8.Kapitel Irene

 

Im Hotelzimmer angekommen, versorgte er die Kleider und legte seine Reisetasche auf den Schrank, versteckte sein Bargeld in einer durchsichtigen Plastiktüte, oben im Wasserbehälter der Toilette, machte den Fernseher an und legte sich aufs Bett. Als das Telfon klingelte war Amalia. Dann hatten sie sich ja zum letzten Mal getroffen

Er traf sich mit Arbeitskollegen und Freunden und feierte seinen Abschied. Zwei Tage später, wie abgemacht, ging er zum Rendezvous mit Irene.  Der Treffpunkt lag mitten in der Stadt, bei einem Einkaufszentrum an einer Fussgängerzone. Sein Herz klopfte vor Aufregung. Das Hotel „Las Americas“ lag unweit der Metrostation „ La Previsora“( die Voraussehnde, der Name einer der wichtigsten Versicherungen Venezuelas, als ob man in einem der irrationellsten Ländern dieser Erde, etwas voraussehen konnte, oder zumindest die Sicherheit, dass man sich auf sie verlassen konnte.)

An der Betonfassade oberhalb der Theke prangerte in grüner Leuchtschrift "Papageio"( Das schien schon eher ein passender Name zu sein).

Samis Hotel lag eben an dieser Fussgängerzone, welche links und rechts von unzähligen Läden, Supermärkte, Restaurants, Kinos, Geldwecheslstuben und Bürogebäuden begleitet war. Die Strasse streckte sich mindestens auf drei geradelienigen Kilometer hin. In der Mitte war der Weg frei, doch links und rechts, hatten sich Strassenverkäufer auf bunten Tüchern niedergelassen. Sie boten alles Mögliche feil, von Pfannen ausgehend, über Kinderspielsachen, Händys, Lederwaren, Schmuckstücken, Kleider, etc..das übliche halt. Er war  vielleich fünfhundert Meter auf der Strasse entlang gegangen umrahmt vom Spalier dieser  aufmerksamkeit erregenden Hände, Stimmen, Farben und Gerüche, da hörte er von weiter hinten herkommend, einen lauten Pfiff. Er drehte sich um, er sah wie plötzlich wie auf Kommando, alle ihre Sachen in ihre farbigen Tücher zu Bündeln zusammenrafften und fortrannten. Kurz darauf sah er wie drei oder vier blauuniformierte, behelmte Polizisten den Verkäufern, nachjagten. Er drehte sich wieder um, auch da hatte sich die Strasse geleert.

Er ging schnell weiter, er wollte ja nicht zu spät kommen. Er könnte immer noch eine Metrostation weiter fahren. 

La Previsora

                                                 

Er erreichte das Restaurant, welches zur Hälfte aus eine grossen Terrasse bestand. Er nahm einen Platz ein. Er wartete darauf bedient zu werden. Bettelnde Kinder drangen durch die Absperrungen der Plattform. Sie versuchten zwischen die Stuhlreihen zu gelangen. Die Kellner, wie Pinguine angezogen ( nicht wie Papageie), verscheuchten sie. Sami winkte ein zerzaustes siebenjähriges Mädchen zu sich. Sie trug ein ausgewaschenes hellblaues Kleid. Er kaufte ihr einen Kaugummi ab. Missbilligende Blicke der anderen Gäste hagelten auf ihn ein. Einer der Kellner kam herangebraust. Er gab ihm zu verstehen, dass er dies gefälligst unterlassen sollte, oder er würde hier nicht bedient werden. Normalerweise wäre er jetzt aufgestanden, und wäre gegangen. Doch hatte er sich mit Irene verabredet. So nagelte er sich in seinen Stuhl fest und ignorierte was es zu ignorieren gab. Er dachte an Choroni und Sepe. Die Meisten waren arm, aber sicher glücklicher als die Armen hier. Zwar liefen auch dort viele Kinder mit von Parasiten aufgeblähten Bäuchen herum, aber es ging es ihnen sicher besser dort, als denen hier in der Stadt.

Endlich kam ein Kellnern heranstolziert. Sami bestellte einen Fruchtsaft. Er fragte den Kellner, ob Venezuela eine Demokratie sei. Dieser bejahte verunsichert.

„Wenn das so ist, warum kann ich dann einem kleinen Kind nicht etwas abkaufen, wenn ich das will?“

„Ja doch, selbstverständlich, aber der Chef hat ausdrücklich Weisungen gegeben, dies nicht zu erlauben, denn sonst würden wir Kellner unsere Anstellung verlieren. Wenn sie nämlich die Kinder herein lassen würden, wäre die ganze Terrasse in kürzester Zeit mit dem ganzen Lumpenpack überschwemmt. Es wird immer schlimmer“. Sami schaute sich ihn genauer an. Wahrscheinlich würde der Kellner auch in einer dieser Armenviertel leben, bei dem Gehalt, dass er verdiente hier. Er tat ihm leid.                                      

Irene hatte sich verspätet. Samis Blicke begannen jeder schlanken, weiblichen Figur nachzujagen. Plötzlich stand sie vor ihm, er hatte sie gar nicht bemerkt, sie war von der anderen Seite gekommen. Die neuesten Jeans schmiegten sich hauteng an ihre Beine. Eine kurzärmelige hellblaue Bluse, die sie leicht geöffnet hatte, schmückte ihre wohlgeformten Oberkörper und liess ihn ahnen. Sie tänzelte im Rhythmus der Musik, welche durch ihre Kopfhörer ihres MP3, in ihren Kopf drang. Sie hörte Musik aus St.Domingo. Sie stülpte ihm kurzerhand die Kopfhörer über. Sie hatten noch kein Wort gewechselt. Es schien ihr nichts auszumachen, dass die Kinder hier betteln mussten, dachte er. Sie sie war es ja gewöhnt, höchstwahrscheinlich wäre es sinlos mit ihr darüber zu sprechen. 

Meeresluft wehte durch seine Ohren, die Musik  hatte ihn eingefangen. Er schloss die Augen.  Die satte rotbraune Erde mit den Lehmhütten und der Brandung erschien hinter seinen Augenlieder. Sie nahm ihm den Kopfhörer wieder weg. Würde ihm die Musik nicht gefallen, fragte sie.

„Doch, im Gegenteil, sehr sogar.“

„Du lügst mich an, warum hast du denn die Augen geschlossen?“

„Ich schliesse immer die Augen, wenn mir was gefällt.“

„Nein wirklich?“  

„ Ja natürlich, wenn ich dich anschaue, muss ich immer die Augen schliessen.“

„Lügner!“

„Wieso, passiert dir nicht das Gleiche?“

Sie wolle nichts trinken, ausserdem ässe sie kaum zu Mittag, sonst würde sie nicht mehr in ihre Hosen passen.

Sie stand auf und drehte sich um, sie zeigte ihm die Hosen.

„Habe ich gerade neu gekauft, deswegen bin ich ein bisschen verspätet.“

„Gefallen sie dir nicht?“

„Was?“

„Die Hosen natürlich.“

„Aha die Hosen, natürlich sehr.“

„Warum schliesst du dann nicht die Augen?“

„Weil ich Angst habe, es wäre ein Traum und wenn ich sie öffne, bist du nicht mehr da.“

„ Lasst uns gehen,“ forderte sie ihn auf.

Sie entführte ihn, in ihrem nicht mehr sehr neuem Auto, in einer wilden Fahrt, durch Kurven hindurch, einen Berg hinauf, in eine der reichen Villengegenden, zu Freunden. Während der Fahrt entschuldigte sie sich, für das schon klapperige Auto, aber da sie sich erst vor einem Monat von ihrem Mann getrennt habe, war ihr nur dieses Auto geblieben. Ihr Mann sei Architekt und Italiener, und die Gruppe in Choroni wären eigentlich seine Verwandten gewesen. Sie hatten sie eingeladen, als sie in Italien auf Besuch waren. Jetzt waren sie zu diesem unglücklichen Zeitpunkt kurzerhand erschienen. Natürlich hatte er, ihr «Ex-Mann», plötzlich keine Zeit gehabt, er hatte sich wie immer davor gedrückt. Aber Gott sei Dank, jetzt sind sie weitergereist.

„Nein, Choroni hatte ihnen nicht gefallen.“            

Sie fuhr eine Auffahrt zu einer altmodischen Villa mit Park hinauf. Das sei das Haus ihrer Grossmutter, erklärte sie ihm, sie müsse noch schnell etwas holen. Sie habe seit ihrer Trennung dort in einem der Zimmer gewohnt, aber sie würde jetzt zu einer Freundin in die Stadt ziehen. Er solle doch kurz mit ihr hochkommen, er solle aber leise machen. Die Grossmutter solle nichts merken. Er könne ja hier auf sie warten, meinte er. Nein, nein, die Grossmutter höre nicht mehr sehr gut, er solle trotzdem aufpassen. Wie die Kinder schlichen sie sich eine lange enge Treppe in den ersten Stock hinauf. Er kam sich ziemlich albern vor, aber machte das Spiel mit. Ihr Zimmer lag links am Ende eines dunklen Ganges. Vorsichtig schlossen sie die Türe. Er wollte sie gleich umarmen und küssen, aber sie wehrte ihn ab, nicht hier. Sami setzte sich aufs Bett. Er schaute ihr beim Packken eines sehr grossen Koffer zu. Die geschlossenen Fensterläden liessen spärlich Licht durchsickern. Er entdeckte ein süssliches Jungmädchenzimmer mit Rosa Girlanden. Dann schlichen sie die Treppe hinunter, wobei ihm Irene unbedingt beim Koffertragen helfen wollte, er jedoch stolz ablehnte. Draussen angekommen bewunderte sie seine Kraft.

Die nächste Station, 15 Minuten entfernt, war eine Villa aus den sechziger Jahre, Flachdach, zwei Stockwerke mit grossen Fenstern und vielen Zimmern. Sie befand sich inmitten eines grossen Parkes, mit fein gemähten Rasenflächen. Eine grosse Terrasse befand sich in sichtweite des Hauses und ein grosses Schwimmbecken. Merenge aus St.Domingo klang aus grossen Lautsprechen beim grossen Schwimmbecken. Pärchen tanzten auf einer Plattform. Letztes Jahr habe hier die Missvenezuelawahl stattgefunden, erzählte ihm Irene begeistert. Er schaute sie entgeistert an. Dort links hätte man eine Bühne aufgebaut und hier Zuschauerränge. Ja das Fernsehen sei auch hier gewesen und hätte alles gefilmt, leider habe die Tochter des Hauses, eine Freundin von ihr, nur den zweiten Platz gewonnen.

Sami wurde dem Sohn des Hauses vorgestellt und bekam seinen „ Kuba Libre“.

„ Kuba Libre? Warum keinen Whiskey? Wir haben hier fantastischen Whiskey,“ hatte der Sohn, der schrille amerikanische Hosenträger und seinen gutduchtrainierten Körper zur Schau stellte, gefragt.

„In der Schweiz trinkt man hauptsächlich Kuba Libres in den Partys,“ hatte Sami geantwortet.

Das wäre eine kleine Party, er hätte Geburtstag, und er würde sich sehr freuen, jemanden  von der Schweiz hier zu haben. Er sei Jurist, er versuchte Sami zu imponieren. Irene bemerkte jedoch, dass Sami sich zu Tode langweilte. Sie murmelte etwas in sein Ohr, er verstand sie nicht. Alles schien wieder wie in einem Wirbelwind an ihm vorbei zu ziehen. War das wieder der Cuba – Libre?  Irene forderte ihn jetzt zum tanzen auf. Kaum hatten sie ein Lied getanzt war es ihr verleidet. Sie entführte ihn mit ihrem Auto. Jetzt ging es rasant die Villenhügel hinunter zu Samis Hotel. Sami kam sich wie ein durchgeschüttelter Cocktail vor. Im seinem Hotelzimmer des vierten Stockes fielen sie sich endlich in die Arme. Nachdem sie sich kurz, aber intensiv geliebt hatten, bemerkte Sami zwei feine Narben am Ansatz ihrer ideal geformten Brüste.

Er fragte verwundert, woher sie denn diese habe. Sie lachte ihn aus, ob er denn nicht wüsste was das sei, ob er denn noch nie sowas gesehen hätte. Alle hätten das hier. Er schüttelte verlegen den Kopf, ihr Mann habe es so gewollt, fügte sie geheimnisvoll hinzu, ob sie ihm denn nicht gefallen würde.                          

„ Was“

„Die Busen doch“

„Doch, doch“ sagte er und musste zweimal schlucken. „ Siehst du ich schliesse die Augen.“

Wieso habe sie sich denn von ihrem Mann getrennt, wollte er wissen. Ihr schossen Tränen in die Augen. Ihren Mann habe sie auf einer Reise nach Italien kennen gelernt, dann sei er hierher zu ihr gekommen und sie haben dann geheiratet. Hier wurde er drogenabhängig, Kokain. Sie habe alles gemacht um ihn daraus zu holen, aber jetzt könne sie nicht mehr. Ob er auch schon probiert hätte, fragte sie ihn unverwandt.

Nein, er sei vollkommen dagegen und noch jungfräulich auf dem Gebiet.

Ja, das habe sie bemerkt, sehr jungfräulich. Sie habe einen älteren Freund, er würde ihr helfen über diese schwierige Zeit hinwegzukommen. Sie müsse jetzt gehen. Er brachte sie hinunter. Im Lift versicherte sie ihm, ihn Morgen anzurufen. 

Während der nächsten zwei Tage versuchte Irene ihn zu überreden, er solle doch seinen Job aufgeben und in Venezuela bleiben. Was er natürlich unter keinen Umständen in Erwägung zog.

„ Was ist Liebe?“ wollte sie wissen.

„ Bedeutet das nicht, dass man dazu bereit ist, alles aufzugeben, um nur für den Anderen da zu sein?“ Irene blieb hartnäckig.

Diese romantische Passion schien Sami sehr fremd.  Diese venezolanischen Frauen sind verrückt. Zuerst war es diese besitzeinnehmende Amalia gewesen, was ihn am Anfang geschmeichelt hatte. Jetzt Irene, die sein ganzes Leben verändern wollte. Sie erschreckte ihn. Irene testete ihn, seiner Schläue wegen, ob sie hier zum Überleben reiche. Der Schnellste schien er nicht zu sein, das hatte sie schon gemerkt, war ja auch nicht schwierig gewesen, das herauszufinden, erzählte sie einer Freundin. Er hatte gemerkt wie sie SMS austauschten und manchmal kurz telefonierten und lachten. Zuerst verstand er nicht, was das eigentlich soll, dieses testen. Bald hatte er jedoch ihr Spiel durchschaut. Er liess es widerstandslos mit ihm geschehen, es amüsierte ihn. Es war wie ein Spiel, wobei Irene immer gewinnen würde.

Wie das mit der Autotüre, die klemmte, und er nicht Mannes genug war, sie aufzubringen. Er hatte sich wirklich mit dieser verflixten Tür abgemüht. Sie verfolgte seine erfolglosen Anstrengungen mit Neugierde, trat als es ihr zu lange dauerte, plötzlich heran, gab der Tür, mit dem Fuss, einen kleinen Stoss am richtigen Ort und öffnete sie als wäre es das Normalste. Sie hätte Brüder, die hätten eine Mechanikerwerkstatt, die hätten es ihr gezeigt. Immer wieder lieferte sie ihn am Hotel ab und verschwand, sie hätte zu arbeiten.

Dann stellte sie ihm den sogenannten, älteren Freund vor. Er sei der Direktor eines Fernsehkanals. Irene und Sami hatten sich spät nachmittags in einem kubanischen Restaurant getroffen, gegessen und getanzt, er liebte Salsa. Sie sagte, sie müsse kurz mal raus, Luft schnappen, es sei ihr zu heiss. Er begleitete sie. Wie aus dem nichts erschien ein verlängerter, weisser Strassenkreuzer neben ihnen. Er hielt an. Das sei der ältere Freund. Auf dem hinteren Sitz eines Cadillacs mit Chauffeur sass ein rüstiger 60 Jähriger mit einem Bäuchlein, rötlichem Gesicht, weissem Schnurrbart und grauen Haaren.

Aus seiner „fahrbaren Bibliothek und Bar“ bot er Sami, nachdem sie vorgestellt worden war, mitten auf der Strasse, einen Whisky an. Sich mit falscher Bescheidenheit für seinen Chauffeur entschuldigend, erklärte er, dass er als Leiter eines Fernsehkanals viel in Venezuela reisen müsse. Er habe sonst keine Zeit zum Lesen. Auch die endlosen Schlangen des verkehrsreichen Caracas könne er so gut überstehen.

Die Limousine stand am Strassenrand im Halteverbot. Die hintere Autotür weitaufgeschlagen, sass er breitbeinig auf dem mit braunem Leder überzogenen Fahrgastsitz. Irene und Sami standen daneben auf dem Gehsteig. Der ältere Freund  nahm er sein „Lieblingsbuch“ hervor. Er begann mit pathetischer Hingabe, ein Gedicht auf Spanisch zu rezitieren. Er hielt das Buch Sami vor die Nase und forderte ihn auf, ihm daraus zu vorzulesen. Sami hatte nur die Hälfte verstanden. Als Sami sich aber strickt weigerte, sich auf dieses ungleiche Duell einzulassen, winkte er kurz Irene ins Auto und unterhielt sich mit ihr. Irene Stieg aus, er fuhr los, ohne sich von Sami zu verabschieden. Sami stand verblüfft da mit dem Whiskyglas in seiner Hand. Er wollte noch nachlaufen um es ihm zurückzugeben, doch Irene winkte ab. Daraufhin bat sie Sami in ihr türklemmendes Gefährt welches auf dem Parkplatz des restaurants auf sie wartete. Sie lieferte ihn unvermittelt, rasch und bestimmt, im Hotel ab. Das Glas lies er neben dem Autositz liegen. "Du wirst ja genügend Zeit haben, es deinem Freund zurückzugeben." Sie erwiderte nichts und fuhr los.

Während der nächsten paar Tage versuchte er Irene telefonisch zu erreichen. Das Warten auf ihren Anruf war vergeblich.  Er schickte den grössten Teil seines Gepäcks in die Schweiz.