5. Kapitel. Amalia

„Männer sind alles Feiglinge.“ Warum sagt er nichts, er sitzt da wie ein Klotz und liest. Alle sind doch gleich, diese Europäer, so kalt, keine Gefühle. Tommy ihr „Ex“,war auch typisch europäisch. Typisch europäisch, kaltes Blut - tun nur so, als seien sie warm. Aber Tommy und ich, hier in Choroni, das war so schön gewesen. Er hat natürlich keine andere Frau angeschaut,niemals, nicht wie dieser hier.»

In Caracas hatten Amalia und Tommy sich kennen gelernt, bei einem Empfang des Instituts für Entwicklungsprojekte. Nach der Heirat fuhren sie zuerst nach Brasilien und verbanden berufliches mit den Flitterwochen. Als Reporter waren sie überall gewesen in Brasilien, zwei Jahre lang. Ja gut Tomy war Reorter für AP gewesen. Amalia begann zu weinen. Dann schaute sie sich im Spiegel an, um die schwarzen, verweinten Spuren der Liedfarbe wegzuwischen.

„Mein Gott wie sehe ich aus!“ Sie wurde bleich vor Schreck.

«Ganz Schwarz, wie die von hier, um Gotteswillen, damit kann ich mich nicht mehr in Caracas blicken lassen. Ich hätte doch mehr Sonnblocker auftragen sollen. Deswegen schaute er mich nicht mehr an, deswegen wollte er nur die Blonde. So ein Rassist. Was habe ich nur getan, warum bin ich mit so einem Idioten hierher gefahren. Ich zeig ihm unser Land, die Perlen von Venezuela und er schaut mich nicht mal an. So ein gemeiner Hund. So schwarz, was werden die bei der Arbeit sagen, die werfen mich glatt raus, mein Gott, was habe ich denn nur gemacht, wie konnte ich denn nur so blöd sein, ich hätte mehr Sonnenschutzmittel mitnehmen sollen.»

 Amalia wurde es schwindelig, sie musste sich setzen, da ist die Toilette, gut - da ist ein Deckel drauf. Ein Weinkrampf schüttelt sie. Dann geht sie wieder zum Spiegel, sie kann es kaum glauben.  „Was, nein das schält sich ja, was für ein hässlicher Flecken! Kein Wunder, Sami wollte nichts mehr von mir wissen. Was soll ich jetzt nur machen?»

Wieder schossen Tränen in ihre Augen. « Was, mit diesen Haaren, so wild, ich sehe ja noch schlimmer aus.» Sie setzt sich wieder auf den Klodeckel.

„Ein Jahr nach der Scheidung, und ich dachte hier mit Sami, hier in Choroni könnte ich Tommy vergessen. Nein so eine Katastrophe, der kalte Klotz sitzt einfach da und liest.»

Sie geht zur Dusche, natürlich nur kaltes Wasser, aber bei der Hitze.“...Sie stellte sich unter den kühlenden Wasserstrahl.

„In Caracas muss ich unbedingt zu Joana gehen, die wird mir helfen. Ja, und dann muss ich unbedingt zwei, drei Tage krank machen.“

Amalia trocknet sich ab und huschte zurück ins Zimmer. „Der sitzt ja immer noch wie ein Holzpflock da So ein gemeiner Kerl.“ Sie warf sich aufs Bett, die riesigen Propeller surrten an der Decke.

«“So beschissen fühlte ich mich noch nie, wo ist Tommy?“ Und wieder überkam sie ein Weinkrampf. Sie biss ihre Zähne ins Kissen und schluchzte richtig drauf los. Aber dann nach drei Jahren Brasilien mussten sie nach Chile, da begann der ganze Schlamassel. Er musste immer öfters weg auf  Reisen. Am Anfang nahm er sie mit, auch einmal nach England, aber dann immer weniger. Sie hatte in Chile langsam ihren eigenen Freundeskreis aufgebaut, Künstler und Autoren, Dichter, oder welche die es werden wollten, oder sein wollten, oder nie sein werden, trafen sich bei ihr.

Madame Recamier hatte sie Tommy spöttisch genannt. Das hatte ihr noch nichts ausgemacht. Aber dann wurde er  eifersüchtiger. Jedes Mal wenn er von seiner Reisen zurückkam, gab es einen Riesenkrach. Einmal hatte er ihre Freunde richtig rausgeworfen, Fliegen hatte er sie genannt, Drecksfliegen. Betrunken war er gewesen, wie konnte sie sich nur an solche opportunistische Parasiten halten? Hatte er sie angeschrien. Sie soll jetzt nicht soviel heulen! Was tut Sie denn schon als sein Geld auszugeben und Parties zu feiern, hier in Chile.  Habe sie denn gar keinen politischen Standpunkt, als Tochter eines früheren Gewerkschaftsführer aus Venezuela! Dann hatte er sich auf die Couch in seinem Büro geworfen und war eingeschlafen.

Zum Frühstück ist er gar nicht erschienen, er war schon wieder weg. Gegen Abend tauchte er  auf. Er packte seine Koffer . Sie stürmte ins Arbeitszimmer : „Was machst du, wohin gehst du?“

 Er antwortete ihr nicht, sondern schloss seine Mappe.

„ Mein Vater ist an einem Herzinfarkt gestorben, weil er sich immer so aufregen müsste,“ sagte Amalia.

„Sicherlich nicht wegen Dir!“ gab er zurück.

„Was, ich verstehe dich nicht, was meinst du?“

Tommy richtete sich auf und schaute sie an.

„Siehst du’s nicht, verstehst du auch gar nichts? Es ist aus, wir haben uns nichts mehr zu sagen, wir streiten uns nur noch. Ich habe die Nase voll, ich gehe jetzt.“

„Kein Wunder, dass du so voll bist bei dem Alkohol,“

Tommy zückte nur mit den Schultern und drehte sich um. Er holte weiter Unterlagen aus dem Regal.

„Ich hab das nicht so gemeint.“

Keine Antwort.

„Du kannst doch nicht einfach so abhauen, ich bin deine Frau, nicht jetzt.“

„Gewesen“ murmelte er.

„Was! Ich ich habe dich schon gehört. Na dann gib mir deine Schlüssel und die Bankkarte!“

Er hatte sie nur angeschaut, ihr den Schlüssel hingeworfen und die Bankkarte, seinen Koffer fertiggepackt, dann war er weg. Das hätte sie nie gedacht, dass er einfach so weg gehen würde, einfach so, ohne was zu sagen. Er hatte sie dann aus Washington angerufen und ist nicht mehr zurückgekommen. Sie könne ja nachkommen, falls sie wolle, hatte er ihr per Telefon gesagt, aber er wüste nicht, ob es ihr in Washington dort gefallen würde. Es sei hier schon ganz anders als in Südamerika.

„Willst denn überhaupt, dass ich komme?“

„Das weiss ich noch nicht, darüber muss ich nachdenken“. 

„Das weiss ich noch nicht, darüber muss ich nachdenken“.

„Dann denk mal nach und wenn du es weisst, kannst du mich ja anrufen,“ hatte sie ihm erwidert, dabei hatte alles in ihr gezittert. Dann war Stille am anderen Ende, diese Stille. Dann hatte er einfach « ja» gesagt und wieder gewartet.

„Wenn du zu lange wartest, dann ist es vielleicht zu spät,“ hatte sie ihm dann gesagt.

„Aha,“ hatte er geantwortet, „gut“.

„Was soll sie mit den Sachen machen?“ hatte sie ihn dann gefragt.

„ Schick sie mir nach Washington nach. AP wird es schon bezahlen“.

„Alles?“

„ Das entscheidest du selber“. Dann war die Linie unterbrochen. Eine Telfonnummer hatte er ihr nicht einmal hinterlassen, so ein Feigling, und die bei der Arbeit hatten auch keine Privatnummer von ihm gehabt.Hatten sie gesagggt.Wohin sollte sie dann die Sachen schicken?

Sie hatte dann mit Hilfe ihrer Freunde, den Drecksfliegen,wie er sie genannt hatte, die schöne Wohnung aufgelöst, mitten im Zentrum von Santiago, in einem alten und schönen Gebäude, und vieles einfach verkauft. Den Rest entweder über die Agentur nach Washington., oder nach Venezuela schicken lassen. Die Freunde hatten ihr beim Packen geholfen und  ihr Mut gemacht. Dann war sie zur Mutter in den Familienkreis zurückgekehrt und hatte sich noch einmal tüchtig ausgeweint.  

„Wo bleibt denn Sami, kommt er überhaupt nicht mehr, oder ist er abgehauen zur Gringa?“

Sie stand auf und schaute durch die Jalousien des Fensters auf die Veranda. Das darf doch nicht wahr sein, der sitzt ja immer noch auf seinem Stuhl. Der ist aber komisch, was für ein komischer Kauz. So ein Idiot. Ich wusste gar nicht, dass Schweizer so dumm sind.

Sami war ins Buch hineingekrochen, es hatte ihm ziemlich viel Selbstdisziplin gekostet, sich nichts anmerken zu lassen: So kann es nicht weiter gehen, dieses ganze Theater mit Amalia muss gestoppt werden. Diese Amalia ist unmöglich, was bildet sie sich denn ein, was erlaubt sie sich denn? Was für ein kindisches Benehmen, sich und mich so bloszustellen. Er hasste „Telenovelas“, diese  südamerikanischen Kitschserien in Fernsehen. Das hat ihm gerade noch gefehlt, da war er also in eine hineingeraten. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Lieber nicht an den nächsten Folgen teilnehmen.

Der bewegt sich ja gar nicht, was liest er denn?  Amalia tritt aus dem Zimmer.

„Kommst du denn überhaupt nicht mehr schlafen?“

„ Darüber reden wir morgen.“

„ Morgen ? - zu spät!“ Erwiderte sie. „Warum nicht heute?“

Sami blickte sie jetzt endlich an, wie sie so im weissen, halbtransparenten Nachhemd wie eine schwarze Furie vor ihm stand. Und wieder kam die Wut in ihm hoch. So vor all den Leuten ihn lächerlich zu machen. Das halbe Dorf lacht bestimmt jetzt über uns.

„ Wenn,“ krampfhaft bewegte er seine Lippen, „dann solltest du zuerst einmal lernen, dich zu respektieren und mich zu respektieren“.

„Was, was heisst das, ich verstehe dich nicht“ ihr wilder Blick brachte ihn fast zum Lachen..

„ Ja das merkt man,“ bemerkte er trocken.

« Du Idiot, was bildest du dir ein, nur weil du liest, denkst du, dass du gescheit bist».  Amalia wollte sein Buch ergreifen. Doch er hielt es unter der Sitzfläche versteckt. Fast wäre sie über ihn in den Patio gefallen. Er stiess sie zurück. Sie wollte sie losheulen. Nein, um Gottes Willen, noch eine Szene: „ Schöne Dinge wie diese Reise und unsere Freundschaft sollte man unterstützen und nicht versuchen kaputt zu machen.“

„ umhab, und was sagst du da?“ Amalia verschränkte ihre Arme jetzt. „Wer macht hier was kaputt?“

Sami atmete tief durch und mit ruhiger, dunklen Stimme erklärte er: „ Schau, ich bin alt genug um zu wissen was ich will, und keiner kann mir sagen wann und wie ich mich zu verlieben habe, das ist ja absurd.“

„ Aha, absurd?“

„ Ja, absurd! “

„ Aha absurd, weisst Du was Du mit dem absurd machen kannst ? Du kannst es Dir dort hinstecken, Du weisst schon wo!“

Er reagierte überhaupt nicht, er nahm sein Buch und begann wieder zu lesen.

„ Ich verstehe überhaupt nichts mehr,“ schrie sie ihn an, „ ich weiss gar nicht was Du willst“

„ In Ruhe gelassen zu werden,“ gab er ihr trocken zurück.

Wütend stampfte sie ins Zimmer zurück. Nach ein paar Minuten kam sie angezogen wieder heraus. Sie würde im Dorf noch eine Runde ziehen, warf sie ihm an den Kopf. Er reagierte nicht, er las weiter. Sie blieb einen kurzen, langen Augenblick stehen. Sie schaute ihn anklagend an, dann stürzte sie sich in die gefährliche Dunkelheit der dunklen Strassen Choronis.

„Erwachsen,sie ist erwachsen, wenn sie alleine um diese Zeit-.. Naja, sie kennt sich ja hier aus. Ich bin doch nicht ihr Vater“. Er vergrub sich noch tiefer in die Buchstaben seines Buches. Des Englischen nicht so mächtig, machte es ihm Freude die fehlenden Worte zu erraten. Die richtige Übung, um sich in den Griff zu bekommen. Die Nylonschnüre und der Metallrahmen schnitten in seinen Körper. Irgendwann, eine halbe oder eine ganze Stunde später, schlich sie sich an ihm vorbei.

Als er merkte, dass er beim Lesen fast einschlief, und nur durch die unerbittlichen harten Eisenstäbe und die sich in sein Fleisch hinzwängenden, weissen Plastikschnüre wachgehalten wurde, rappelte er sich auf. Amalia schlief ruhig. Vorsichtig legte er sich angezogen neben sie aufs Bett.