4. Kapitel. Caracas und Choroni

Zehn Tage später, wieder zurück in Caracas, schreibt Sami eine Ansichtskarte von seinem Hotel aus.

    

 

 Lieber Jörg,

Ich sitze gerade im Restaurant eines Hotels, hier in Caracas. Ich esse eine Kürbissuppe im 8. Stock mit Panorama auf die Stadt. Sicher weisst Du schon, dass ich zurückkomme. Die Belegschaft unserer Firma wurde halbiert. Sie schicken mich wieder zurück. Ich hoffe Euch geht es gut. Ich war gerade ein paar Tage unten an der Küste, in einem Dorf, das heisst Choroni. Es war herrlich. Ich habe Dir viel zu erzählen, und freue mich Euch bald wieder zu sehen.

                     

Liebe Grüsse an Dich, Karin und die Kinder 

                                                     

                                                      Sami. 

 

Nach dem Abendessen, warf sich Sami erschöpft von der Rückreise aus Choroni, auf das Bett seines Hotelzimmers.

Draussen prasselte ein Wolkenbruch auf die Wellblechdächer, auf die Strassen, auf Autos, auf den Asphalt, auf den Beton, auf den Stein der Stadt.

 

 

 Bruchteile von Sekunden lang,  flackerte bei jedem Blitz die gegenüberliegende Fassade auf. Er zündet sich eine Zigarette an. Ein Spielfilm huscht über den Bildschirm. Der Regen erstickt alle Geräusche, auch die des Fernsehers. „Aguacero“ nennen das die Venezolaner. Sami starrt die Decke an, welche zurück starrte. Einschlafen konnte er nicht. Gewöhnlich bricht jetzt der Verkehr zusammen. Die Hütten der Armen werden in Erdrutschen von den Hängen gerissen. Jedes Mal gibt es Tote und Verletzte. Aber die Armen bauen einfach weiter. Wo sollen sie sonst hingehen. Nachher schneidet Luft glasklar die Strassenzüge, überall tropft und dampft es.

Das Hupen der Autos, das Rauschen der Reifen, das Brummen der Motoren, die Sirenen der Polizeifahrzeuge oder der Krankenwagen meldeten sich zurück. Man gewöhnt sich daran, wie an das eigene Atmen, man hört es nicht mehr. Die Stadt atmet in ihrem eigenen Rythmus und jede hat einen anderen.. 

Sami lag mit offenen Augen auf dem Bett. Weissen Laken schützen ihn vor Moskitostichen. Lautlos rieselte der Bildschirm vor sich hin, er hatte es nicht gemerkt. 

Choroni

 

 Um 4.30 in der Früh wachte Sami plötzlich auf. Es schien ihm, als hätte das Kaninchen (El Conejo) mit ihm gesprochen. Am Abend, nach dem  zweiten Ausfluge nach Sepe, waren Amalia und Sami mit Konuko, seiner neunjährige Tochter und Felipe, seinem jüngeren Bruder, auf der Veranda einer Bar in Choroni gesessen.

Die braunen Bierflaschen schwitzen auf einem Eisentisch, der übersät war mit dunklen, verrosteten Kratzspuren im hellblauen Lack. Die Bierflaschen hiessen Polar. Ein Eisbär war darauf abgebildet, der natürlich auch schwitzte. Palmwedel fächelten über den Dächern. Die Abendbrise brachte warme, feuchte Luft vom Meer, eine Priese Abkühlung. Konuko erzählte wie er seine Frau kennen gelernt hatte. Sie sei die Tochter aus einer reichen Familie, spanischer Herkunft, aus Caracas. Als sie hier in den Ferien waren, hätten sie sich kennen gelernt. Natürlich hatten sie sich beide sofort verliebt. Sie wollte dann nicht mehr zurück nach Caracas fahren. Es gab einen grossen Skandal, aber sie blieb. Damals sei sie gerade 18 gewesen und er 21. Als sie dann heirateten, weil sie schwanger war, blieb dem Vater, nichts anderes übrig, als es zu akzeptieren. Er kaufte ihnen das Haus, in dem sie jetzt lebten. Besonders dessen Schwester habe auf den Vater eingewirkt. Seine Frau sei jetzt die Dorflehrerin hier.

Es begann zu dunkeln. In einer halben Stunde, also um 19:30 Uhr ist alles ganz dunkel.  Auf der Strasse kam ein Mann zielstrebig auf die Terrasse zu. Er war  1,75 Meter gross und mittleren Alters, mit äusserst muskulösem nackten, dunkelbraunem, schweissglänzendem Oberkörper. Er stand vor ihnen auf der Erdtrasse und starrte sie an. Dann begann er mit: „ Ein Fischer, Konuko ein Mann des Volkes, ein Musiker, ein Trommelspieler.“ er zeigte auf Konuko. Er fuchtelte mit seinen Fäusten, als stände er mitten im Boxring, „ der beste Sänger des Dorfes, ein Mann, der die Tradition des Dorfes pflegt,“ fuhr er weiter. Er kam Sami immer näher. Sami wurde es ungemütlich. Gut das die Balustrade ihn beschützte. Der Mann war Kämpfer und Ausrufer gleichzeitig. Dann begann er zu stottern. Seine Fäuste flogen immer schneller je mehr er stotterte. Sami warf Konuko einen hilfesuchenden Blick zu. Dieser sass ganz ruhig und gelassen auf seinem Trohn, mit seinem Töchterchen brav auf seiner Seite. Er beruhigte Sami mit einer kleinen Geste.. Der Mann wurde immer aggressiver, Sami wusste nicht, wie er reagieren sollte.                           

Konuko bemerkte: „ El Conejo will nur ein Bier, gib es ihm.“

Sami griff nach einer vollen Bierflaschen auf dem Tisch und reichte sie dem Schattenboxer.  Dieser ergriff die Flasche und verschwand in der Dunkelheit. Die Erdstrassen schlummerte in ihrer spärlichen Beleuchtung. An jeder zweiten oder dritten Kreuzung verteilte eine Strassenlampe ihr gelbliches Licht, umschwirrt von einer Wolke Insekten.

 "Warum heisst er denn Kaninchen,(Conejo)?“ fragte Sami.

„ Weil er einmal so flink und schnell war wie ein Kaninchen. Keiner konnte ihn erwischen,“ antwortete Konuko.

«Wie meinst du das», Sami verstand nicht.

«Er war einmal der Stolz Choronis gewesen. Er hatte noch bis vor 4 Jahren eine grosse Kariere. Jedoch bei einem Boxkampf in den USA, erhielt er einen unglücklichen Schlag an den Kopf. Seitdem ist er so. Jetzt ist er der Rettungsschwimmer von Choroni. Er ist in Wirklichkeit sehr gutmütig, harmlos

Choroni

Das Kaninchen erschien wieder. Jetzt boxte es schon von Afang an gegn die Schatten. Sami gab ihm schnell sein Bier. Diesmal wollte es auch eine Zigarette. Sami gab sie ihm. Er verschwand wieder. Sami fragte Konuko, ob er für das Kaninchen eine extra Ladung Bier bestellen sollte?

Konuko schüttelte leicht den Kopf: „ dieses Kaninchen ist harmlos“. 

Keiner sprach mehr, man war glücklich nur dazusitzen um das kühle, sprudelnde Nass in sich hineinzuziehen. Es waren Deutsche Brauer, welche diesen Gerstensaft in Venezuela nach Bayerischem Rezept entwickelt hatten. Dagmar tauchte in leuchtendem Weiss Dagmar aus der Dunkelheit der Strasse auf. Natürlich hatte sie auch noch ein weisses Chiffonkleid angezogen, damit man sie ja nicht übersieht, oder war es im Kontrast zu Konukos Schwarz? Sie setzte sich freudestrahlend neben Amalia, deren Gesicht sich versteinerte.

Morgen früh würde sie nach Caracas fahren, zum Flughafen, um ihre Freundin abzuholen, eröffnete Dagmar auf Deutsch. Sie ignorierte die Anderen, sie sprach nur zu Sami. Amalias gute Laune war verflogen. Was für eine Frechheit einfach so hereinzuplatzen.

Sami übersetzte auf  Spanisch, was Dagmar ihm gerade gesagt hatte. Konuko sass wie ein König da. Ein glänzender Schimmer überzog seine Augen.

Sie würden dann eine Woche dort bleiben. Gemeinsam würden sie weiter nach Kolumbien ziehen, fuhr Dagmar weiter auf Deutsch fort. Sie schüttelte ihre blonde Mähne. Amalia riss ihre Augen weit auf.  Dagmar wollte wissen, wo er denn hier in Choroni untergebracht sei.

Er versuchte ihr den Weg zu seiner Bleibe zu beschreiben. Sie aber winkte ab. Ob er denn ihr nicht ein paar Adressen von Kolumbien habe, oder ihr Orte empfehlen könne, da er doch schon so lange in Südamerika sei.

Sami antwortete ihr, er kenne sich nur in Venezuela aus, er könne ihr auch nicht weiterhelfen. Ausserdem würde er in einer Wochen wieder in die Schweiz zurückkehren. Seine Zeit hier sei abgelaufen. 

Sie würde gerne seine Adresse in der Schweiz haben, sie käme ab und zu mal nach Zürich, und man könne sich ja dann treffen.

Selbstverständlich, aber er möchte auch die von ihr. Er habe sein Adressbuch im Zimmer gelassen.

Mit einem Ruck stand Dagmar plötzlich auf. Der Stuhl kratzte eine zarte Spur in den Holzboden. Dagmar ging in die Bar hinein. Sie schoss einen verächtlichen Seitenblickpfeil auf  Amalia ab. Amalia schmiegte sich an Sami. Sie fragte ihn ganz beiläufig, was die Gringa denn gewollt hätte.

Sie wolle nur wissen, wo wir übernachten würden, und ausserdem bräuchte sie ein paar Adressen von Kolumbien, da sie bald weiterreisen würde. Amalias schwarzes, wildes Haare sträubte sich wie das einer Katze. Dagmar schwebte in in Wellenbewegungen mit einem Bier in der Hand zum Tisch zurück.

Amalia fauchte Dagmar in gestochenem Englisch an: „Sami hat sich in Dich verliebt. Du bist der Grund, dass meine Ferien verdorben sind».

Alle schauten auf Sami. Sami wollte sich am liebsten unter die Erde verkriechen. Dagmar fiel aus allen Wolken. Sie verstehe gar nicht was der Quatsch soll. Amalia bilde sich das bestimmt nur ein.

„ Doch, doch das ist schon so, das weiss ich bestimmt, das kann man doch sehen, tu doch nicht so unschuldig“ Amalia kam langsam ih Fahrt.

Sie habe doch Sami nur nach ein paar Adressen gefragt, ausserdem sei er gar nicht ihr Typ, konterte Dagmar.

Sami sass wie gelähmt da. Kein Wunder, dass Amalia geschieden ist, dachte er sich, die ist ja verrückt.

„ Warum wolltest Du denn wissen wo er ins Bett geht?“ Amalia schaute triumphierend in die Runde. Sie blickten sich belustigt oder verlegen gegenseitig an..

Dagmar schüttelte nur den Kopf. Ihr hat es die Sprache verloren, bei so viel Blödheit.

Sami  tauchte aus dem Schock auf. Er wurde wütend. Er wollte nichts dazu sagen. Was soll denn das, sowas macht man doch nicht. War Amalia denn vollkommen von Sinnen, so vor all den Leuten. Er musste sich kontrollieren.Die Luft war zum schneiden. Nur einen kleinen Augenblick hatte er sich mit Dagmar auf Deutsch unterhalten. Da spielt die verrückt.

Er sprach mit tiefer, ruhiger Stimme:„ Sie solle besser wissen, wer sich in wen verliebt habe!“

Amalia schaute verdattert auf Sami, als sei er das Orakel von Delphi. Sami klopfte auf den Tisch. Zwei braune eisgekühlte Bierflaschen klirrten aneinander. Ein paar Tropfen des kondensierten Schleiers rannten die Flaschen hinunter. Sie hinterliessen dunkelbraune Bahnen im samtenem Braun.

Amalia hat ein Brett vor dem Kopf, schoss es Sami durchs Gehirn. Amalia starrte ihn an und wartete, dass er noch etwas sagen würde.

Sami schwieg verdrossen, mein Gott was für ein Huhn. Amalia spinnt, Amalia spinnt, Amalia spinnt wirklich, wollte er sagen, aber er brachte nichts heraus.

Amalia fragte die Anderen: „Was meint er damit?“

Doch keiner fand eine Antwort.

Es begann leicht zu regnen. „ Vamos pa casa,(gehen wir nach Haus)“  zwängelte Konukos Tochter. Sie zerrte ihren Vater am Arm. Er begann einen Witz zu erzählen. Als sein Bruder Felipe einen weiteren Witz erzählen wollte, befahl Amalia, Sami solle mit ihr nach Hause gehen und stand auf.

„ Schau, es regnet, ich bleibe,“ erwiderte er ruhig.

Dagmar fragte: „ Wo ist denn hier die Toilette?“

„ Zeig ihr, wo die Toilette ist,“ befahl Konuko seiner Tochter.

„ Ist es nur der Regen?“ stach Amalia.

„ Nein,“ erwiderte Sami knapp, wie konnte sie, wäre er doch nie mit ihr losgefahren. Ja gut, dann hätte er auch Choroni nicht kennengelernt, aber was soll's, das ist nicht der einzige Strand. Amalia setzte sich wieder.

Eine leichte Brise kam auf. Die an einem Kabel über ihnen hängende Glühbirne wackelten hin und her, so auch die Schatten. Keiner sagte ein Wort. Der Regen prasselte auf das Vordach aus Wellblech. Nach einer Weile hörte er auf. Die Bierflaschen schwitzten weiter.  Dagmar kehrte von ihrem Ausflug auf der Toilette, zurück. Die Flaschen wurden ausgetrunken.

„Vamos pa casa, „ bat die kleine Tochter weinerlich, die von ihrer Mutter beauftragt worden war, ihren Vater mit nach Hause zu bringen. Der Vater und Sami standen auf. Sie gingen auf der mit Pfützen übersäten Strasse. Die drei Männer, gingen voran. Konuko hielt seine Tochter an der Hand. Sie gingen langsam um die Wasserlaken, übersprangen die kleineren, ihre Sandalen sollten nicht dreckig werden, es war wie ein lautloses Zeitlupenballet, wo ab und zu einer hochsprang..

Die beiden Frauen stritten sich auf Englisch im Schlepptau. Felipe der 18 Jahre alt, blickte ab und zu, erschrocken zurück. An einer Strassenecke mit gelblichem Licht, hielten sie an. Felipe verabschiedete sich. Er  müsse morgen früh aufstehen, er müsse nach Maracay, zu seiner ersten Anstellung. Was würde er denn arbeiten werde, fragte ihn Sami. Bei einer Toilettepapierfabrik, in Maracay, ein Onkel habe ihm diese Anstellung verschafft. Sami fragte Konuko, ob sie vielleicht morgen wieder nach Sepe fahren könnten. Natürlich sagte Konuko, Sami müsse nur genügend Passagiere organisieren. Okay, das würde er tun. Also, morgen um 9.00 Uhr würde er ihn holen.                                                

 „Abgemacht.“                                              

 „Abgemacht,“ Sie waren an der nächsten Strassenecke angelangt. Konuko erklärte Sami, wo er wohnte. Dann gingen auch er mit Töchterchen nach Hause. Als Sami die metallene Eingangstür seiner, oder besser gesagt ihrer Unterkunft erreicht hatte, waren Amalia und Dagmar schon dort angekommen.

Amalia wollte jetzt unbedingt Dagmar zu sich ins Hotelzimmer einladen. „ You are wellcome,“ wann immer sie wolle. Dabei machte sie eine weiteinladende Geste zur Tür. Dagmar schüttelte den Kopf. Sami fand das einen Witz. Er hätte fast gelacht. Dagmar verabschiedete sich mit erzwungenem Lächeln. Dann wandte sie sich zu Sami. Sie reichte ihm ihre weiche Hand, ohne ihn anzuschauen.               

„Wie können sich erwachsene Menschen nur so kindisch benehmen,“ sagte sie, drehte sie sich um. Sie ging die Strasse zurück. Sami schaute ihr nach und bevor sie ganz in der Dunkelheit verschwand, dachte er,  dass eine österreichische Maryline Monroe, schon etwas absurd einladendes habe. Sie hob sie nochmals lasziv ihre Arme. Sie strich ihr Haar glatt. Amalia war schon hineingegangen. Die  hellblau lackierte Metalltür krächzte hämisch, als er sie vorsichtig schloss.

Amalia war durch den langen Gang gestürmt. Sami folgte ihr ins Zimmer mit schwirrendem Ventilator. Er holte sein Buch und setzte sich draussen auf die Veranda auf einen eisernen weissen Stuhl mit Plastikgeflecht. Er blickte auf die dunklen Pflanzen des Innenhofes. Eine Glühbirne unter dem Vordach spendete Licht. Nach einer Weile huschte Amalia im weissen Nachthemd, vom Zimmer ins Bad. Sie würdigte Sami keines Blickes. Er blickte flüchtig auf als er eine Seite umdrehte.