9. Kapitel Vor dem Abflug

Er behielt nur noch das nötigste. Eine Jeans zum wechseln. Shorts, T-Shirts und seine Toilettartikel. Er hatte einen Gürtel, in welchen er Geld verstecken konnte, was er auch tat. Am Tag vor seinem Abflug, hatte er mit seinem Freund Armando ein Abschiedstreffen ausgemacht. Dieser hatte Sami gebeten, ihm seinen alten Volkswagen zu verkaufen. Sami überliess ihn ihm für einen symbolischen Preis. Dafür müsste er Sami zumindest zum Flughafen bringen. Natürlich, wie könne er nur fragen! Er  wurde zum Essen eingeladen und überschwänglich, von den beiden reizend aufdringlichen Töchter Rosario und Maria in Beschlag genommen. Sie mussten ihm unbedingt ihr Poesiealben zeigen, in die er fürchterlich wichtige und schöne Dinge schreiben  sollte. Nach der üppigen Mahlzeit mit uruguayischen Spezialitäten von Jaijai zubereitet, „Pisco Sauer“ Schnaps aus zerstampften Limonen zur Verdauung und der Gewissheit mit seinem Volkswagen zum Flughafen gebracht zu werden, ging er beschwingt zu eben, seinem Auto, das immer noch Schatten einer Baumkrone stand. Sonst wäre die Strasse eigentlich gut geleuchtet gewesen. Es war besser man stellte nachts sein Gefährt an einem beleuchteten Platz ab Dies hielt Diebe ab. Aber es war kein anderer vorhanden gewesen, als dieser Schattenplatz. Tags wurde der Schatten gesucht, nachts eben nicht. Er hatte wie immer eine Kette um das Lenkrad und das Gaspedal gewickelt und mit einem dicken Schloss befestigt, sowie vom Verteiler das Kabel entfernt. Zuviel Arbeit hält auch den fleissigsten Dieb ab, und ausserdem war sein Volkswagen ganz okey aber nicht mehr der neueste.

Er fuhr die Autobahn zurück zum Hotel „Las Americas“. Die Autobahn wurde „ Arania = Spinne“ genannt, da sie von Osten nach Westen mitten durch die Stadt führte und mit ihren Armen die verschiedenen Stadtviertel bediente, wie eine Spinne in einem Spinnennetz. Auf einmal begann das Auto zu rütteln, zu schütteln, zu wackeln und zu klappern. Er konnte kaum das Lenkrad festhalten. „Schwupsdiwups“ sah er wie sein rechtes Vorderrad ganz alleine in Richtung linke Strassenseite an ihm vorbeirollte. Er trat wie ein Verrückter auf die Bremse und fuhr rechts auf den Randstreifen. Er hielt mit seiner ganzen Kraft das Lenkrad fest, das ausschlug wie ein junges Fohlen. Funken sprühend hielt der Wagen an. Links schossen die Autos vorbei. Sein Vorderrad kam mit einer fremden Stossstange in Berührung und wurde wegkatapultiert, als es schliesslich am anderen Strassenrand weiter vorne in immer enger werdenden Kreisen ausrollte.

«Die Hunde, die haben mir die Reifen klauen wollen», durchfuhr es ihn. Gehört hatte er schon davon. Die nehmen einfach Ziegelsteine legen sie unter die Achse und schrauben dann die Räder ab. Ich musste sie gerade überrascht haben, als sie damit begannen. Er musste sich vom Schock erholen. Er lehnte sich über das Steuerrad schloss die Augen. Er öffnete langsam die Tür. Er schaute nach hinten. Er schloss sie gleich wieder. Die Autos sausten vorbei und dies in etwa einem Meter Abstand.

 „Also ein Reserverad, das habe ich nicht, das weiss ich. Das andere muss ich holen gehen».

Er wartete darauf, das für einen Augenblick kein Auto kam. Er stieg aus. Er  wollte gerade auf die andere Strassenseite hinüberrennen, da erschienen zwei schwarzuniformierte Polizisten mit schwarzen Lederstiefel und schwarzen Helmen auf schwarzen Motorrädern. Ein gelber Seitenstreifen verzierte die enganliegenden schwarzen Hosenbeine. Sie trugen glänzende schwarze Lederjacken. Sie hielten an und blickten grimmig drein. Sein Herz rutschte in seine nicht so enganliegenden Jeans. Mein Gott, jetzt kann alles passieren, ein Leben in Südamerika?  Geld, die wollen Geld». Einer Polizisten hatte sofort die Pistole gezückt. Er zielte auf ihn.

“ Al Orilla!“ !

" Que?" schrie Sami zurück.

„ Al Orilla (an den Rand)“, schrie er ihm zu. Sami nickte nur. Er stellte sich an die Balustrade aus Eisen. Er lehnte sich an das Metall und verschränkte seine Arme. Der andere war auch abgestiegen. Dieser stand jetzt breibeinig da und zielte auf Sami, wobei er abechseld nach links und rechts schaute.

Nur keine Angst zeigen, sonst macht es denen noch Spass. Der zweite drehte sich um und stellte jetzt sein Motorrad ab.

„Diebe haben mir mein Rad klauen wollen, da liegt es auf der anderen Seite, da seht ihr!“ schrie Sami durch den Lärm vorbeisausender Autos hindurch. Keiner der beiden reagierte.

"Haben die verstanden?"  Keine Miene verzogen sie. Sie glichen Panter vor ihrem Opfer.

"Was wollt Ihr von mir?" fragte er kleinlaut.                                             

Unendliche Minuten, die Zeit stand still, die Sinne waren aufs Höchste gespannt, Sami war paralisiert. Da! - 10,  ja 20 weitere schwarze Polizisten auf Motorräder tauchten auf, schön in 2 Reihen, vor einem schwarzen Chevrolet mit schwarzen Fenstern, dann wieder Polizisten in zwei Reihen und dann nichts mehr. Der eine  sprang auf sein Rad, der andere auch, beide brausten fort, den anderen nach. Das muss der Präsident gewesen sein, dämmerte es ihm.

Andere Autos folgten. Sobald die Strasse frei war, rannte er hinüber, packte das Rad, wartete, und rannte wieder rüber mit seinem Rad zu seinem Auto zurück. Das dastand, leicht nach vorne geknickt, in einer aufsteigenden Rechtskurve .

Der Wagenheber, richtig der Wagenheber, zuerst die Schrauben lösen. Hum, die Schrauben brauche ich ja nicht mehr zu lösen. Gut, ich nehme von jedem Rad eine, mit drei hält es vorläufig auch. Das tat er auch. Die ergatterten Schrauben legte er fein säberlich vorne neben sein Rad. Dann musste er das Auto mit dem Wagenhebr heben, aber jedes Mal, wenn er das Auto auf eine anständige Höhe gebracht hatte, wollte es wieder wegkippen, wegen der Schräglage der Strasse. Er stemmte sich mit ganzer Kraft gegen den Volkswagen, damit er ja nicht wegkippte. Er liess den Wagenheber hinunter, sonst würde das Auto noch auf die Fahrbahn kippen.

"So, geht das nicht, wie soll ich den Wagen festmachen? Mit einem Seil an die Balustrade ?"  ratlos blickte Sami sich um.

Ein einst weisser, mit Rostflecken übersäter Kastenwagen fuhr an ihm vorbei. Weiter vorne hielt er an. Er fuhr rückwärts auf dem Seitenstreifen auf Sami zu. Zwei Meter vor ihm hielt er an. Eine baumlange schlaksige Gestalt von oben bis unten mit schwarzer Wagenschmiere beschmutzt, stieg aus. Er näherte sich Sami. Sami wurde sehr misstrauisch.

„ Wie kann ich dir helfen, Che?“ fragte der Mann, sein argentinischem Akzent war direkt aus Buenos Aires importiert.

„ Hilfst Du mir, so helfe ich Dir“, antwortet Sami.

„Schau, ich habe den ganzen Tag gearbeitet, bis jetzt. Und jetzt fahre ich erst nach Haus, zu meiner Frau und den Kindern, da sehe ich Dich so dastehen, was ist Dir denn passiert ?“

„Siehst Du es nicht ? Diese Hunde, die wollten mir die Reifen klauen, einer der Reifen hatte sich gelöst und rollte da hinüber, auf die andere Seite..“

„ Was einfach so auf und davon?“

„Ja,  ich sage es Dir, auf und davon.“

„Aha, und der da?“ er zeigte auf das Rad das da lag.

„ Das ist er ja!“

„ Was, der da?“

„ Ja, der da!“

„ Und der andere?“

„ Welcher andere?“

„ Ich versteh nicht, - wie, der dir weg ist, halt?“

„ Das ist der hier, - ich habe ihn schon geholt, ich habe keinen anderen, ich habe kein Reserverad.“ 

„ Ahhhh, jetzt versteh ich,  Du musst mich entschuldigen ich bin etwas müde. Ja gut, das Problem lässt sich beheben.“

Er dachte kurz nach: „ Gut, Du hältst das Auto, und ich befestige Dir den Reifen,“ schlug der Argentinier vor.

"Bist du sicher, soll ich nicht lieber den Wagenheber bedienen?"

" Nein, nein das ist gut so, du bist stark genug."

Sie machten sich an die Arbeit. Sami kalkulierte: etwa 20 Zentimeter entfernt von dem Hintern der kauernden Gestalt seines Helfers, rasten die Autos mit über 100 Kilometer unentwegt vorbei. Er war glücklich nicht an der Stelle des Arhentiniers zu sein, denn das macht bei ihm wenigstens 50 Zentimeter aus, denn er stand ja. Doch das schien dem Cautscho wirklich nichts auszumachen. In aller Ruhe fragt dieser: 

„ Drei Schrauben, das ist alles?“

„ Ja, das ist alles für heute,“ antwortete ihm Sami. Der Mann war fertig, das Rad war dran.

« Momento », er ging zu jedem der übrigen Räder und zog die Schrauben nach.

„ Okay,“ Er gab Sami den Schraubenschlüssel zurück.

Sami steckte ihm einige Dollars in die Hand. Erfreut nahm er sie an. Dann verschwand er mit seinem Kastenwagen. Im Hotelzimmer angekommen, nahm Sami eine wohlverdiente Dusche, und legte sich erschöpft aus Bett. Er schaute auf die Decke, der Lärm der Grossstadt wiegte ihn in seinen wohlverdienten Schlaf.

Es kam ihm vor, als würde dieser Kontinent einmal kurz husten und ihn ausspucken. Sami war überrascht gewesen, über das jähe Ende seiner Liebschaft mit Irene. Auch das mit Amalia hatte gar nicht geklappt, dann die Teufelskurve und jetzt das mit dem Auto. Die Einsamkeit hatte ihn eingeholt. Natürlich war die Verführung gross, seinem Leben eine ganz andere Richtung zu geben. Die sicheren Bahnen einer gesicherten Existenz aufzugeben. Der Preis schien ihm sehr hoch, zu hoch. Die Armut hier, die rücksichtslose Gleichgültigkeit der Reichen in ihren goldenen Käfigen, das wäre keine Alternative.