gewesen. Mit diesen riesigen Segelschiffen kamen die Spanier und reger Handel wurde betrieben.Cacao, Tabak und Kaffee auf der einen Seite und alles moegliche aus Europa, auf der anderen Seite.

Da habe es mal einen reichen Venezolaner gegeben, der habe eine vornehme Dame aus Paris geheiratet und sie herrueber gebracht mit saemtlichen Moebeln, Bilder und Kleider. Er habe ihr einen Palast gebaut. Sie war sehr besorgt um ihre Dinge aus Paris gewesen. Sie hatte auch Bilder eines beruehmten Malers namens Corot aufgehaengt. Die Bediensteten wies sie an, besonders auf die Bilder von Corot aufzupassen, wenn sie mit dem Staubwedel in deren Naehe kamen. Die Diener und Dienerinnen, dachten, dass all dieses Porzelan und anderen vornehmen Objekte, Corotos waren und seither nennt man in Venezuela kleinere Dienge, die herumstehen, Corotos.

Sami hatt es dann gleich ausprobiert und einem herumstehenden venezolanischen Arbeitskollegen waerend des des Festes aufgefordert, dieses Coroto zu geben, dabei zeigte er auf ein Glas. Dieser tat es ohne Umstaende.

" Halo, kannst du mir dieses Coroto rueberreichen?" hatte er gesagt und es hatte geklappt. Das fand er sehr amuesant und benuetzte das neue Wort so oft wie moeglich. 

"Die Nachkommen der früheren Arbeitersklaven aus Afrika sind geblieben", erzaehlte Amalia weitert. Jetzt bedienen sie Touristen oder Hauseigentümer aus der Stadt. Sonst gehen sie mit ihren Booten fischen, oder fahren die Fremden an verlassene Strände. Auch Einheimische samt Baumaterial transportieren sie, zu ihren einsamen Dörfer. Einige dieser Buchten waren früher Verstecke der Piraten gewesen.

„Du kennst dich aber gut aus,“  meinte Sami.

"Ja, ich bin schon oft da gewesen, manchmal für ein paar Wochen".

„Aha,“ hatte Sami gesagt und sie genauer angeschaut.

"Die alten Häuser Choronis sind aus der Kolonialzeit. Sie saeumen den Weg zum Hafen in vier Strassen und führen zur kleinen Promenade bei der Flussmündung.  Am  Anfang des Dorfes befindet sich ein runder geteerter Platz mit der einzigen Tankstelle. Dort haelt der Bus. Die Innenhöfe der Kolonialhäuser schlummern friedlich dahin und traeumen von alten Zeiten. Dort summen die Kolibris um die Ibiskusssträuchen,"

"Sie sind ja eine Dichterin", schmeichelte Sami.  

"- um Ibiskussträuchen voller roten Blumen, mit Papayabäume, Mango- und Gaujavabäume, Orchideen und anderen tropischen Blumen. Sie gehören alten Familien, die jetzt meistens in Caracas leben. Von Zeit zu Zeit huschen dunkle Gestalten durch die Räume um nach dem Rechten zu sehen, gegen Bezahlung natürlich und wenn es auch nur wenig ist. Sklaverei gibt es ja offiziell seit1888 nicht mehr hier in Venezuela."

 

 

 

Entfuehrung

                                                                                                                                 

Amalia und Sami uebernachteten in einem Hotelzimmer in Maracay. Am Tag zuvor waren sie um zehn Uhr morgens von Caracas losgefahren und zwar in einem „Mitfahrtaxi“. Zwischen anderen stoisch leidenden Reisenden eingepfercht, waren sie vier Stunden lang auf und abgewippt. Vier Körper auf der hinteren Bank des nordamerikanischen Strassenschlitten  und drei Körper auf der vorderen Bank rieben sich aneinander. Schweiss malte dunkle Flecken auf die Kleider und umrahmt sie mit feinen weissen zittrigen Linien. Die Autobahn schlaengelte sich durch den bergigen Regenwald.

Bei einer Ebene fuehrte der Taxifahrer die Gaeste eine Ausfahrt hinab. Er bog in eine runden Verkehrsinsel und begann im Kreis zu fahren. Andere Fahrzeugen taten dies auch, mache verliessen den Kreisel nach einer Umdrehung, andere nicht. Sami tippte Amalia mit seinem Ellbogenan. Sie erwachte. Sami fluesterte ihr ins Ohr : " da stimmt etwas nicht", und zeigte auf die Autos.

Sie blickte erstaunt aus dem Fenster. Bei der dritten Runde fragte sie den Taxifahrer höflich auf Spanisch, warum er denn im Kreis fahren würde und erhielt keine Antwort. 

Amali fluesterte ihm in sein Ohr: “das ist ein Pirat!“

„Was, wer ist ein Pirat?“ fragte Sami erstaunt.

„ Pscht, der Fahrer natuerlich“.

„Was, unser Fahrer?“ fragte er ungläubig.

Sie nickte und fügte nichts mehr hinzu. Ein anderes Taxi naeherte sich vorsichtig ihrem Taxi. Beide fuhren jetzt Seite an Seite. Sami wurde nervös: « wir werden gekapert», flüsterte er seiner Begleiterin zu.

Ihr Pirat und der andere tauschten jetzt Zeichen aus, « aha ein Komplize», murmelte Sami, irgendwie war dies fuer ihn wie ein Spiel oder wie im Kino.

Dann schüttelte der andere Fahrer den Kopf, bog in eine der Seitenstrassen und war verschwunden.

"Werden wir verkauft, als Sklaven vielleicht?" witzelte Sami, ihm war es mulmig geworden, hatte er nicht schon oft gelesen wie Geschaeftsleute gekidnaped wurde.   Dieses merkwürdige Verhalten der Taxifahrer wiederholte sich einige Male. Die anderen Passagiere begannen aufzumupfen. Er soll sich doch entscheiden, dass ginge nicht mehr so weiter. «Was soll ich nur machen. Soll ich aus dem Auto springen?» schoss es durch Samis Gehirn. 

Er  stellte Amalia ganz vorsichtig die Frage:" Ist das ein Pirat, der einem anderen Pirat folgt?".  

Sie zischte :"Idiota".

Jetzt nach einem weiteren Zeichesprachendialog zwischen ihrem und einem anderen Taxifahrer, nickten beide, bogen ab in eine Seitenstrasse und hielten hintereinander in einer Staubwolke an. Ihr „Pirat“ forderte die Reisenden höflich auf, doch bitte auszusteigen. Amalia dachte beim hinaussteigen, dass Europaer merwuerdig sind, immer diese bloeden Bemerkungen, jetzt ja nicht auffallen, so tun als sei alles normal. Sami war verwirrt, er musste sich an den Rihmen nehmen, er hatte ja keine Angst. Die anderen Passagiere folgten den Anweisungen ganz unbekuemmert. "Also die scheinen das zu moegen, entfuehrt zu werden."  wollte er sagen, aber hielt lieber den Mund. "Ich bin ja selber entfuehrt worden, von dieser Amalia, vielleicht stecken all unter einer Decke?"antwortete er sich selber. Ihr Fahrer wollte jetzt sein Geld. Amalia forderte ihren Begleiter auf, sofort zu bezahlen.

"Wieviel", fragte er," fuer Beide?"  er wartete verunsichert.

"Die Fahrkosten doch, oder hast du kein Geld," doppelte Amalia veraergert nach.

"Doch, doch, hab ich schon, viel ist es ja nicht," sagte er und bezahlte erleichtert.

Die Anderen hatten einfach so bezahlt, Sami wusste immer noch nicht was das alles sollte. Dann holten sie ihre Gepaeckstuecke und warteten bis sich die Taxifahrer verstaendigt hatten. Auch Sami nahm seine Reisetasche heraus. Amalia ignorierte ihn. Er schaute sie fragend an, schliesslich packte er auch die ihrige. Er liess sie vor ihre Füsse auf die Strasse plumsen. In der Zwischenzeit hatte ihr erster Taxifahrer einen Teil seines Geldes dem anderen gegeben und war in seinen Wagen gestiegen und davongebraust. Natuerlich husteten alle wegen der Staubwolke, die er hinterliess. Ein graugelber Schimmer bedeckte sie. 

Dann forderte der neue Taxifahrer seine neuen Passagiere auf doch bitte eizusteigen. Diese schritten nun zum offenen Kofferraum und legten ihr Gepaeck hinein. Sami packte seine Reisetasche und Amalias und blieb stehen. Der Fahrer trat an ihn heran und packte die Haenkel der einen Tasche. Sami liess nicht los. Verdutzt blickte der Fahrer auf und dann auf Amalia.

"Gib sie ihm," befahl sie Sami.

"Rapido, rapido, schnell, schnell." forderte der Fahrer. 

Sami liess Amalias Tasche los, der Fahrer legte die Reisetaschein den Kofferraum und packte Samis Tasche. Sami liess die Henkel nicht nur nicht los, sondern entriss sie ihm wieder.

"Gib sie ihm endlich, die Tasche, siehst du nicht die Anderen, die warten all auf dich!" Amalia war entsetzt.

"Ich lass mich doch nicht so einfach von einem Piraten entfuehren", gab er ihr auf Englisch zurueck.

Amalia laechelte :" dieser hier ist harmlos, wir fahren mit ihm weiter nach Maracay."

"Aha," erwiderte Sami schritt langsam zum Kofferraum. Er legte seine Tasche in den Kofferraum als seien es rohe Eier.

Die anderen Passagiere sassen schon im Wagen. Amalia setzte sich auf den Hintersitz und Sami quetschte sich neben sie.

Er fragte Amalia leise: "Sind das wirklich Piraten? " Sie aber sass da und antwortete nicht. Vorne links, unten an der Windschutzscheibe, bemerkte er ein gelbliches Stück Papier, mit einer roten Briefmarke und einem Stempel.

Er fragte den Fahrer jetzt auf holprigen Spanisch, nicht so sehr wegen des Strassenbelages, sondern wegen seines Schweizer Akzentes, was das Papier dort an der Scheibe bedeute.

"Das ist meine Taxigenehmigung von Maracay, meine Autorisacion“, antwortete ihm der Fahrer.

„Aha“, ja die von Maracay“, Sami nickte mit dem Kopf. Er stubste Amalia erleichtert an.

"Die Fahrer von Caracas haben keine von Maracay, die von Maracay keine von Caracas. So haben sich beide Taxisyndikate abgesprochen und diese Möglichkeit gefunden, Passagiere von einer Stadt zur anderen zu bringen," erklaerte der Taxifahrerweiter," die Busse sind immer zu voll und oft verspätet, deswegen gibt es uns Taxis, wir Taxis sind viel besser. Das Geschäft floriert. Sie brauchen übrigens keine Angst für ihre Reisetasche haben,Sie werden sie zurückbekommen," fügte er hinzu. Seine gelbweissen Zähne strahlten dabei über die ganze Breite de Rückspiegels.

 „Sie hatte mir aber gesagt, sie seien ein Pirat,“ Sami  zeigte auf Amalia.  Die Passagiere lachten, Amalia schäumte vor Wut. Was für ein Idiot, ihr Begleiter,wie konnte er sie nur blossstellen. Am liebsten wäre sie im Boden verschwunden unter die Asphaltdecke.

„ Nein kein Pirat, nur Taxifahrer, ein offizieller Taxifahrer Ihnen zu Diensten,“ antwortete der Fahrer. Er lachte heftiig, verschluckte sich dabei und hustete so stark, dass das Auto hin- und herwippte . Die Passagiere schimpften, er solle doch aufpassen.

 „Ist schon gut, ist schon gut,“ beschwichtigte der Taxifahrer und ruckte sich wieder auf seinem Sitz zurecht.

„Sami, er hat ja gar keine Bewilligung, deshalb ist er ein Pirat,“ belehrte jetzt Amalia ihren Begleiter auf Spanisch. Da war sie ploetzlich aufgetaucht, aus ihrer Verstummung, Sami blickte etwas erstaunt auf sie.

„Senora, ich habe eine Erlaubnis, also bin ich kein Pirat, bitte schön,“ erwiderte der Fahrer verärgert.

„ Aber nicht die für Caracas».

„ Senora, wenn es ihnen nicht gefällt, Sie können ja aussteigen, ich gebe Ihnen das Geld zurück, sie können sofort aussteigen“.

„ Was hier auf der Autobahn?“

„ Nein, dort weiter vorne bei der Autobahnzahlstelle“

„ Kommt gar nicht in  Frage, ich habe bis nach Maracay bezahlt und ich möchte auch dorthin gebracht werden!“

Die anderen Passagiere wurden unruhig: „Sie haben dafür bezahlt, Senora, Sie werden auch dorthin gebracht!“

Dann begann eine angeregte Unterhaltung zwischen, wie die Regierung nichts richtig organisiert, und wie man selber alles machen muss, und wie alles immer teurer wird. Selbst das Benzin würde teurer werden und davon gäbe es hier ja genug.

 

 

 

Maracay

Nach einer Stunde erreichten Sie den Busbahnhof von Maracay, der Fahrer überreichte Sami feierlich seine Reisetasche.              

 „Jetzt weiter mit dem Bus“,befahl Amalia.

Sie war beleidigt, wieso? fragte sich Sami.

Sie ergriff nun selbst ihre Reisetasche. Sie stuermte zielstrebig durch das Gewimmel vor dem Busbahnhof in Richtung eines backsteinroten Gebäudes mit Wellblechdach. Sami versuchte ihr zu folgen. Mit lautem Gehupe fuhren die ganze Zeit immer neue Busse in den Bahnhof durch ein weites offenes Tor. Noch bevor sie hielten hingen schon Menschen wie Trauben an ihnen.

Sami versuchte ihr durch die Menschenmenge zu folgen. Amalia kannte sich aus, sie war ja von hier. Trotzdem er schon anderthalb Jahre in desem Land lebte, war er jedesmal ueberweltigt, wenn er mit der Realitaet der einfachen Bevoelkerung konfrontiert war. Amalia verschwand im Gebaeude. Sami bahnte sich seinen Weg, gut, dass er groesser als die meisten war, so konnte er immer alles ueberblicken. Ja dort rechts vorne stand sie ja, vor einem Kabeuschen. Als ers sie erreichte sagte sie ihm kurz, dies sei der Schalter fuer die Busse nach Choroni. Eine zerkratzte, verstaubte Glasscheibe gaehnte ihnen entgegen.

"Waum ist da keiner drin?" frug Amalia in die Runde. Sie erhielt keine Antwort, niemand beachtete sie. Die Halle war vollgepackt wie in einer Ruesche. Es stank nach allem noch so interessanten Geruechen, wenn sie einzeln waren, aber in ihrer Mischung kaum auszuhalten, das gleiche galt fuer den Laerm und die Hitze. Am liebsten waere Sami wieder hinausgerannt.

"Was machen wir jetzt?" fragte Sami.

"Warte", antwortete sie.

Sie rief nochmals in die Menge hinein: " Wo ist der Schalter nach Choroni, warum ist keiner da?"

Irgendjemand rief ihr mit rauher Stimme zurueck: " No hay paso, die Strasse ist blokiert, ein Felsen ist auf sie gefallen"

"Wann wird sie wieder frei gemacht?" rief Amalia. Keine Antwort war das Resultat, ihre Stimme verstummte ohne jegliches Echo.                                                                          

« Komm wir nehmen ein Taxi und übernachten hier in einem Hotel,» schlug sie vor. Sie liess Sami erstaunt stehen. Schon wieder ein Wechsel der Pläne. Er wollte eigentlich streiten, aber da war sie schon weg. Die Verkäufer zerrten an seinen Ärmeln, besonders die kleinen Jungen waren aufdringlich. Da war sie schon wieder beim Ausgang. Da fuhr ein Ruck durch ihn, er schrie: « Perdon, Perdon!» , und stürmte hinaus.

Draussen angekommen sah er wie Amalia neben einem Taxi auf der anderen Strassenseite stand. Sie machte ihm Zeichen. «Das hat aber gedauert,» bemerkte sie trocken,  als sie einstiegen.

                                                                                                                                                                                     

 

Hotel

 

Ein feinkoerniger Schleier rauschte ueber den Bildschirm des kleinen Fernsehers. Amalia duschte sich. Sami meinte herausfinden zu koennen was auf der Strecke nach Coroni passiert war und drehte und an den Köpfen. Sie war um die Dreissig. Ihr Haar war üppig, schwarz und lang. Ihre Augen glänzten fiebrig. An ihren harten Mundwinkeln hing Traurigkeit. 

 

An der Decke schwirrte der Ventilator. Sami drehte weiter an den Knöpfen des Fernsehers.   

 Amalia kehrte aus dem Badezimmer zurück und warf sich nass aufs Bett. Sie sei geschafft, stöhnte sie. 

"So ein Felsen muss es in sich haben", sagte er, dabei beobachtete ihren feuchten Zustand.

„ Was? Was meinst Du, das ich verstehe nicht.“ Amalia räkelte sich auf dem weissen Linnen.

 

Amalia schläft

Amalia

Gewöhnlich ging Amalia jeden Morgen im 20. Stockwerk eines Wolkenkratzers in Caracas zur Arbeit. Sie hatte mit einem Entwicklungsprojekt im Auftrag der Weltbank zu tun. Sie finanzierten Projekte. Aber welche und wo?  Sami konnte es nicht herausfinden. Nie konnte er präzise Angaben über ein existierendes, geplantes oder noch zu planendes Projekt erfahren, was eigentlich fuer Venezuela nicht ungewoehnlich war..  

„ Was, was hast Du gesagt?“

„ Nichts, - nichts,“ Er machte den Fernseher aus. Dann ging er unter die Dusche.

In dieser Nacht hatte er einen Traum. Er erreichte in einem türkisblau bemalten  Aluminiumboot, nach wellenreicher Fahrt, einen kleinen Hafen, an der Küste Venezuelas. Voller Übermut sprang er in das kühle Wasser. Er sah wie beim Eintauchen die Wasserperlen zerplatzten. Er sah wie Luftblasen unter Wasser weisse Spuren nach sich zogen, hinauf ans Licht. Er sah nur noch wie ein dunkler Schatten erschien. Erschrocken wachte er auf. 

Er spürte jemanden neben sich. Ja - der Ventilator, das Hotelzimmer, das ist Amalia. Sie schlief neben ihm.

 

Weiterfahrt

Am naechsten Morgen nahmen sie wieder ein Taxi zum Busbahnhof. Die Strasse sei immer noch gesperrt, hiess es dort. Keiner der herumstehenden Taxis wollte sie die Küste bringen. Amalia hatte ihn dann einfach mit dem Gepäck stehen gelassen. Bis elf Uhr war die Hitze hier noch ertraeglich erklaerte ihn einer der taxifahrer draussen vor dem Bahnhof. Sami griff in die linke Hosentasche und hollte ein paar Dollarscheine heraus.Einer der Taxifahrer blickte blitzschnellschnell in Richtung des Geldes. Er er stiess ein Koloss von Mann neben ihm an. Der sass auf der Kuehlerhaube eines alten Chevrolet. Als der Riese aufstand, wippte Gefährt auf- undab, und gab quitschende Geraeusche der Erleichterung von sich. Der Mann bewegte sich auf Sami zu. Was will er von mir , will er mich ausrauben, durchzuckte es Sami, aber er fragte ihn vorsichtig: "Versuchen wir es nach Choroni, ich zahle Ihnen etwas mehr".                              

" Ich weiss aber nicht, ob das Auto es schaffen wird, die Kupplung ist schon alt, sie schleift etwas».

Sami: « Ok, 10 Dollars mehr».

«Meine Familie, meine Frau und Kind warten auf mich mit dem Mittagessen und wenn ich nach Choroni fahre, komme ich erst spät in der Nacht zurück».

Sami: «Ja aber mit Geld».

Die anderen Taxifahrer folgten nun gespannt dem Handel der beiden.

Der Taxifahrer: « Ok wieviel zahlst du mir?»

Sami: « wieviel willst Du»

Der Taxifahrer wiegte sich von einem Bein aufs andere.Er schaute nach links und dann nach rechts und fluesterte Sami zu: « 80 Dollars».

Sami: «was 80 Dollars, dafür bekommst du ein neues Auto».

Die Miene des Riesen verfinsterte sich.                                                                

«Ist schon gut, ist schon gut, war nur ein Spass, mit dem Bus sind es höchstens 10 Dollars».

Taxifahrer: «dann nimm den Bus».

Sami: « 50 $ Ok?»

Taxifahrer: « 70,oder  ich gehe nach Haus, ich hab Hunger»

Sami: «ok, 70, aber wir fahren gleich los!».

Sie packten die Reisetaschen in den Kofferraum. Die Fischflossenheckflügel glaenzten. Wo war denn nur Amalia?

Ungeduldig wartete Sami neben dem Auto. Der Taxifahrer blieb stoisch ruhig. Da endlich war sie  mit einem Hotdog in der Hand aufgetaucht. Sami sagte ihr, sie solle sich sofort ins Auto setzen. Dieser Fahrer würde sie nach Choroni bringen, sie würden schon seit eine Viertelstunde auf sie warten.

«Aha, das ist ja toll», erwiderte sie und setzte sich hinein.                                

Ihr Taxiriese klemmte sich hinters Steuerrad.                              

„Es hat ja nicht einmal eine Klimaanlage,“ mäckerte Amalia.

Sie fuhren los. Der Fahrwind bei offenem Fenster strich lauwarm über die schwitzenden Wangen. Das Auto verliess die Stadt. In der Ferne konnten sie Berge in der vibrierenden Luft erkennen. Hügel begannen, Häuser und Felder hörten auf, die Strasse schnitt Kurven.  

Stopp

Nach einer Stunde Fahrt, stand dickbaeuchig, breitbeinig ein Polizist mitten auf der Strasse und hielt ihr Taxi an. Sein Motorrad stand am Strassenrand. Er war ausgeruestet mit mit Pistole und Knüppel. Er trug stolz seine blaue Uniform und seinen blauen Helm und das bei dieser Hitze. Sami wollte gerade eine lustige Bemerkung machen. Noch bevor er richtig sprechen konnte, zischte Amalia:         „ Shut up!“                                                          

Der Polizist hielt das Telefon an seine rechte Ohrmuschel. Dann hielt er es wieder vor seinen Mund und schrie er etwas hinein. Jetzt hielt er es an sein linkes Ohr. Sami stieg aus. Er wollte wissen wie lange sie noch hier warten müssen. Der Polizist ignorierte ihn. Der Taxifahrer wurde ungeduldig, scherte aus und wollte am Polizisten vorbeifahren. Dieser sprang vor den Wagen und griff zur Waffe. «No hay paso!» schrie er. «Es gibt keinen Durchlass».

«Ist schon gut, ist schon gut, esta bien», beschwichtigte das Koloss. Er fuhr 6 Meter rueckwerts. Sami hatte die Szene verfolgt und blieb neben dem Machtinhaber stehen. „ Also ignorieren und warten, das sind venezolanische Spezialitäten,“ meinte er, aber sicherheitshalber auf Englisch und nickte mit dem Kopf. Er fixierte den Polizisten, der vorgab ihn nicht zu sehen. Sami verschränkte seine Arme und wartete.  

Jetzt war endlich Amalia ausgestiegen und kam zum Polizisten.

"Es gibt einen Felsbrocken auf der Strasse, Signora, die Strasse ist gesperrt", sagte der Polizist noch bevor sie bei ihm war.

Amalia bemerkte: "Was sie nicht sagen, interessant und wie lange schon?"

"Vorgestern Nacht hatte es stark geregnet. Da hat er sich gelöst, der Felsen und ist auf die Strasse gefallen. Aber wir versuchen alles, um die Situation so schnell wie möglich zu bereinigen.»

Amalia: «was schon so lange. Sie stehen hier schon seit zwei Tagen!»

Polizist: « wir sind zu dritt Signora und wechseln uns ab»

Amalia: « in der Nacht auch?»

Polizist: « Ja natürlich, Befehl ist Befehl. Die Passagiere des Buses dort hinten, die haben hier geschlafen. Da muss man aufpassen, - aufpassen, damit niemand hochfährt, aufpassen, dass denen da nichts passiert.» 

Der Bauch

Weiter hinten, am Anfang eines erdigen Weges, stand ein Bus mit undefinierbaren Farben, vielleicht war er mal gruen gewesen?  Das war also der heissersehnte Bus nach Choroni. In seiner Nähe sassen lagen lagen die Reisenden.

«Aha, Gracias», sagte Amalia.

Sami war schon Zum Taxi zurückgeeilt.Er hatte Angst, dass der Fahrer einfach mit dem Gepaeck abhauen wuerde. Der Fahrer wollte aber zurück nach Hause und das abgemachte Geld einkassieren. Sami wollte es ihm nicht geben. Sie wären nicht einmal ein Fünftel, ja sogar ein Zehntel der Wegstrecke gefahren, er würde das nie bezahlen. 

„So, dann gebe ich Ihnen Ihr Gepäck nicht zurück.“

Sami zeigte auf den Polizisten. Der Riese stieg aus. Sein Auto quitschte wieder. Sami trat etwas zurück.

Amaila traf ein: „Was ist los?“

« Ihr Begleiter will nicht bezahlen,» antwortete der Riese.

«Der will alles haben, der spinnt» warf Sami auf Englisch ein.

Amalia nickte und sagte freundlich: "wir können Ihnen nicht alles bezahlen. Sie haben uns nicht nach Choroni gebracht, wir geben Ihnen 20 $.»

«Was 20 $, aber Signora, das können Sie doch nicht machen! Wir hatten 80 ausgemacht», seine Gestalt schien zu wachsen.

Der Polizist war neugierig geworden. Er näherte sich langsam.

Amalia: „ wir geben Ihnen 25 $, das ist alles, da nur weil Sie Kinder haben.»

«30 und ich gehe»

«Ok» sagte Amalia. Sie gab Sami ein Zeichen, sie ihm zu geben. Dieser öffnete dann für Sami den Kofferraum, der die Taschen herausholte. Das Koloss fuhr schimpfend davon. Sami hatte dann die Reisetaschen abstellen wollen und Amalia hatte ihn geschimpft und gesagt, er solle lieber aufpassen wohin er tritt.

Nachdem Sami, aus seinem kleinem Ausflug in den Park, zurückgekommen war, und sich an seine Reisetasche gelehnt, ausgeruht hatte, bemerkte er, dass weiter hinten etwa 5 Meter vom Polizisten entfernt, in einer Kurve, ein riesiger Schwarzer Bauch sass. Seine in hellblauen Shorts hielten sich unter dem Koerper versteckt, ein kleiner Kopf schmueckte das Ganze. Der Polizist, der keinen durchliess, hatte ihn anscheinen nicht gesehen. Eine schlanke, kurvenreiche dunkle Grazie mit rosa Höschen und Lila T-Shirt tänzelte jetzt am Motorrad vorbei. Sie trug in ihren Armen eine grosse Plastikflasche mit «Chinoto»(Limonade) in grossen Buchstaben. Vor dem Bauch blieb sie stehen. Die zartgliedrigen, langen Finger des Bauches spreizten sich dem kühlenden Nass entgegen. Sie führten die Flasche zum Menschenmund. Die Grazie wartete geduldig bis der Bauch fertiggesaugt hatte. Sie tänzelte zurueck am Polizisten vorbei in den Schatten zu den übrigen Reisenden.

 

 

Weiterfahrt

Sami rapelte sich auf und ging zum Polizisten. Er fragte ihn "Was ist das?" und zeigte auf das Schild.

„Was?“ Der Polizist schaute auf das Schild, als ob er es zum ersten Mal sähe. «Parque Nacional, können Sie denn nicht lesen?“

«Doch, doch, aber wo fängt er denn an?» Sami fragte in aller Ruhe.

«Da, wo das Schild ist», sagte der Polizist, zückte sein Mobiltelefon und zeigte Sami die kalte Schulter.

Sami ging am Schild vorbei und erreichte wieder den Fluss. Die Kinder waren verschwunden. Plötzlich begann es zu regnen. Er stand zwischen den Blättern und hörte dem Prasseln zu. Sami kehrte zu Amalia zurück und der Gruppe Wartenden. Die Reisenden hatten sich kurz in den heissen Bus gefluechtet und waren nach dem Schauer zurueck auf ihre Schattenflecken gekehrt. Amalia, unterbrach ihre Konversation mit zwei auf dem Boden sitzenden Reisenden und die drei schauten erwartungsvoll auf Sami. Hinter dem Schild  gäbe es einen Fluss. Dort habe es eben Kinder gehabt, die dort gespielt haetten. Aber jetzt waren sie verschwunden und es gäbe keine Häuser weit und breit. Vielleicht können sie ihm erklären wohin die Kinder verschwunden sind.            

„Was willst du wissen,was die Kinder?“

Sie machte eine Pause. Sie schaute Sami an, als sei er nicht ganz normal.

„ Ja die Kinder die im Fluss waren, die sind plötzlich weg und gehören auch nicht zu den Reisenden hier. Ich kann hier keine von denen erkennen.“

„ Was kümmern dich die Kinder, was gehen dich die Kinder an, was weiss ich,wohin sie gehören ?“ Amalia schüttelte den Kopf und fuhr mit dem wichtigen Gespräch fort, das sie gerade gefuehrt hatte. Sie hatte eigentlich angeben wollen, dass sie mit diesem Europaeer befreundet sei, das fiel aber gehoerig ins Wasser, denn keiner verstand was er eigentlich wollte, mit den Kinder. So blieb er halt nur einer dieser merkwuerdigen Musiu (Messieur, franzoesisch), so wie die Kreolen die Leute nannten, die nicht aus Lateinamerika stammten, selbst die Chinesen wurden Musius.

Sami holte ein Buch aus seiner Reisetasche. Er setzte sich auf einen Stein. Der Asphalt dampfte die letzte Nässe weg. So warteten alle bis endlich am spaeten Nachmittag der Polizist mit der Nachricht kam, dass die Strasse wieder frei sei und alle stiegen in den alten Bus, Amalia und Sami mitinbegriffen. 

Die ganze Fahrt dauerte noch drei Stunden durch bewaldete Berge. Endlich erschien Choroni und das karibische Meer. Sie mieteten sich ein Zimmer mit Ventilator, 5 Minuten vom Meer entfernt.

 

 

 

Bett ohne Fühstück

                                                 

Seit ihrer Scheidung vor einem Jahr, war Amalia nicht mehr in Choroni gewesen. Es war ein Art „Bed without Breakfast“. Die Besitzerin Obdulia vermietete drei Zimmer, die nebeneinander lagen und gemeinsam in den Innenhof blickten. Dorthin gingen auch die Tür und das einzige Fenster mit Moskitonetz.

 

 Obdulia war um die Siebzig. Ihre Hand zitterte als sie Amalia die Schlüssel überreichte. Amalia musste übersetzen. Sami verstand die alte Frau überhaupt nicht. Ihr fehlten die meisten Zähne, sie trug ein hellblaues Kopftuch und ein sauberes von der Sonne gebleichtes Baumwollkleid. Am Ende des Ganges, an den Zimmern vorbei, führte eine Tür in die Küche, wo ein grosser Eisschrank thronte. 

Sami meinte, dass es eine spezielle Verständigung gab, zwischen der Vermieterin und Amalia, eine unsichtbare Bande, ohne Worte, Blicke, die mehr bedeuten als Worte. Wie konnte sie nur das verstehen, was die alte Frau nuschelte und dazu, angeblich auf Spanisch.Sami und Amalia liessen ihre Sachen im Zimmer stehen und eilten zum Strand.

Sami war 28 Jahre alt, gross, blond und sportlich. Zwei Jahre zuvor, hatte ihm seine Versicherungsfirma eine Stelle in Venezuela angeboten.  Abenteuer, neue Horizonte bei guter Bezahlung hatte er sich davon versprochen. Er schrieb sich sofort für einen Spanischkurs ein, und lernte eifrig die Sprache. Ein ernsthafte Liebesenttäuschung war zu verdauen gewesen, das hatte geholfen. Als er in Venezuela ankam, verstand er vorerst kein Wort. Er blickte auf die sich bewegenden Münder, die Laute ausstiessen, aber diese Töne klangen anders als die, die er in der Schweiz gelernt hatte. Venezolaner sprachen schnell und viel, sehr viel sogar. Sie verschluckten die Hälfte der Wörter, so konnten sie ohne weiteres  noch mehr sagen,dabei spielte der richtige Gesichtsausdruck, die richtige Geste eine wichtige Rolle.Ein "Nein" war kein nein, sondern ein vielleicht, oder doch nicht, ein ja vielleicht, ein niemals, ein noch nicht und noch einiges mehr. Sami konnte nie genau herausfinden, was sie so meinten. Dann hatte er noch ein merwuerdiges Phenomen entdeckt. So sehr sie sich angeregt unterhalten konnten und dazu mit grossen Gesten, so sehr erlahmten sie, alsbald man sie nach einer Ortsangabe oder nach dem Zucker oder Salz, oder nach einer Person fragte. Sofort entstand eine Stille, unsichere Blicke wurden blitzscnell ausgetauscht, es wurde abgewägt ob es gefährlich sei, mit der verlangten Information herauszurücken, bis endlich eine oder einer die Verantwortung übernahm und seinen Mund zu einem Kuss zu verzog, dabei zuckte seine Lippen mehrmals in Richtung des Gefragten, als ob er den Ort oder die Person mit einer Fernbedienung küssen wollte. Man musste einfach eine erfundene Luftlinie zwischen Kussmund und Luftkussobjekt bilden, um eine konkrete Antwort zu erhalten. Sami trainierte mit gut schweizerischer Gründlichkeit, die neue Ausdrucksweise. Abends zuckte manchmal sein Mund schon von ganz alleine, ohne gefragt zu werden.                                                                                                                    

Avila

Caracas

Die Firma hatte ihm eine wunderschöne Penthousewohnung zur Verfügung gestellt. Die Stadt liegt in einem weitverzweigten Tal auf 900 m und 1000 m Meereshöhe. Ein Ausläufer der Andenkette  erhebt sich nochmals bis auf 3000 Meter. Der Berg namens Avila trennt die Stadt vom Meer. Auf den Avila führt manchmal eine Seilbahn. Vor unbestimmbaren Zeit war eine belgische Firma beauftragt worden, sie zu reparieren. Der Firma wurde die Reperatur nicht bezahlt. Die Spezialisten nahmen einfach die Ersatzteile wieder mit. Während Jahren blieb sie geschlossen. Das Hotel oben machte Pleite. Manche Familienmutter war insgeheim glücklich, denn der Aussichtsort wurde nicht nur als Ausflugsziel benutzt, sondern diente als Übernachtungsmöglichkeit mit einer Gespielin.

 Als er seine Arbeitskollegen in der Firma auf den unmoeglichen Verkehr aufmerksam machte, erntete er nur müde Lächeln. Jean erzählte ihm: Es habe einmal auf der Autobahn elche die Stadt in zwei schneidet Stadt ein grosses Loch gegeben, in dem viele Autos verschwanden. Es wurde das Bermudaloch getauft, in Anlehnung an das Bermudadreieck, in dem auch Leute verschwanden. Man hatte dieses Loch erst nach einigen Tagen wieder zugemacht, weil Angehörige der Vermissten nach ihnen zu suchen begannen. Er könne ihm noch die Zeitungsartikel zeigen.

Dann gab es natürlich Fussgängern die sich todesmutig wie Toreros von den Gehsteigen auf die Fahrbahnenen stuerzten, um sie zu ueberqueren.

„ Was passiert, wenn man einen Fussgänger anfährt?“ wollte Sami wissen.                                                                                                                                     Man käme ins Gefängnis, wenn man erwischt würde. Der Schuldige ist zuerst immer der Autofahrer. Ja und dann, was geschähe dann? Nichts, wahrscheinlich würde man in Verwahrung bleiben, oder man bezahle Geld. Man müsse dann den richtigen Preis aushandeln, oder man hätte gute Beziehungen. Wenn einer stirbt, einer der Fussgänger? Das würde dann davon abhängen wieviel Beziehungen der Geschädigte hätte. Aber meistens hätten sie weniger als die Autofahrer, die würden kaum zu Fuss gehen.

Sami hatte sich ein kleines Auto besorgt, einen älteren Vollkswagen. Die Venezolaner nannten ihn „Wollwan“, denn der Originalname war viel zu hart und zu lang. Ma brauchte das Auto, abends war es zu gefährlich, auf der Strasse zu gehen. Man hielt auch nicht an den Kreuzungen bei Rot, damit man nicht plötzlich angegriffen und ausgeraubt wurde.

Die anderen Autofahrer waren sehr reaktionsschnell und immer um die Vorfahrt buhlend. Sie liessen ihren linken Arm aus dem linken Seitenfenstern baumeln. Sie machten Zeichen mit den Händen, wenn sie nach links oder rechts abbiegen wollten, oder winkten schnell auf und ab, wenn man langsamer fahren sollte. Manchmal unterhielten sie sich auch nur mit dem vom Beifahrersitz und gestikulierten. Das sah dann wirklich absurd aus, denn viele fuhren grosse amerikanische Strassenschlitten. Es sah sah aus, als hätten die Autos eine kleine Flosse links vorne.

Falls man den täglichen Verkehr überstanden hatte und sich jemanden traf, waren die Leute in Caracas freundlich. Sie luden ihn immer zu Partys ein, bei denen eisgekuehlter Whisky, Rum und Bier in grösseren Mengen durch immer durstigeren Kehlen floss. Ein Mann ohne ein Glas in der Hand war kein richtiger Mann. Das Glas musste regelmaessig leicht geschuettelt werden, damit das Eis gegen die Glaswand schlug und einen klirrenden Klang erzeugte, oder aber man steckte den Zeigefinger hinein und drehte leicht am Eis. Geschäfte wurden Hauptsaechlich mit Whisky besiegelt.  Viele Maenner die schon lange in der Hauptstadt Venezuelas lebten, trugen rote Nasen auf aufgedunsenen Gesichter. 

Nach seinem zweijährigem Aufenthalt, hatte Samis Firma  ihn wieder zurück in die Heimat beordnet. Die Belegschaft wurde auf die Hälfte reduziert. Die Währung des Landes Venezuela war zusammengebrochen, die Verdienste der Firma schrumpften ein, die Sicherheit im Land wurde immer schlechter, die Korruption blutete alles aus.

Erst während Samis Abschiedsfestes in der Firma, hatte er Amalia kennen gelernt. Sie arbeitete im gleichen Wolkenkratzer wie er, nur einige Stockwerke weiter oben. Ruedi, ein Kollege hatte sie aus dem Aufzug aufgefischt und zum Apero mitgebracht. Sie wäre ja so glücklich, sie habe gar nicht gewusst, dass es hier im Gebäude so nette Menschen gibt. Ihre schwarzen Augen kullerten einladend und warfen funkelnde Blitze in den Raum. Einer dieser schien Sami getroffen zu haben. Ihre samtbraunen Arme schimmerten trotz der Neonbeleuchtung. Er brachte ihr einen Drink, den sie annahm. Sie sei Venezolanerin, und gehe mit nüchternen Zahlen um, dabei nippte sie am Glas, welches nun rote Spuren aufwies. Sie liebe Poesie und Malerei. Schade, dass Sami schon abreise. Venezuela sei ein wunderbares Land, sie könnte ihm so vieles zeigen.

" Sie sprechen ja so gut Spanisch," schmeichelte sie Sami.

Er würde hier noch zwei Wochen bleiben, er wolle an der karibischen Küste nochmals Sonne und Wasser auftanken, bevor er wieder in die kalte Schweiz zurückkehre. Wieviel Liter Sonne er denn pro Tag benötige, fragte sie ihn.

"Ich wusste gar nicht, dass man die Sonneneinwirkung hier mit Litern messen koenne."

„Was meinen Sie?“ fragte sie verwundert.

„ Ich meine mit Litern messen, oder man koenne ja die geroeteten Gesichter zaehlen..“

Amalia schaute ihn misstrauisch an, das klang etwas respektlos in ihren Ohren. Er wusste nicht, ob sie verstand, was er gemeint hatte. So fuhr er fort: „Das kommt auf die Art der Sonneinstrahlung an.“

Es entstand eine peinliche Stille zwischen den Beiden, sie wollte sich schon an jemanden anderen zuwenden.

„Vielleicht sei die Sonne doch aus Salz oder Zucker“. Er lächelte angestrengt. Warum sage ich immer das falsche, dachte er, er erötete, er schwitzte jetzt trotz der Klimaanlage. Sie schaute ihn noch merkwürdiger an.                                                                                                                                                       «Ja „Ja, ich weiss, sie ist in In Wirklichkeit aus Helium, das war nur Spass“.

Weiss sie denn was Helium ist, fragte er sich. Die Peinlichkeit legte sich wieder. Jetzt schaute sie ihn mit grossen, erwartungsvollen Augen an.

«Helium ist ein Gaz, die Luftballone werden damit gefüllt, es ist leichter als die Luft. Es brennt ewig, das heisst fast ewig, eben unsere Sonne besteht aus Helium.“                          

„Aha“ , Amalia antwortete beeindruckt," das aber habe ich wirklich nicht gewusst,... was Helium heist das Gas," 

Dann begann sie ihm von Choroni zu erzählen, „ ein Traum von Dorf“. Zum Schluss meinte sie, sie könne den Ort ihm ja zeigen. Sie würde sich extra für ihn, ein verlängertes Wochenende freimachen.

Hoppla, das ging aber schnell. Sami schrak leicht zurück und zog eifrig den Whisky in sich hinein. Also Helium habe wirklich eine positve Wirkung gehabt, kommentierte Sami, als sie sich für ein verlängertes Wochenende verabredeten, er fuehle sich jetzt so leicht und beschwingt.