10. Kapitel im Flughafen

Am nächsten Tag holte ihn Armando vom Hotel ab. Unten an der Küste lag der Flughafen von Caracas. Der Ort hiess Maiquetia, so auch der Flughafen, so auch der Hafen. Zwischen der Küste und der Hauptstatdt liegt ein Bergkette, die es einmal zu überwinden galt, heutzutage durchfuhr man sie. Die Amerikaner aus den USA bauten sie mit Hilfe eines Diktators, der für einige Zeit sein Land wie ein erleuchteter Monarch regierte. Er liess Bergkuppen abtragen, um darauf Wohnblöcke für die Armen bauen zu lassen. Dies im Stile des sozialistischen Wohnsilos. Er nannte das neue Viertel den 23. Januar, zu Ehren des Tages als er geboren wurde. Von dort aus ging dann auch die Revolution gegen ihn los, weil die geniale Idee gehabt hatte die Petroliumfirmen verstaatlichen zu lassen und somit sie den US-Amerikanern wegzunehmen. Diese wiederum schürten mit Hilfe ihrer CIA die Unzfriedenen im Lande bis er fliehen musste im Stile des früheren Diktators von Kuba. Die Amerikaner durchbohrten die Berge mit zwei grossen Tunnels für eine zweispurige Autobahn, die geradeaus hinunter oder hinaufführte. Jegliche Ware, welche per Schiff im hafen unten ankam, wurde mit Lastwägen hinauftransportiert. So war die rechte Spur oft besetzt mit diesen an Raupen gleichenden Transportmaschinen, die den Berg hochschlichen, von zwanzig Meter über dem Meeresspiegel bis auf etwa 900 Meter Meereshöhe. Falls es einmal zur Regenzeit richtig stark regnete, gab es Bergrutsche, die auch die Autobahn zuschütteten. Besonders die rechte Spur war dafür anfällig, die sie meistens den Berghängen entlang führte. Dann konnte nichts mehr hinaufgebracht werden, selbst Menschen nicht. Man wartete bis die Strasse wieder frei wurde. Die Menschen waren dies gewöhnt und niemand dachte daran eine Alternative zu finden, geschweige denn eine Bahnstrecke zu bauen. Die US- Amerikaner hatten dies getan und das war genug, wieso sollte man sich weiter anstrengen, wenn es auch so geht.                      

Armando hielt glücklich das Steuer in seinen Händen. Sie glitten die Autobahn in einer Geschwindigkeit von 90 Meilen hinunter. Sie liessen die mit roten Backsteinhäuser überzogenen Berge der wild wuchernden Armenviertel. Es gab welche, wo nur Kolumbianer lebten und keine Polizei traute sich hinein. Sami erhaschte, bevor sie in eines der Tunnels tauchten, die Ansicht einer mit nur einem weissem T- Shirt bekleideten dunkelhäutige Frau, die mit wild, weitgeöffneten Augen die vorbeirasenden Autos anstarrte, und ihren blanken, nackten Hintern ihnen entgegenstreckte. Ihre frei dargebotene Vagina schien sämtlich Autos aufzunehmen, bei etwa 90 Meilen Geschwindigkeit. Sami wusste nicht, was er davon halten sollte. Hatte er es wirklich gesehen? Es lag so eine verzweifelte Wildheit in diesm Bild, in diesm Eindruck, Südamerika eine vergewaltigte Erde.

Armando lieferte ihn ab und fuhr glücklich mit seinem neuen Käfer wieder hinauf nach Hause.

Bei der Passkontrolle wollte der Beamte ihn nicht durchlassen. Sein Visum sei schon abgelaufen. Wieder einer dieser Tricks,Sami wurde ärgerlich.

„Da, einen Tag überschritten“, meinte der Beamte.

„ Aber man kann das Datum nicht so genau erkennen, da sehen sie, das sieht so wie eine zwei oder sieben aus“, erwiderte Sami.

„ Un Momento!“ einen Augenblick, sagte der Zollbeamte, und verschwand mit Pass und Flugschein durch eine Tür weiter hinten links. Nach zwei, drei Minuten erschien er wieder in Begleitung eines zweiten in Uniform.

Sigue por favor (kommen sie bitte mit“).

Durch eine Tür ging es einen schmalen Gang entlang, Türen links und Türen rechts. Gegen Ende des Flurs öffnete der Uniformierte mit einem Schlüssel eine weitere Tür. Sie traten in einen Raum. Sami wurde aufgefordert sich auf einen grauen Metallstuhl vor einen grauen Metallschreibtisch zu setzen. Sami wollte wissen, was los sei, und ob man ihn noch lange hier warten liesse. Er müsse heute noch in die Schweiz fliegen.

Sein Wächter würdigte ihn keines Blickes, sondern starrte nur vor sich hin.

„Wenn das so weitergeht, verpasse ich noch das Flugzeug!“

Keine Antwort.

„Das ist unverschämt, mich einfach so abzuführen.“ Sami versuchte ruhig zu bleiben.

„Das muss ein Missverständnis sein. Ich werde mich bei der Botschaft beklagen !“                

Der Andere sass nur da und sagte nichts.

Die wollen Geld aus mir herausquetschen! Sami wurde sauer, dann verzweifelt dann wieder sauer.

Endlich nach fünf Minuten erschien ein neuer Beamte. Eine sehr enste und gewichtige Miene bestimmte sein Gesicht. Samis Pass und Flugschein hielt er in der Hand. Er setzte sich hinters Pult. Das sei ein schlimmes Vergehen, ein grosses Problem: „ Ihr Visum ist abgelaufen, Sie sind jetzt illegal in unserem Land.“

Sami machte ihn darauf aufmerksam, dass die Tinte des Stempels die Ziffern verunstaltet hätte.

Wir haben in unseren Unterlagen nachgeschaut. Wir mussten leider feststellen, dass Ihr Visum seit gestern abgelaufen ist.“

Im Flughafen

Wenn das so ist, was kann man da machen, das ist doch nur ein Tag?“ fragte Sami.

„ Was ein Tag, nur ein Tag? Ein Tag ist ein Tag! Sie müssen eine Strafe bezahlen. Das Visum kann dann verlängert werden. Ich weiss gar nicht, ob das man das so schnell machen kann. Sie möchten den Flug doch noch erreichen?“

„Ich brauche kein neues Visum, ich will nur nach Hause in die Schweiz!“

„Ohne rechtmässiges Visum dürfen Sie nicht ausreisen, Gesetz ist Gesetz.“

Der Beamte betrachtete ihn langsam von oben bis unten, während Sami auf dem Stuhl verdaute.

«Schauen Sie, wir wollen Ihnen doch nur helfen, glauben Sie mir, ich werde alles tun was ich kann, um Ihr Problem zu lösen».

„Wie viel kostet alles?“

„Die Busse kostet 200$, die Verlängerung 350$, das macht 550$.“

„Was! So viel! das habe ich nicht bei mir!“

„Wie viel haben Sie dabei?“

„50$ und 100 SFr.“

Der Beamte schaute ihn ungläubig an. Sami zückte seine Geldbörse, öffnete sie, holte die Geldscheine heraus und zeigte, da ist sonst nichts drin. Der Beamte nahm Sami die Geldscheine aus der Hand, und prüfte sie auf ihre Echtheit.

„Un momento (Einen Augenblick)!“ Der Beamte verschwand mit dem Geld und dem Pass durch die Türe. Er liess den Flugschein auf dem Tisch liegen.

Sami sass auf Kohlen. Er holte ein Päckchen Zigaretten aus der Tragtasche.

„ Rauchen Verboten» stand mit grossen Buchstaben auf einem Schild an der Wand hinter dem Tisch. Sami schaute an die Decke und bemerkte den Feuermelder. Er steckte die Zigaretten wieder in seine linke Hemdtasche und schaute auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zum Abflug.

Nach fünf Minuten erscheint der Beamte wieder: „Kommen Sie mit, aber beeilen Sie sich!“

Erfreut ergriff Sami seine Tasche und zu dritt stürmten sie zu einem Lift. Es ging nach unten.

„ In 15 Minuten fliegt das Flugzeug ab,“ insistierte Sami.

Keine Antwort, sie marschierten im Eilschritt einen weiter einen langen Gang entlang, eine kleine Treppe hinunter, dann ein bisschen weiter, um die Ecke, nochmals um die Ecke und dann durch eine Tür in die Freiheit, dachte Sami. Aber er befand sich plötzlich in einem kleinem Raum ohne Fenster.

„ Warten Sie kurz hier!“ der Beamte ging aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich mit dem Schlüssel ab. Sami war perplex, was hat das zu bedeuten. Ein Schreck durchfuhr seine Glieder, wollen die mich foltern? Aber weswegen? Ein Schweizer ist noch nie auf solcher Weise verschwunden, Südamerikaner ja, aber Schweizer nie, oder wenigstens hat er nie davon gehört, oder gelesen.

„In 10 Minuten startet das Flugzeug!“ schrie er. Er sprang zur Tür, Er rüttelte fest am Griff, nichts zu machen. Er nahm einen Anlauf, er versuchte sie aufzusprengen. Nichts zu machen sie war aus mit einer Plastiküberschicht bezogenem Metall und hielt jeden Ansturm aus.

„Lasst mich raus !“ schrie Sami.

Er hämmerte auf die Tür ein. Sami schaute sich im Zimmer um. Wieder dieses metallene Pult und zwei graue Stühle, die Sprenkelanlage oben an der Decke, der Feuermelder eine Abdeckung eines Luftschachtes, oben rechts über dem Pult, sonst alles in schmuddeligem, grauem Plastikbezug. Verzweifelt schritt Sami zum Tisch. 

Flughafen

„Das kann doch nicht sein,“ wieder stürmte er gegen die Tür. Da, Schritte in der Ferne, er hörte, er lauschte. Nichts, nichts, die Schritte hatten aufgehört. Das Licht ging aus. Wieder Schritte, diesmal entfernten sie sich.

Es wurde ihm übel. Er lehnte sich gegen die Tür. Panik schlich ihm das Rückgrad hinauf und breitete sich zwischen den Schulterblättern aus. Langsam liess er sich hinuntergleiten.Er kauerte er auf dem Boden. Seine Beine zitterten, er bekam Atemnot.

„ Nur keine Panik jetzt!“ Er atmete tief ein und zählte bis 5, dann langsam aus und zählte bis 5, dann wieder ein und zählte bis 5, dann behielt er die Luft und zählte bis 5........ langsam konnte er wieder klarer denken.

«Durch denn Luftschacht! Der ist viel zu klein, da komm ich nie durch. Wo ist der wieder. Ja oben rechts beim Pult. Schweissperlen rannten von seiner Stirn hinunter. Sein Hemd war verschwitzt. Seine Augen brannten. Er starrte in die vollkommene Finsternis, aber auch gar nichts war zu erkennen, nicht mal seine eigene Hand vor dem Gesicht.

„Das Flugzeug ist bestimmt weg. So eine Scheisse, so eine verdammte Scheisse. Wär ich doch nie nach Venezuela geflogen, das hat man jetzt davon“.

„ Wo ist denn hier das Klo?“ rief er verzweifelt und lachte über seinen Witz.

„Die spinnen ja, mich einfach so einzusperren. Komme ich raus, ich mache einen Skandal! Beim Botschafter werde ich mich beklagen, die Zeitungen werde ich verständigen. Das Visum war bestimmt noch gültig, die wollten nur noch mehr Geld aus mir herausquetschen. Die haben mich gekidnaped.“

Er richtete sich auf. Er berührte mi der linken Hand die Wand.                                          

„Also jetzt, ich muss hier raus. Es gibt bestimmte einen Weg. Wo ist das Pult.“                    

Er ging auf die Knie. Langsam krabbelte er vorwärts. Er war erstaunt wie gross das Zimmer plötzlich wurde. Er stiess seitlich an eine Wand. Er setzte sich hin und lehnte sich gegen sie. Dann griff er automatisch nach den Zigaretten in seiner Hemdtasche, aber die waren rausgefallen und mussten irgendwo im Zimmer liegen.

„In der Hosentasche ist mein Feuerzeug, ich Idiot.“

 Er fingerte nach ihm und zündete es an. Er konnte feststellen, dass er gegen die linke Seite gekrochen war. Da bei der Tür lagen die Zigaretten auf dem Boden. Er rappelte sich auf  ging zu den Zigaretten. Er bückte sich um sie aufzulesen, sein Bedürfnis zur Toilette zu gehen wurde immer grösser. „Autsch“, das Feuerzeug war heiss geworden. Er liess es fallen.

Vorsichtig tastete er danach, nur nicht das Feuerzeug verlieren. Hier die Zigaretten, dort das Feuerzeug, er richtete sich wieder auf.

„Das ist doch ein Witz, jetzt mache ich noch in die Hosen. Kein Gas vergeuden.“

Es war eines dieser billigen Feuerzeuge, aus Kunststoff, die man überall kaufen konnte.

Nachdem es abgekühlt war,  konnte er endlich die langersehnte Zigarette anzünden. Er vergewisserte sich kurz noch einmal wo das Pult mit der Tasche stand. Dann machte er es aus. Er ging zielstrebig darauf los. Vier Schritte, wo ist das Pult endlich, fast wäre darüber gefallen. Er stützte sich am Rand auf und tastete sich vorsichtig entlang um die Ecke, stiess gegen den Stuhl, schob ihn bis er mit der Lehne gegen die Rückwand stiess. Dort blieb er einen Augenblick stehen.

„Nicht einmal Toilettenpapier haben die hier.“ Er liess das Feuerzeug kurz nochmals aufflackern um sicher zu gehen, dass er richtig stand, zog er die Schuhe aus. Er liess seine Hosen herunter, legte sie auf den Stuhl, dann die Unterhose, kauerte in die Ecke  neben der Lüftung und befreite sich vom unmenschlichen Druck der Eingeweide. Mit einem braunem Strahl beschmutzte er die Wände und den Boden. In Wirklichkeit war er schwarz, da es ja kein Licht gab und das Urin war ja gelb. Er stand wieder auf, schlurfte kurze Schrittchen zum Stuhl:„ Was soll ich jetzt machen? So kann ich doch nicht bleiben.“ Die Unterhosen! Er bückte sich zum Stuhl, tastete nach den Unterhosen und wischte damit seinen Hintern ab. Dann warf er sie in die Ecke Richtung de Gestanks. Er zog die Jeans an und die Schuhe, natürlich die Schuhe.

Ers etzte sich auf den Stuhl als Blinder. Er hatte ja Zeit, das Flugzeug war ohne ihn abgeflogen.  „Der Gestank ist fürchterlich, aber seinen eigenen Gestank muss man mindestens ertragen können“.

Er zündete kurz das Feuerzeug an. Er betrachtete den Schmutz, den er hinterlassen hatte. Er steckte sich wieder eine Zigarette an. Eigentlich hatte er aufgehört, mit dem Rauchen, aber nach der Geschichte mit Irene, hatte er wieder begonnen. Jetzt war er froh darüber, es lenkte ihn ab, es beruhigte ihn. Auf der Tischplatte lag seine Tasche. Das kleine rote Glühwürmchen seiner Zigarette verbreitete einen leichten Schimmer. Zum Essen habe ich nichts dabei, nicht einmal Schokolade, zum Trinken auch nichts. Das Angstgefühl kroch wieder hoch. Er  verschränkte seine Arme über die Tasche, benützte sie als Kopfstütze, er begann vor sich hinzudösen.

Er wusste nicht mehr wie lange er geschlafen hatte. Plötzlich befand er sich auf dem Boden. Der Stuhl war unter Krachen davongeflogen.  Seine rechte Seite schmerzte. Der Stuhl war einfach so weggerutscht. Er richtete sich langsam auf, er ergriff die Tasche und legte sich der Länge nach auf den Rücken, wobei er die Tasche wieder als Kissen benützte. Dann zündete er sich eine Zigarette an, seine Kehle brannte vor Trockenheit. Also der Feuermelder funktioniert ja toll hier. Mit tiefen Lungenzügen genoss er trotz des Brennens den Tabak, der Rauch schien den Gestank wegzubrennen.

„Wie spät mag es wohl sein?“ Er schaute auf die Uhr.

„Was schon 8 Uhr abends?  Ungefähr neun Stunden muss ich schon sein.Die Zeit fliegt hier, das kann man wohl sagen,“ er lachte kurz auf.

„Warum habe ich auch mein Handy dem Armando gegeben. Jetzt hätte ich es wirklich brauchen können, aber hier unten ist bestimmt kein Empfang, hätte ich eines gehabt, hätte ,hätte, hätte, ich hab halt keines, so ein Quatsch.“

„Dem Jörg habe ich gesagt, er solle mich vom Flughafen abholen. Der wird sich wundern. Er wird bestimmt Nachforschungen machen, aber bis die hier reagieren, bin längst verdurstet. Ich muss mir unbedingt die Zigaretten einteilen.“                                                   

„SCHWEIZER BÜRGER VERDURSTET IN TODESZELLE IN VENEZUELA, oder SCHWEIZER IM FLUGHAFEN VERDURSTET, ein toller Titel für die Zeitungen. Vielleicht werde ich irgendwo verscharrt werden, oder bei offenem Meer aus dem Flugzeug geworfen, wie diese Studenten während einer Revolte in den 60 Jahren. Um die 500 seien es gewesen, man hatte sie einfach auf dem Campus verhaftet in einen Transportflugzeug gesteckt und dann rausgeworfen. Hätte ich doch was zum Trinken gekauft. Ich hätte doch auf den Preis der Zollbeamten eingehen sollen.“

Sami hatte immer noch seinen Gürtel, in den man Geld hineinstecken konnte. Aber ihn einfach so ausziehen, vor dem Beamten, der hätte ihm bestimmt alles abgenommen. Besser wäre es vielleicht gewesen, besser als das jetzt.Was bedutet schon Geld. Aber jetzt ist es schon passiert. Was habe ich in der Reisetasche, ein Magazin, zwei Bücher, die Haarbürste, zur Not kann ich ja noch die Zahnpasta essen. Zwei T- shirts hatte er zusammengerollt und einen kleinen Fotoapparat. Der hat ja einen Selbstauslöser, ich werde ein Foto machen von mir, sonst glaubt mir das keiner.“

Er nahm die Kamera aus der Tasche, und stellte sie auf den Tisch. Mit Hilfe des Feuerzeuges stellte er sie richtig ein mit Flash und Selbstauslöser, zählte die Schritte ab, drehte sich um und wartete die verbleibenden Sekunden bis der Flash ihm fast die Augen verbrannt hatte. Der Dunkelheit wegen war, er das Licht nicht mehr gewöhnt. Er zündete wieder das Feuerzeug an, ging zum Pult nahm die Kamera. Er versorgte sie in der Tasche dann legte er sich wieder auf den Linoleumboden und schloss die Augen.

„Gut, dass es noch keine Kameras mit Geruchsinn gibt.“ Er sehnte sich nach den kühlen Schatten der Berge seiner Heimat, der frischen Luft die durch den Mund und Nase in seinen Körper drang, die seine Haut einhüllte, das Glitzern des Wasserstrahls eines hölzernen Brunnens, sprudelnde Bergbäche, in die er die eintauchen würde, das feuchtgrüne Nass des Mooses der Wälder, den weichen Matten, auf den Felsen bei den Wasserfällen. 

Er begann zu schlafen und träumte von einer Nebelwand die in einhüllte und zu ersticken drohte. Schweratmend wachte wieder auf, der Durst wurde unerträglich.

„Was soll ich nur machen! Wasser, frisches, kühles Wasser, wo gibt es hier Wasser. Wie spät ist es? Schon. Zehn? Zum Frühstück noch etwas zu früh.“

Er lachte bitter auf. „Einen Kaffee bitte, mit Creme bitte und Mineralwasser mit Kohlensäure bitte. Jetzt fange ich an zu spinnen.».

Samis sämtliche Knochen taten weh. „Ich muss hier rauskommen, je länger ich hier versauere lassen, desto gefährlicher wird es für mich, wie werden die das begründen können.“

Seine Kehle und die Lippen brannten fürchterlich. Der Gestank hatte abgenommen, oder hatte er sich daran gewöhnt ?

„ Die Sprenkelanlage, der Feuerlöscher, der hat doch Wasser, aber ich habe hier doch geraucht und nichts ist passiert, wird wohl nicht funktionieren, wie vieles hier in diesem beschissenem Land! Mir stinkts."  Hatte er geschrien ?

„ Mir stinkts jetzt," hatte er jetzt geschriehen.

"Oder doch, vielleicht geht der Feueralarm doch. Muss nur ein richtiges Feuer machen, vielleicht dann.“

Er richtete sich auf und stiess dabei ans Pult. Dann zündete er sein Feuerzeug an und starrte an die Decke bis er die Anlage fand. Er nahm den Stuhl und stellte ihn genau darunter. Das Feuerzeug wurde wieder heiss, er machte es aus. Dann schritt dieselbe Anzahl Schritte zum Schreibpult zurück, ging herum und begann es in Richtung des Stuhles zu stossen. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und kontrollierte mit seinem so wertvollen Licht seine Position, bis er gegen den Stuhl stiess. Jetzt tastete er sich um das Pult, schob den Stuhl ein bisschen zurück, zog etwas am Pult, stellte den Stuhl auf das Pult, hielt etwas inne, machte wieder Licht, kontrollierte nochmals ob der Stuhl wirklich unterhalb der Anlage war, holte schnell die Tasche, legte sie unters Pult, wartete bis sich das Feuerzeug wieder etwas abgekühlt hatte, zündete es wieder an, suchte die Unterhose bei der Tür, holte sie, zündete sie an, legte sie über die Plastiklehne des auf dem Pult stehenden Stuhles. Nach einer Weile hatte sich schon ein ziemlicher Rauch entwickelt. Er hustete fast seine Seele aus.

Da, jetzt ein Gepuste aus der Leitung an der Decke, eine Sirene ging an, es begann zu regnen. Es hat geklappt!

Er schrie: „es hat geklappt!“

Er fing an vor Freude zu hüpfen und streckte die Hände dem köstlichen Nass entgegen. Das Wasser löschte sein Feuer sofort. Er konnte nichts mehr sehen. Er rutschte aus und knallte auf den Boden. Er drehte sich um. Tropfen fielen in seinen Mund. Sie schmeckten schrecklich. Er kniete auf dem Boden. Er hielt den Mund offen. Mit den Händen wie einen Löffel geformt, versuchte er etwas Wasser aufzufangen, zu sammeln. Er führte es zum Mund. Er leckte die Hände ab. Er hörte Schritte. Das Licht ging an. Er sprang auf, packte die Tasche, rannte zur Tür und stellte sich neben ihr an die Wand. Es regnete weiter.

Die Tür öffnete sich. Ein Mann stürmte herein. Er schreckte zurück, vom Gestank überwältigt. Sami sprang durch die Tür hindurch. Er rannte den Gang entlang. Überall regnete es. Er hörte Gehuste und Gefluche hinter sich. Er rannte die  kleine Treppe hoch, kam zur anderen Treppen, ihm kamen Leute entgegen, andere rannten in seiner Richtung mit, aus sämtlichen Sprinkelanlagen kam das köstliche nass. Ein grosses durcheinander war überall. Er rannte weiter die Treppen hoch, bis zur Halle. Wahrscheinlich hatten die das System noch nie ausprobiert, dachte er sich. Es regnete und regnete, auf dem Boden hatten sich kleine Wasserlaken gebildet. Er hielt an, er gewann seinen Athem zurück. Da war die Schalterhalle der Zollbehörde, da musste er durch. Er schloss sich einem Strom durchnässter Reisenden an. Es regnete immer noch. Keiner kontrollierte, die Männer in Uniform waren verschwunden. Frauen jammerten in ihren durchnässten Kleidern und glänzten verführerisch mit ihren Rundungen. Männer mit ihre eleganten Jacken, hielten sie zum Teil über dem Kopf gestülpt, als ob das was nützte. Kinder rannten lachend oder weinend mit ihren Eltern zum Ausgang, Babys plärrten lauthals. Plötzlich war er draussen auf der Rampe bei den Taxis.                

Da stand er nun da, vollkommen durchnässt, im allgemeinem Chaos, mit einem grossem Loch im Bauch, Angst in den Gliedern, und vom Licht geblendet mit schmerzenden Augen.

Taxis gab es keine, die waren alle schon fort, oder waren vor nassen Passagieren geflohen. Ein paar „ Guardia Nationales“, die Aufpasser öffentlicher Gebäude, standen mit ihren Maschinengewehren bei den Eingängen. Sie amüsierten sich über die nassen Gestalten, die herumstehenden, fluchenden, lachenden, jammernden, verzweifelten Reisenden und ihren Angehörigen, Flughafenangestellten und Sonstigen.

Er ging am langen, gläsernem Gebäude entlang in Richtung Flughafenausfahrt, weg von den Uniformen. Am Ende des Bauwerkes standen in regelmässigen Abständen Betonklötze, so dass keiner auf dem Gehsteig parkieren konnte. Erschöpft setzte er sich auf einen. Also Geld hatte er ja noch, aber nur Dollars, die hatte er in seinem Gürtel versteckt. Hier aber konnte er seinen Gürtel unmöglich öffnen, viel zu gefährlich. Ein Taxi, ja ein Taxi, im Taxi konnte er das Geld herausnehmen. Der Fahrer würde sicher sehr glücklich über Dollarnoten sein. Die Sonne begann die Kleider zu trocknen. Das Hemd klebte auf seinem Rücken. Er stand auf und schloss sich den dampfenden Menschen an, die zu Parkplätzen, oder in Richtung des Ausganges des Flughafengeländes gingen. Nach zehn Minuten erreichte er endlich das heissersehnte Tor. Er ging mit der Menge an den Wächtern vorbei, die nur daran interessiert waren, keinen herein zu lassen, ausser sie hatten jeweils eine besondere Erlaubnis.

Da war die Bushaltestelle mit all diese kleinen Wägelchen mit Erfrischungen und Hotdogs. „Jetzt ein Hotdog mit allem drum und dran und ein Kola. Das wär's, aber Halt! Wie soll ich`s bezahlen? Kein Kleingeld in der Tasche. Ab jetzt werden ich immer Kleingeld in der Tasche haben, komme was wolle!“ Voller Sehnsucht und protestierendem Magen, liess er die kulinarischen Sehnsüchte hinter sich. Er schritt weiter am Strassenrand entlang zur Autobahnauffahrt. Auf dem Parkplatz vor den Kabinen, wo man die Autobahngebühren bezahlen musste, standen ein paar Taxis mit ihren Fahrer. Einige von denen waren sicher vor den nassen Fahrgästen geflohen.

 Sami sprach den Vertauenswürdigsten an:„ Können Sie mich bitte nach Caracas bringen?“

„Ja natürlich, (Como No). Sind sie auch nass geworden?“

„ Ja aber jetzt bin ich wieder trocken, sehen Sie trocken.“ Sami zeigte im seine Hose und sein Hemd. Der Fahrer nickte kurz.

„ Was ist denn nur passiert?“

„Keine Ahnung, plötzlich kam Wasser und eine Sirene ging los.“

„ Aha, Dinge gibt es?“ Sie machten den Preis aus, etwas teurer als sonst, der aussergewöhnlichen Lage wegen.

Er setzte er sich auf den Rücksitz des Taxis.

„Nach Altamira“

„Nach Altamira? Das kostet mehr.“

„ Kein Problem, wie viel mehr?“

„ Ein Viertel des Fahrpreises, das ist die Quote.“

„ Okey, aber ich habe nur Dollars.“

„ Kein Problem ich nehme auch Dollars, nach dem heutigen Wechselkurs und einer Kommission für das wechseln.“

„Wie viel ist die Kommission?“

„ 10 % vom Geld“

„ Was so viel? 5% ist normal.“

„ 5% für die Wechselstuben vielleicht, aber nicht für uns. 10% das ist der letzte Preis.“

„ Haben Sie denn Wechselgeld?“

„Was meinen Sie? Wie viel haben Sie denn?“

„ Ich gebe Ihnen 60$ für die Fahrt, den Rest zahlen Sie mir in Bolivares aus, passt es Ihnen so?“

„Was so viel? Das kann ich Ihnen nicht wechseln.“

„Aber die 100$ kann ich Ihnen dafür nicht geben.“

„ Das habe ich auch nicht verlangt, aber wechseln kann ich Ihnen auch nicht.“

„ Was machen wir denn da? Ich bin gerade mit dem Flugzeug angekommen und wegen des ganzen Chaos konnte ich nicht mehr wechseln, Sie wissen ja selber, wie es so ist.“

„Haben sie denn nur 100 Dollarnoten mit sich?“ fragte der Taxifahrer sehr erstaunt.

„ Nein 50 Dollarnoten, Sie möchten doch 60$ verdienen?“

„60$ ? Hm“ Der Taxifahrer hüllte sich in ein Schweigen. Sami wurde ungeduldig. Das Auto glitt die Autobahn hoch. Die Backsteinhütten mit Wellblechdächern auf den Hügeln rund um Caracas tauchten ernet auf. Tagsüber sah man das ganze Elend dieses grossen Teils der Bevölkerung. Keine Kanalisation, keine richtigen Strassen, von irgendwo zapften sie das Wasser und den Strom ab, ohne es je zu bezahlen. Keiner kümmerte sich um keinen. Die anständigen Bürger hatten Scheuklappen entwickelt, so wie Irene, oder amaliaoder seine Kollegen.

„80$, für 80$ wechsle ich Ihnen das Geld. Sie geben mir zwei Fünfziger Noten, für 20$ gebe ich Ihnen Bolivares. Damit ist Ihnen gedient und mir auch. Sie müssen verstehen um diese Zeit sind alle Banken und Wechselstuben geschlossen, und ich muss jemanden finden der sie mir schwarz wechselt, der will auch etwas verdienen.“

Sami atmete erleichtert auf: „20 $ sind zu wenig für mich, ich brauche 30, wo soll ich jetzt sonst das Geld wechseln?“

„ Genau das habe ich gesagt, also 80$ ist okey?“

„ Ich gebe Ihnen 75$, und nicht mehr, die Fahrt ist schon teuer genug und Sie haben damit einen guten Verdienst gemacht, das wissen Sie genau.“

„ Ich muss wieder runter fahren nach Maiketia, dort wohne ich. Ich wollte heute gar nicht mehr nach Caracas hinauf, der Verkehr ist unmöglich zu dieser Zeit. Also gut abgemacht 75$ aber keinen Cent weniger.“

„Abgemacht.“

„Gut ich werde zur Previsora fahren im Zentrum, da kenn ich jemanden. Der wird mir bestimmt wechseln.  Sie werden im Auto bleiben und wenn ich zurückkomme händige ich Ihnen das Geld aus, einverstanden.“

„Okey, wie es für Sie am besten ist.“

Samis Kopf schmerzte, geschwächt von den ganzen Strapazen liess er sich ermattet zurückfallen, Müdigkeit übermannte ihn.

Irgendwann wurde er von einer Stimme geweckt.

„Wir kommen an, haben Sie gut geschlafen mein Herr?“

„ Ja, ja, Danke ,“ Sami zog nun endlich seinen Gürtel aus, öffnete den Reissverschluss auf der Innenseite nahm drei der gefalteten 50 Dollarnoten heraus, behielt die 100$ in seiner Hand und steckte die andere 50$ Note in seine rechten Hosentasche.

 

Als der Fahrer neben dem Wolkenkratzer der Previsora anhielt, gab ihm Sami die 100$. Dieser verschwand im Gebäude. Sami liess sich wieder in den Sitz zurücksinken.

„Hoffentlich versucht er mich nicht auszutricksen, aber ich sitze ja in seinem Auto. Aber er kann vielleicht mit irgendeinem Polizisten, einem Freund oder sonst einem Kumpanen kommen und versuchen mich vollends auszurauben. 10 Minuten gebe ich ihm Zeit.“ So schlecht er sich auch fühlte, er zog seine leicht feuchte Reisetasche an sich und rappelte sich auf.

„Nur nicht schlapp machen jetzt. Ich bin frei.“

Er stieg aus dem Wagen legte die Tasche auf das Dach und war vorbereitet sofort weg zu rennen, falls nötig

Der Verkehr pulsierte durch die „Avenida de las Acacias“. Die Fussgänger strömten vorbei warteten in Schlangen auf Autobusse, oder Taxis. Fussgänger verschwanden in den Öffnungen der U- Bahnstation. Die ewigen Wägelchen mit ihren Hot Dogs und Eiskrems klingelten an ihm vorüber, bis sie bedienend stehen blieben. Weiter hinten auf der Fussgängerzone „ Sabana Grande“ sassen esswütige Venezolaner auf den Stühlen und liessen sich es schmecken.   

Nach 15 Minuten erschien der Fahrer. Er gab ihm die Bolivares wie abgemacht, und als Sami sie nachzählen wollte hatte er sich schon ins Auto gesetzt und fuhr ab. Gut dass er sein Tasche noch vom Dach packen konnte, sonst wäre auch sie weg gewesen.

„So ein Hund, er hätte mich doch nach Altamira fahren sollen. Na ja, wenigstens kann ich mir etwas zu trinken und zu essen kaufen.“

Er ging zu einem der Wägelchen. Er bestellte sich eine Kola und zwei Hotdogs. Die Kohlensäure riss ihm die Kehle auf, aber gierig liess er das erlösende, kühle Nass in seinen Körper. Noch nie hat ihm ein Getränk so köstlich geschmeckt. „Sicher hat er mir nicht die ganzen 25$ in Bolivars gegeben.“ Genüsslich biss er in den „Hotdog (Perro Caliente con todo) mit allem“. Das hiess mit Zwiebeln, Tomaten,Kohl, Mayonese, Tomatenketchup und dem Würstchen.