6. Kapitel Meer, Strand und Sonne

 

Am nächsten Morgen gingen sie sich erfolgreich aus dem Wege. Sami stand früh auf. Er schlich sich ins Badezimmer, zog sich dort um. Er huschte an der Zimmertür vorbei und als er die Eisentüre geöffnet und geschlossen hatte, wachte Amalia auf.

Er ging seinen Kaffe trinken und «Empanadas» essen, südamerikanische Maultaschen, gefüllt mit Fisch oder Hackfleisch, oder Käse oder schwarzen Bohnen, in Venezuela wurden sie mit Maismehl gemacht und frittiert. Er hatte sich an sie gewöhnt und jetzt mochte er sie. Nur die mit Fisch ass er nicht zum Frühstück. Die nannten sie auf der Strasse mit „cazon“gefüllt. Was so viel bedeute wie kleiner Haifisch. Ja man würde sie mit Haifischfleisch füllen. Ob es denn noch so viele gäbe, hatte er wissen wollen. Im Wasser nicht mehr so viele, die Leute würden zu viele „empanadas“ essen, war die Antwort gewesen.

Amalia stand langsam auf. Sie fühlte sich wie gerädert, leergepumpt. Sie holte ihren Taschenspiegel hervor. Sie betrachtete sich von Neuem, zog etwas über und trat sie hinaus ins Morgenlicht. Insekten und Vögel schwirrten um umd ie Blumen und Sträucher des Patio. Die Zimmernachbarinnen, die Mutter um die Fünfzig, die Tochter, achtzehn tauchten auch auf.  Amalia hatte sich mittlerweile gut mit Renata und Tochter Nilda befreundet. Sie entschuldigte sich wegen des Lärms der letzten Nacht. Sie hätten nichts gehört, meinten die beiden, gleichzeitig waren sie neugierig, die letzten Neuigkeiten zu hören. Die Mutter, eine Venezolanerin, mittelgross etwas gedrungen und milchkaffeebraun Sie hatte eine extrem hohe scharfe Nasalstimme. Sie klang wie ein kleiner Papgei. Ihre Haare schillerten goldgelb.                                                                                                                Ihre Tochter hingegen war naturblond. Ihre weisse, zarte Haut brauchte starken Sonnenschutz.. Natürlich würde sie Amalia ihre Sonnencreme leihen, sie habe genügend mitgenommen. Alles war weich an Nilda, auch die Stimme, die Augen, die Gesichtszüge ihre üppigen Formen. Sie waren alle im selben Bus nach Choroni gereist und Amalia hatte jene rege Unterhaltung mit ihnen unten beim Warten gehabt. Dann waren sie zusammen nach Sepe gefahren und jetzt führten sie ihre Gespräche weiter.

Sie sassen sie zu dritt auf der Veranda neben den Zimmern und schütteten sich ihre Herzen aus. Kolibris nährten sich dem Nektar der roten Ibiskusblüten. Der riesige Busch war übersät mit roten Flecken. «Blume eines Tages» werden die Blüten hier genannt. Sie blühen einen Tag lang und fallen auf die Erde. „ Callena“, die Fallende, Anspielungen auf Mädchen des leichten Gewerbes. Die bist wie die Ibiskusblume, blühst einen Tag, dann kommt der Kolibri mit seinem Schnabel und saugt dich aus. Dann fällst du auf die Strasse. Der Tag wurde heisser, aber noch nicht erdrückend. Der Himmel leuchtete hellblau.

Sami  war zurückgekommen. Er holte seine Badehose und ein Badetuch. Als er näher kam, verstummten die drei Frauen. Sechs streng prüfende Augenpaare musterten ihn. Er begrüsste sie gut gelaunt. Ob sie auch mit von der Partie seien?

„Welche Partie?“ Der Ausdruck ihrer Augen wechselte blitzschnell.

„Nach Sepe, ich organisiere wieder eine Bootsfahrt.“

 „Natürlich kommen wir mit,“ hakte die Mutter ein. Dabei warf sie einen verunsicherten Blick auf Amalia, die jedoch ihr beipflichtend zunickte. Nilda schaute verträumt auf die Blumen.

„Also dann in einer Stunde beim Hafen“, sagte Sami und tat so als sei es das Natürlichste von der Welt.

„Ich gehe jetzt zu Konuko und sage ihm, dass wir genügend sind für die Bootsfahrt.“

Als Sami bei Konukos Haus ankam, machte er ihm erst nach hartnäckigem, lautem Klopfen auf. Er war erstaunt Sami so früh anzutreffen. Was er denn wolle, sei etwas passiert, wollte er wissen.

Meer, Sonne, Sepe

 

«Wir hatten gestern abgemacht, dass wir heut um neun nach Sepe fahren, also ich bin hier, um acht . Habe ich dich aufgeweckt?» Konuko nickte.                          

 «Komm rein.»                                                                                                          

Sie gingen einen langen, schmalen Gang entlang zur Küche. Diese war hell und geräumig, jedoch spärlich bestückt. Ein  grosser Gasherd mit Ofen, gespeist durch eine Gasflasche die rechts in der Ecke stand, einen mittelgrossen Eisschrank links an der Wand, links davor der galvanisierte Metallkasten einer Kühltruhe, für Fische wahrscheinlich, dachte sich Sami, ein Waschbecken von gesprenkeltem Stein, Regale an der Wand hinten mit Geschirr, einem weissen Küchentisch und vier weisse Stühle. das Licht schien durch ein milchiges Wellblech an der Decke.

«Setz dich, ich komme gleich wieder» Konuko verschwand im Flur.

Aus einem der Zimmer kommend hörte er Stimmen. Hatte er nicht gerade Konuko beim offenen Türrahmen vorbeieilen gesehen? Die Einganstür fiel ins Schloss. Was sollte er machen, in diesem fremden Haus, soll er sich vorsichtig rausstehlen? Aber sie hatten doch abgemacht. Hatte das Konuko vollkommen vergessen? Wie peinlich!

Zwei Minuten später erschien Konukos Tochter. Sie begrüsste Sami erfreut. Sie entschuldigte ihren Vater, er habe noch etwas erledigen müssen. Er käme gleich. Sie verschwand kichernd in die hinteren Gemächer. Etwas später tauchte Konukos Frau auf. Sie war an die 1,70 m gross. Sie sah spanisch aus, sie trug gewelltes, langes, schwarzes Haar. Ihre Haut war helle Haut, sowie feinen Gesichtszügen. Sie glich einer dieser Madonnas in den Prozessionen. Sie entschuldigte sich, aber sie hätte noch etwas vorbereiten müssen. In einer halben Stunde müsse sie mit dem  Unterricht in der Dorfschule beginnen.

« Möchten Sie vielleicht einen Kaffee ?“ Sami bejahte dankend. Sie stellte den Wassertopf auf den Herd und zündete die Gasflamme an. Dann wollte sie unbedingt wissen, wie es komme, dass er hier in Choroni sei. Als er ihr alles berichtet hatte, lobte sie ihn, seines guten Spanisch wegen. Konuko kam zurück. Er hielt ein Zuckerpaket in der Hand. Sie goss den Kaffee in die Tassen und fügte den Zucker direkt aus dem Papierumschlag des Zuckers in die Tassen. Konuko nahm gleich vier Löffel. Beim servieren entschuldigte sich sich, «aber die Schule» und verschwand in den hinteren Teil des Hauses.

„ Wie viele Passagiere hast Du denn?,“ fragte Konuko.

Sie seien zu viert, aber er würde sich noch im Dorf umschauen.

„ Gut, dann treffen wir uns um zehn beim Boot, Okay?“

„ Okay“ antwortete Sami.„ Gut dann bis nachher, um 10 Uhr, aber um 10 Uhr zehn Uhr und nicht 10 Uhr - elf Uhr.“.

Am  Strand, kaufte er sich bei einem kleinen Laden, zwei weitere fischgefüllte «Empanadas». Dazu bestellte er einen eisdurchmischten, „Chirimoiasaft“, Chirimoia war eine starkparfümierte tropische Frucht. Ein langer, hagerer, blasser, fischimportierter Nordeuropäer stand verloren auf der Strasse und beobachtete die Umgebung. Sami wandte sich ihm zu. Er sprach ihn auf Englisch an.

“Probieren sie doch einmal diesen Saft, er schmeckt köstlich!“ Der wird gleich hier, auf der Stelle präpariert.

Der junge Mann wollte sich abwenden. Er wollte sich n seinem unsichtbaren Geäuse verstecken. Seine Neugierde liess ihn doch ein Fensterchen offenhalten. Er näherte sich nur zögernd der Theke. Sami bestellte kurzerhand einen Saft für. Beide standen jetzt neben einander, der Engländer schien leicht verstimmt. Sami fühlte sich plötzlich neben seinen Schuhen, zuerst beim Konuko und jetzt noch der verklemmte Nordeuropäer. Der Tag fängt ja gut an. Aber er ist ja selber Schuld, die Leute einfach so anzusprechen.  Die Früchte lagen vor ihnen, hinter einer Glasscheibe.

Der Verkäufer füllte ein langes Glas mit dem Getränk und reichte es dem neuen Fremden. Des Europäers Hand näherte sich dem eisgekühlten Saft, nahm den Plastikstrohhalm und saugte daran. Wirklich, es mundete vorzüglich. Er hiesse Alan und käme aus Leeds, einer Stadt im Norden Englands. Er sei eben erst angekommen, er habe sein Gepäck im kleinen Hotel dort deponiert.

Sami hatte gar nicht gewusst, dass es hier Hotels gibt. Dann fragte er ihn, ob er nicht mit ihm und ein paar Freunden aus Venezuela, nach Sepe, einer wunderschönen Bucht, mitkommen möchte. Sie müssten dazu ein kleines Fischerboot anheuern, der Fahrpreis sei sehr günstig. Alan willigte glücklich „delighted“ ein. Das träfe sich gut, er warte hier auf seine Freunde die erst am Abend eintreffen würden.

Also, in 15 Minuten am Hafen, vereinbarten sie. Sami eilte zurück zur Unterkunft. Auf dem Weg  beim Fluss, traf er Amalia mit Nilda und Mutter an. Sie kämpften sich plaudernd, auf rohen Holzbänken, im Schatten der hohen Bäume beim Fluss, durch ein üppiges Frühstück.

Als vor ihnen stand war der Redefluss  versiegt, ein peinliches Schweigen machte sich breit. «Mein Gott, das ist ja wirklich mein Tag heute» dachte sich Sami.

Er fragte sie, ob sie wirklich mitkommen möchten. Natürlich, warum denn nicht?  Sie sollten sich dann aber beeilen! In 20 Minuten fahren wir los. Ein neues Schweigen machte sich breit.

Ob er denn nichts essen wolle, fragte ihn Amalia.

Nein, nein er habe schon gegessen, antwortete er.

Renata bot ihm eine Tasse Kaffee, als er ablehnte und sie insistierte, nahm er sie endlich an. Nun wollte  sie wissen, woher er denn sei, als ob sie dies nicht schon von Amalia erfahren hatte und was er denn in Venezuela so mache. Auch sie, war sehr erstaunt seiner  guten Spanischkenntnisse wegen. Er wand sich aber aus weiterer Befragung, und bat um Eile. Er sagte, er müsse noch etwas erledigen. Also in 10 Minuten beim Hafen. 

In Sepe beobachtete Sami das Glitzern des Karibischen Meeres, hörte das Rauschen der sich brechenden Welle, das Kratzen der Kieselsteine, verfolgte die im Wind segelnden Fregattvögeln, mit ihren roten und weissen Kehlen, mit ihren schwarzen, gabelförmigen Schwänzen, wie riesen Schwalben. Sie liessen sich stundenlang von der Luftströmung tragen. Zog ein Fischwarm in die Bucht, stachen sie hinab und schlugen mit ihren langen Schnäbeln ins Wasser, mancher Fisch wurde so gefangen. Fischer kamen vom Fischfang zurück. Sie machten sich den Spass daraus, herausgenommene Eingeweide in die Luft zu werfen.                                                                                                                Dann begannen die Flugakrobaten sich die Bissen gegenseitig streitig machten. Manchmal fielen sie zu zweit oder zu dritt vom Himmel herunter. Da, einer verlor den Happen, ein Vierter schnappte ihn aus der Luft. Im letzten Augenblick fingen sie sich wieder, kurz bevor sie auf dem Wasser zerschellten. Ihre schlanken, schwarzen Flügel trugen sie elegant in die Höhe. 

Alan und Amalia schienen sich sehr gut zu verstehen. Kurz vor der Abfahrt war noch Chucho der Muschelbär ins Boot gesprungen, zum Leidwesen der Mutter und der Freude Nildas.

Am jenem späten Nachmittag auf der Rückfahrt von Sepe nach Choroni, fing Sami einen Fisch, einen 30cm langen Bonito. Als er beim Hafen ankommend, seine Nylonleine mit metallenem Köder einholte, die ihm Konuko in die Hand gedrückt hatte, die er während der Fahrt hatte schlendern lassen, war er erstaunt gewesen, den Fisch am anderen Ende der Leine anzutreffen. Der Fisch zappelte und alle beglückwünschten ihn wegen des Fanges. Alan meinte, er habe ja jetzt sein Abendessen.

Sie zogen gemeinsam das Boot auf den Sand.

Ein paar Fischer grillten Fische auf einem Feuer auf dem Sand. Sami war aus dem Boot gestiegen und fragte einen, ob er seinen Fisch grillen könnte. Dieser bejahte, da gab Sami ihm seinen Fisch. Der Fischer nahm ihn dankend an, ging zum Feuer, nahm ihn aus, und legte ihn auf den Grill. Als er gar war, holte er ihn vom Feuer, und ass ihn ratzekahl auf, ohne Sami auch noch eines Blickes zu würdigen. Sami kam sich vor wie ein Trottel.