7.Kapitel. Allein

Amalia und Alan waren sofort nach der Rückfahrt in Richtung Dorfzentrum verschwunden. Nilda und ihre Mutter Renata hatten sich ihnen angeschlossen. Chuchito der Muschelbär musste zu einer seiner Frauen nach Hause. Konuko wollte, dass Sami mit ihm nach Hause komme. Er habe noch etwas für ihn. Bei Konukos war das Abendessen schon vorbereitet, und die kleine Tochter begrüsste Sami überglücklich. Dann holte Konuko getrocknete Rehfelle, diese seien für ihn, er habe sie selber gejagt, entschuldigte sich aber, dass er sich jetzt um seine Familie kümmern müsse. Er begleitete Sami hinaus, der ihn bat, die Felle vorerst für ihn aufzubewahren, er würde sie aber bestimmt später holen kommen, sie seien sehr schön. Konuko sagte Okey, nahm sie wieder Sami aus der Hand, morgen müsse er früh raus, eines Ziegeltransportes wegen.

Am Fluss standen zwei, drei Palmhütten im Schatten der Kaobas, der mächtigen Bäume aus den Tropen, dessen dunkles Holz viele Zimmer reicher Europäer schmückt. Sami setzte sich auf einer der roh gezimmerten Holzbänke, und bestellte sich einen Fisch mit Bananenchips, Reis und feingeschnittenen Rotkohlsalat. Das Flusswasser zog träge an ihm vorbei. Fünf, oder waren es zehn Meter hinter der Hütte, stand eine junge Frau bis zu den Schenkeln im Fluss. Sie war, schlank, ihre rehbraune Haut schimmerte wie Velour. Sie wusch sich sehr gründlich. Weisse Schaumflocken, schwammen zwischen Lichtflecken auf dem Fluss auf ihn zu. Sie sahen wie weisse Blüten aus. Sami erinnerte sich, dass er solche Bilder mal in einem Museum gesehen hatte, von einem Maler aus der Südsee. Sie fing seinen Blick auf, sie schaute zurück. Sie steckte ihre Händen unter ihren schwarzen Badeanzug. Jetzt wusch sie sich mit voller Hingabe ihre festen, zarten Brüste. Das hypnotisierte Sami natürlich, er wusste nicht, sollte er wegschauen oder hinschauen, doch konnte, oder wollte er seinen Blick nicht mehr abwenden. Weiter hinten am anderen Ufer hatte sich eine ganze Sippe um einen Lastwagen versammelt. Sie mussten von Maracay hergekommen sein. Sie waren mit der Vorbereitung ihres Abendpicknicks beschäftigt. Irgendwie hatte sich die Wäscherin einen Punkt im Fluss ausgesucht, so dass man sie vom anderen Ufer her nicht sehen konnte. Plötzlich rief man nach der ihr. Sie watete brav zu ihrer Familie zurück.

Für einen Augenblick hatte er das ihm so bekannte Einsamkeitsgefühl vergessen. Es hatte, nachdem er von Konukos Haus sich entfernte, angeklopft. Trotzdem er eigentlich die Tür kaum geöffnet hatte, schlich es sich wie eine Katze in die Magengegend. Plötzlich war es da. Es setzte sich fest, bis man sich so dran gewöhnt hatte, das man kaum mehr wusste, dass es da war. Nur abends hatte man keine Lust nach Hause zu gehen, um alleine auf die Glotze zu starren. Das Essen wurde serviert. Oder man guckte neidisch auf junge glückliche Paare, oder auch auf ältere, wie sie glücklich waren. Er begann methodisch den Fisch zu zerlegen. Die katholische Korche hatte dafür georgt, dass man ungefähr 100 Tage im Jahr Fisch essen soll, Karfreitag und so weiter. Das Wild zum Jagen war nur für die Adligen reserviert und Wilderer wurden getötet. Merkwürdig, dass trotzdem, in seinem Land, die meisten Fisch nicht mochten.      

 Eine Gruppe Italiener erschien. Sie setzten sich lärmend auf und an die Holztische. Eine junge, sportliche Frau führte sie an. Sie sah wie eine Spanierin aus, oder besser eine spanische Amazonin, falls je es welche in Spanien gegeben hätte. Ihr mittellanges schwarzes Haar, ihr dunklen, blitzenden Augen, ihr wohlgeformter Körper, mit schlanken Beinen in enge Jeans, reitzte ihn. Besonders nach seiner vorherigen Erfahrung, war er inspiriert. Sami betrachtete sie jetzt unverblümt. Sie erwiderte seinen Blick. Für drei Sekunden trafen sich ihre Blicke. Sami errötete durch seinen Sonnebrand hindurch. Das Essen, es darf nich kalt werden, er schaute auf das zarte weisse Fleisch seines köstlichen Fisches. Er verschlang hastig alles, bezahlte und stand auf. Als er an ihr vorbeigegangen war, schaute er nochmals zurück. Auch da reagierte sie wieder. Sie schaute frech zurück. Er ging den Fluss entlang zur Strandpromenade. 

An der Mündung neben dem Dorf  lag Strandgut zwischen grossen, und kleinere, durch die Wellen rundgeschliffenen Steinen. Er stieg auf eine kleine Ufermauer und betrachtete den Horizont. Wieder machte sich sein ungeliebtes Gefühl der Leere breit. Er ging zurück, zu seiner Unterkunft.

 Ein halbes Jahr vor seiner Abreise, hatte er sich von seiner Freundin getrennt, oder besser gesagt, sie hatte sich von ihm getrennt. Damals, seinem Vater ging es nicht gut, und dann war er gestorben. Sie war einfach mit ihrer Freundin Petra nach Tunesien abgeflogen. Die Ferien seien schon lange geplant gewesen. Als sie zurückkam, wollte sie ihn plötzlich heiraten. Er wollte aber nicht, für Kinder war es noch viel zu früh. Sie war dann öfters mit ihren Freundinnen alleine ausgegangen. Er hatte das Angebot nach Venezuela angenommen. Als er ihr davon erzählte, schnappte sie über. Unter Tränen flüchtete sie zu Petra, ihrer besten Freundin. Sie blieb zwei Tage lang unerreichbar. Petra beschimpfte ihn und die ganze Männerwelt per Telefon. Sie solle sich nicht einmischen, das gehe sie gar nichts an, seine Beziehung mit Susi. Petra hing auf. Als er dann am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam und er mit seinem Schlüssel die Wohnungstür aufgesperrt hatte, er in die Wohnung eintrat, standen seine Sachen fein säuberlich verpackt, in der Mitte des Wohnzimmers. An der Bananenkisten prangerte ein Zettel:

„ Ich will Dich nie mehr sehen!“  Neben dem Zettel grinste ihm eine Chiquitabanane entgegen. Er hatte dann die Kisten zu seiner Mutter gebracht und war zur Petra gefahren. Die beiden Freundinnen waren nicht da, oder hatten einfach nicht aufgemacht. Auch telefonisch waren niemand zu erreichen. Er übernachtete bei seiner Mutter, die natürlich glücklich war, nicht mehr alleine zu sein. Am nächsten Tag ging er nach der Arbeit zur Wohnung zurück. Er schaute seine Post nach. Da war auch ein Brief von Susi, nebst Rechnungen. Sie wolle seinen Schlüssel haben. Er solle ihn, ihr einfach in den Briefkasten werfen. Vollkommen verduzt war er dagestanden.  Erst nach einer Woche hatte er sie erreichen können. Er wollte die Sache mit dem Vermieter regulieren. Das sei schon gemacht, gab Susi an.

„Du spinnst wohl, kannst du nicht.“  Keine Antwort. „Was, du hast meine Unterschrift gefälscht.?!““                                      

Eine Pause, das Telefon knisterte. „Du meinst, du hast meine Unterschrift gefälscht?“

Susi sagte nichts. „Ich will die Kopie der Kündigungsbetätigung,“gab er durch.                                                        

Als einmal er wieder bei Susi anrief, um endlich die Kopie zu erhalten, meldete sich eine männliche Stimme. Susi kam ans Telefon. Wer das sei, wollte er wissen. Das ginge ihn nichts mehr an.       

„Aha“, hatte er geantwortet und dann nichts. Beide lauschten ins Telefon. Schliesslich sagte Susi: „Da gibts nicht viel zu erklären“. 

„ Der Kerl da, wer ist das?“

„Mein Freund“.

„Hast du den importiert, wie die Bananenkisten?“

„Idiot“! Susi hing auf.    

 In der Zwischenzeit stand er vor der blauen, eisernen Eingangstür in Choroni. Es dämmerte, «in einer halben Stunde ist es stockfinsterdunkel» sagte er zu sich. Er war überrascht seine eigene Stimme zu hören. Zur Leere gesellte sich Schmerz. Er holte sein Buch und warf sich wieder in den Eisenstuhl mit den weissen Nylonschnüren. Die Augen diese jungen Frau mit den Italienern liessen ihn nicht mehr los.

„Ach Quatsch“» er wollte weiterlesen. Amalia? Die war mit Alan unterwegs. Er konnte nicht mehr weiterlesen. Er ging wieder zur Strandpromenade. Es war schon dunkel geworden.

Was! Dort sass sie auch wirklich, auf der Mauer am Meer, im gelblichen Lichtkegel einer altmodischen Laterne. Die Italienern waren auch da. Sie unterhielten sich beschwingt. Manchmal lachten sie auf. Er fasste sich ein Herz und ging auf sie zu. Sie schaute auf. Wie sollte er sie ansprechen?

Habe ihr das Essen geschmeckt? seine Stimme wackelte. „Fällt mir denn nichts besseres ein?“ dachte er. „Mein Gott, die anderen starren mich alle an.“

„ Ja, der Fisch war gut, nichts Besonderes, was man hier halt bekommt,“ . sie schaute ihn prüfend an. „Ich heisse Irene, woher kommst du denn?“

„Aus der Schweiz“.

Sie fragte erstaunt: „ Was machst du hier so alleine ?“

„Ach nichts Besonderes, nur Ferien, ich heisse Sami“.

„Ganz alleine?“ fragte Irene.

«Ja, eigentlich schon“, antwortete Sami. „ Gestern und heute war ich mit einem Boot mit Fischern in Sepe, kennst du es auch“.

Ja sie sei früher einige Male in Sepe gewesen. Sie sei heute mit diesen Bekannten aus Caracas angekommen. Diese seien vorgestern aus Rom angekommen, verständen jedoch kein Spanisch und jetzt würde sie ihnen Choroni zeigen.

„Wo seid ihr den untergebracht, viele Hotels gibt es nicht hier“?

„Meine Familie hat hier ein Haus, von früher her noch, aber keiner von uns lebt hier“.

Er setzte sich neben sie auf die Mauer. Die Italiener bildeten eine kleine Gruppe. Sie hatten eine Flasche Ruhm bei sich mit Plastikbechern.

Irene habe Schwierigkeiten sie zu verstehen, die Italiener könnten nur Italienisch.

„Aber Italienisch ist doch ähnlich wie Spanisch?“ erwiderte er.

„ Ja, vielleicht“, meinte sie „ aber diese Italiener sind ein eher nicht so interessant, entfernte Cousins aus Rom, sie reden sehr schnell mit einem besonderen Akzent.“

Es waren vier Pärchen, im Alter zwischen 20 und 24. Sie steckten in den besten „ Designer Kleider“. Ihre Gesichter trugen den Ausdruck saturierter Langweile.

„Wie seid Ihr denn hierher gekommen?“

„Mit zwei Jeeps natürlich,“ Irene neigte ihren Kopf seitlich, „wie bist du denn hierhergekommen ?“

„Mit dem Bus von Maracay.“

„Was, mit dem Bus von Maracay? Das habe ich noch nie gemacht!“

„Warum denn nicht, der ist ganz günstig.“

„Ich fahre lieber mit dem Auto, die Busse haben doch keine Klimaanlage, dann stinkt es doch oder,  unbequem sind sie auch“.

„Man lernt das Land und die Leute besser kennen“, erwiderte Sami.

Irene schaute ihn gross an: „Ich kenne mein Land, ich brauche nicht in Bussen zu fahren, aber für dich ist es bestimmt interessant.“

„Was machst du denn in Caracas?“

„Nichts mehr“

„Was nichts mehr, was hast du denn vorher gemacht?“

„Ich habe für eine Schweizer Versicherung gearbeitet, jetzt aber gehe ich zurück in die Schweiz.“

„Warum denn, gefällt Dir mein Land nicht?“

„Doch, doch, Choroni ist sehr schön, aber meine Firma will, dass ich zurückkehre.“

 

Die unzähligen Insekten schwirrten um das gelbliche Licht der Laternen.  „Was machst Du morgen?“ fragte sie.

„Warum frägst Du?“

„Ich bleibe zwei Tage hier, mit denen. Ich hatte es ihnen versprochen, doch beklagen sie sich, dass es hier nichts gäbe, vielleicht kannst du mir helfen dabei“.

„ Ich Mussiu, soll ihnen dein Land zeigen.“

„Ja, du bist doch Europäer, oder veilleicht kannst du sie animieren.“

„Ok - leider muss ich morgen zurück nach Caracas, ich habe noch Sachen zu erledigen, vor meiner Rückreise.“

„Ja wirklich, kannst du das nicht ein bisschen aufschieben, dann kommst du mit uns mit und wir fahren nach Sepe oder sonst wohin mit dem Boot.“

Sami wurde unschlüssig. Aber Amalia, was wird denn aus Amalia. Sein ganzes Programm würde durcheinander geraten.  Zwei der jungen Italiener näherte sich ihnen, sie möchten wieder zurück zum Haus gehen, hier sei nichts los.

Irene antworte, sie würde gleich kommen. Sie wandte sich wieder Sami zu, ob er sie denn nicht nach Hause begleiten wolle? 

Aber würde es denn ihren Verwandten ausmachen, wenn er einfach so mitkommen würde, fragte er erstaunt. Sie weiderum hatte seine Unschlüssigkeit gerochen. Sie wusste, dass sie attraktiv war, vielleicht konnte sie ihn doch bewegen hier zu bleiben.

Irene lachte leicht, nein, nein, das Haus sei sowieso die meiste Zeit verlassen, und nur manchmal an den Wochenenden, oder zur Ferienzeit, würde jemand kommen. Hier sei sie alleine mit der Gruppe. In Wirklichkeit kümmere sich keiner um keinen.

Sie schlenderten 500 Meter, die Strasse entlang, Sami fühlte sich gut und Irene scheinbar auch, sie plauderten genussvoll. Am Haus war in ein grosses schwarzes Holztor eine Türe eingelassen.. Es  war gross mit einem reich bepflanzten Patio und grünen Rasenflecken. Das Licht schnitt helle Rechtecke aus den offenen Zimmertüren in die dunkle Nachtluft. An dem einen lenagen Ende Patios, öffnete sich ein breiter Saal. Aus Lautsprechern dröhnte sofort Popmusik für dei Besucher. Die Pärchen verstreuten auf Sesseln und Sofas. Sie schmusten, oder starrten mit gläsernen Blicken vor sich hin. Viel Konversation war hier nicht zu machen und Sami dachte krampfhaft nach wie er mit ihnen ins Gespräch kommen könnte. Irene fragte ihn, ob er etwas trinken möchte. „Einen Kuba libre, bitte“.

„Aha, die grösste Lüge Amerikas“, sagte sie. Sie  verschwand lachend in der Küche. Neben dem grossen Raum.

 „Eine Sozialistin ist sie nicht, dachte sich Sami. Er setzte sich einen der Sesseln. Er wartete , für ihn, eine kleine Ewigkeit. Endlich kam Irene mit einem Glas in der Hand zurück. Zwei prächtige Eiswürfel schwammen in dunkelbrauner Flüssigkeit.

Ob sie denn nichts trinke, nein sie hätte schon etwas in der Küche zu sich genommen. Ausserdem trinke sie keinen Alkohol.

Er erfuhr, dass sie für einen Fernsehkanal in Caracas die PR mache, und sie wollte natürlich wissen, warum er gerade nach Venezuela gekommen sei. Sie kamen sich beim Sprechen  immer näher. Dann lagen sich plötzlich in den Armen und küssten sich. Sie müsse jetzt schlafen gehen, sagte sie bestimmt. Er müsse jetzt gehen, bat sie ihn, er könne hier nicht bleiben, das gehe nicht. Er nickte verständig.

Sami erhob sich vollkommen schwindelig.                                                        

„War es der Alkohol, oder Irenes Kuss?“ fragte er sich.

Ob er doch nicht in Choroni bleiben wolle, Sami schüttelte den Kopf. Okey, aber in Caracas müssen sie sich treffen, insistierte Sami. Sie verabredeten sich in drei Tagen in Caracas, um 12 Uhr Mittags im „Papageio“. Sie wüsste wo das ist, gab sie an. Sie begleitete ihn Türe hinaus, bis zur Strassenecke, wobei sie ihm, noch mindestens dreimal den Weg zu seiner Unterkunft erklärte. Er hörte ihr gar nicht zu, er schaute nur auf die sich vor ihm bewegenden feuerroten Lippen.

 Sie könne ihn ja zu seinem Zimmer begleiten, dann würde er es bestimmt finden.

«Dann muss ich wieder ganz alleine in der Nacht zurückgehen».

«Na gut ich kann dich ja wieder zurückbegleiten.“

Sie hatte hell aufgelacht, sich  umgedreht, - plötzlich war sie weg, er hörte nur wie die Tür ins Schloss fiel.  

Glücklich beschwipst summte er seinen Weg zurück zum Zimmer mit Ventilator. Amalia schlief schon. Er legte sich vorsichtig neben sie aufs Bett, ja nicht aufwecken!

Nach der Bootsfahrt waren Amalia, Nilda und Renata mit Alan in ein kleines Restaurant beim Hafen essen gegangen. Er hatte sie dazu eingeladen und danach noch zu einem Drink in sein Hotel. Nach einer viertel Stunde in der Lobby, gab er bekannt, er hätte Morgen noch viel vor. Er möchte nicht unhöflich sein, leider müsse er jetzt schlafen gehen. Für Amalia war es wieder ein Reinfall. Nilda und Renata hatteen sich unbedingt anhängen müssen. Ausserdem hatte sie immer alles auf Spanisch übersetzen müssen. Als sie dann in ihrer Unterkunft angekommen waren, ging jeder seine Wege.

„Mein Gott noch mal, wie ich aussehe!“ Sie starrte entsetzte sie ihr Spiegelbild im Badezimmer. Richtig schwarz bin ich geworden, da, die schälen sich ja, helle Flecken. Unmöglich, niemals, ich kann niemals so zur Arbeit gehen. Die lassen mich nicht einmal ins Gebäude hinein. Sie fühlte sich wie der letzte Dreck. Engländer sind so reserviert, dieser Alan, so freundlich. Nein nie wieder, wie konnte mir das nur passieren, Sami? Wo ist Sami?  Er kann mir gestohlen bleiben, wo bleibt er denn. Erschöpft warf sie sich aufs Bett. Natürlich der Engländer, der wollte nicht wirklich, ich war ihm zu schwarz.

Am nächsten Morgen stand Sami pünktlich um 8.00 auf. Er packte seine Reisetasche. Er versuchte Amalia zu wecken. Sie solle jetzt aufwachen, sie verpasse sonst den Bus. Ihr wäre alles gleich, murmelte sie im Halbschlaf. Er rüttelte sie nochmals. Sie reagierte nicht.  Er rüttelte sie fester. Es schien ihr wirklich alles gleich zu sein. Sie blieb liegen wie ein Stein. Er nahm sein Gepäck, und eilte zur Haltestelle.

Dort wartete er, bestellte sich einen frischgepressten Fruchtsaft und ass «Empanadas» zum Frühstück. Leute mit Gepäck waren bei den Eingängen verstreut und suchten den Schatten. Ein kleiner Junge sass auf einem Koffer beim Bus. Um 10.00 Uhr anstatt 9.00 Uhr erschien der Busfahrer. Wie der Blitz setzte er sich auf seinen Sitz. Mit einer majestätischen Geste warf er "die Motoren" an. Aus allen Ecken strömten die Reisenden heran. Sami, der in Sichtweite des Busses gewartet hatte, konnte sich noch glücklich schätzen, einen Platz für sich und einen für Amalia zu ergattern. Er belegte die  beiden Plätze, machte es den Nachbarn klar, dass dies seine Plätze sind und kämpfte er sich wieder nach vorne zum Busfahrer. Dem erklärte er, dass dieser unbedingt auf Amalia warten müsse, sie müsse morgen in Caracas arbeiten. Der Fahrer antwortete kurz, er habe keine Zeit, und fuhr mit einem Ruck los. Sami fiel rückwärts über die Gepäckstücke. Diese lagen auf dem zu engen Gang des Busses. Sami rappelte sich wieder auf. Er hielt sich an den Sitzen fest. Unbeirrt bat er den Fahrer ruhig, aber sichtlich verärgert, bei der kommenden Strassenecke, anzuhalten, da er doch Amalia holen musste. Keine Reaktion vom Busfahrer.

Da tauchte plötzlich Konuko an einer Strassenkreuzung auf. „ Parra te“, schrie Sami laut und bestimmt «Stopp». Ganz verdattert trat der Busfahrer auf die Bremsen. Sami zwängte sich durch die sich öffnende Bustüre, umarmte Konuko, und sagte, dass er gut auf seine Familie aufpassen solle. Er steckte ihm ein bisschen Geld zu. Der Fahrer hatte sich von seinem Schock erholt, und begann zu hupen. Sami stieg ein. Der Fahrer rasierte um ein Haar die nächste Strassenecke weg. Wieder schrie Sami : «Parrate»!

Die Passagiere waren nun auf den Geschmack gekommen. Sie riefen auch dem Fahrer zu : „Parrate !“ Er hielt unter Gekreisch der Bremsen an.

„Ich werde Amalia holen“ er wandte sich nach hinten zu den Mitreisenden und rief: „Soll ich Amalia holen?“

„J“, riefen sie, das war ein Spiel füre sie, „ geh sie holen,!Geh Sie holen, geh Amalia!“ Sie lachte und freuten sich der Abwechslung wegen. Der Fahrer schäumte vor Wut. Sami war schon draussen. Er  rannte zurück in Richtung Unterkunft. Er bog gerade um die zweite Ecke. Das waren schon dreihundertund fünfzig Meter. Dort hinten sah er wie Amalia sich, mit ihrer schweren Reisetasche, aus der metallenen, blauen Türe zwängte.

Er schrie ihr zu sie soll sich beeilen. Der Bus würde auf sie warten, eigentlich hätte sie den Bus schon verpasst.             

„Was du nicht sagst!“ schimpfte sie zurück. Sie lies die Tasche plumpsen. Sie wollte gerade weiterschimpfen. Er packte kurzerhand das Gepäckstück und rannte los in Richtung des wartenden Bus. Amalia blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Er war schon eingestiegen als Amalia, halb rennend, halb gehend, jammernd um die Ecke bog. Die Passagiere verfolgten dies amüsiert. Sie begannen sie anzufeuern, wie bei einem Strassenrennen. Da endlich, vollkommen ausgpustet stieg sie ein und liess sich, unter tosendem Applaus, neben Sami auf ihren Platz fallen.                 

Der Fahrer drehte sich auf seinem Sitz um und fragte jetzt: „Hat der «Musiu», damit war Sami gemeint, „noch weitere Spezialwünsche, oder könne er endlich losfahren?“   

«No, no esta bien, vamonos a Maracay» gab Sami bekannt. Eine wilde kurvenreiche Fahrt begann, dazu plärrte das Kassettengerät, Salsa und Merenge. Üppige Baumkronen zogen traumgleich an ihnen vorüber.

Amalia jammerte, sie sei jetzt wirklich dunkelbraun verbrannt worden. Als Sami sie fragte, was sie damit meine, verstummte sie, schloss ihre Augen und verkroch sich in ihren Sitz. Die Rückfahrt verlief ohne weitere Zwischenfälle. In Caracas nahm er Hotezimmerl im Zentrum der Stadt. Das meiste hatte er in die Schweiz zurückgeschickt. Amalia flüchtete zu sich nach Haus in ihre Wohnung.