11 Was jetzt ?

Am nächsten Morgen waren alle früh aufgestanden. Die Eltern gingen zur Arbeit. Die Kinder zur Schule und JaiJai, die Grossmutter machte allen Sandwiches für die Pausen. Samis Handy lag neben seinen Kleidern auf dem Tisch. Sami war schon früh unterwegs. Er kaufte sich etwas zu trinken auf dem Weg zur Botschaft. Er wartete bis neun Uhr auf der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes, in der sich die Botschaft befand. Das Gebäude hiess „Europa , als ob die Schweiz ein Teil von Europa sei. Sami schüttelte den Kopf. Wenigstens tut sie so als gehöre sie nicht dazu.

Dann um neun konnte er endlich losgehen, stoppte aber plötzlich als er sah, dass er seinen Pass vorzeigen musste, um reingelassen zu werden.

„Das habe ich ganz vergessen, verdammt nochmal.“ Er ging zu einem der Kiosks, kaufte sich eine Telefonkarte, suchte eine funktionierende Telefonkabine und rief die Botschaft an.

„Ja Hallo, hier Bühler, Schweizerbotschaft. Womit kann ich Ihnen dienen?“

„Ja hallo hier Samuel Rötlisberger, ich bin Schweizer, ich war bei Ihnen gemeldet und wir haben uns schon paar Mal gesprochen.“

„Ja, das stimmt, worum geht’s?»

 „Ich stehe hier auf der Strasse und kann nicht zu Ihnen hinaufkommen“. ( i stahne uff dä andere Strassesiete un chan nöt uffecho).

 „Ja warum denn nicht?“ (Warum dän nöt?)

„Hm, wie soll ich Ihnen das erklären, ich habe keinen Pass bei mir“. ( Jo was sött i säge, ich han kei Pass dabi).

 „Aha, dann holen Sie ihn doch, dann können Sie zu uns hinaufkommen, aber beeilen Sie sich wir schliessen pünktlich um zwölf Uhr».  (Jo nai, jo dänn holet si en doch, da chömet sie scho uffe, aber prässiere müend sie scho, mär schlüsset nämli am zwölfi).

 „Das geht nicht“. (Das gat nöd)

 „Warum denn nicht, wenn ich fragen darf?“  (jo warum dän nöt, wän i frogä dörf?)

 „Man hat ihn mir gestohlen“. (Dä hät me gschtolä)

„Was den Pass?“ (Jo nai, irre Pass?)

 „Aha“. Eine kurze Pause.

 „Frau Bühler, sind Sie noch dran?“ (Frau Büehler, sind sie no am Apparat?)  

 „Ja ?“

 „Was soll ich jetzt machen ?“ (Was sött i jetztä machä?)

 „Also man hat Ihnen den Pass gestohlen, das kommt öfters vor. Das ist ganz einfach. Sie gehen zur nächsten Polizeistation und lassen sich eine Bestätigung geben. Diese zeigen Sie dann unten am Eingang, die lassen Sie dann rein“. ( Jäso, mä hät inä dä Pass gschtolä, das chunt immer wieder vor. Das isch ganz eifach. Sie gönt zur nächschte Polizejstation, deklarieret dä Diäbschtal, lönt sich`s Papierli gä. Däs zeiget sie dänn unne, die lönt sie dänn scho ufffä.)

 „Das geht nicht“. (Das gat nöd)

 „So, warum denn nicht?“ (Jäso, warum dän nöt?)

 „Ich habe kein Geld, das hat man mir auch weggenommen, die möchten doch bestimmt eine Gebühr verlangen dafür.“ ( Ich han kei Stütz, däs ischmä au wägno worde. Die vo dä Polizei wöttet beschtimmt a Gebür)

 „Leihen Sie sich doch das Geld“. (Dänn lehnet sie sich das Gäld)

 „Wie kann ich denn zur Polizei gehen, wenn ich doch offiziell gar nicht mehr da bin?“ (Wiä chan i zuä Polzej ga, wän i ofiziell gar nümmä da bin.)

 „Was auf der Strasse?“ (Was dä, uf dä Strass?)

 „Was soll das, Herr Rötlisberger, wo sind Sie denn, sind Sie denn nicht in Caracas?» (Was meinät sie, Herr Rötlisberger, sind sie dän nümä in Karakas?)

 „Doch auf der gegenüberliegenden Strassenseite in einer Telefonkabine, ich kann Ihnen zuwinken, sehen Sie mich“. (Mol, mol, uf dä andere Site, i dä Telfonkabinä. Ich chan inä winkä.Gsend sie mich?)

 „Moment mal“, Pause, „Ja ich kann Sie sehen, ich sehe Sie winke“.

 „Wieso sagen Sie, dass Sie offiziell gar nicht da sind, ich verstehe das nicht?“ (s Momäntli, ja i gsenä si winkä. Was sötti das, das Sie offiziell gar nöt da sind, i verschtanä nöt).

 „Das ist ganz einfach, ich bin offiziell nicht mehr da, ich bin abgemeldet und sollte jetzt in der Schweiz sein“. (Sch eifach, i bin nümmä da offiziell, i bin abgmoldä, i sötti i dä Schwiiz si.)

 „Also Herr Rötlisberger lassen Sie sich die Bestätigung machen und kommen Sie wieder, aber mit Geld, dann bekommen Sie einen neuen Pass und alles ist geregelt“. ( Jo lugäd sie Herr Rötlisberger, lönt si sich diä Beschtätigum machä und chömät sie wiedä, abä mit Gält, dan chömmet sie a neuä Pass übä, so isch alles gregält)

 „Eben nicht Frau Bühler, ich bin illegal hier und die Polizei nimmt mich dann fest und Bargeld habe ich auch nicht“. (Ebä nöt Frau Büehler I bin doch jetztä illegal do, , die  nämet mi fescht und Casch hani au nöt.)

 „Da kann ich Ihnen auch nicht helfen, entschuldige ich habe hier noch andere Leute, ich kann nicht den ganzen Morgen nur mit Ihnen telefonieren». (Äxgüssi, ich chan innä au da nöt wietärhälfe, da gits no anderi Lüüt, i cha doch nöt dä ganzi Morgä mit innä go telefonierä.)

 „Frau Bühler Sie sind meine letzte Hoffnung, hängen Sie nicht ab. Ich war doch berufstätig hier, wir haben uns doch ein paar Mal getroffen bei den Empfängen im Schweizer Club, Sie wissen wer ich bin».(Frau Büehler, sie sind mini lätzti Hoffnig, hänged sie nöt ab. I bin doch da berufstätig gsi, mir händ öis paarmal troffä bi Empfäng im Schwiitzer Klub, Sie wüssät sch wär i bin.)

 «Jaaaaa?» (Joooooo?)

„Frau Bühler ich muss unbedingt mit dem Herrn Botschafter, Herrn Canonica sprechen, es ist etwas schlimmes mit mir passiert, oder mit seinem Stellvertreter Herrn Knoblauch“. ( Frau Bühler I muas unbedingt mit öisam Botschafter, Herrn Canonico, oder däm Stellveträter Herr Knoblauch redä, mir isch öpis Schlimmäs passiert.)  

 „Ja, gut ich werde sehen was ich da machen kann, vielleicht rufen Sie mal morgen wieder an.“ ( Jo guät, I gsenä was i da machä cha, villicht lütet sie morgä widä a.)

 „Frau Canonica, Entschuldigung, Frau Bühler nicht morgen, sondern jetzt, mir geht es nicht gut“. (Frau Canonica,äxgüsi Frau Büehler,  nöt morn, hüt, miär gats nöt guät.)

 „Dafür kann ich nichts Herr Rötlisberger, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich doch“. (Dafüä chan i doch nüt, Herr Rötlisberger, beruhgä siä sich doch.)

„Frau Bühler, ich bin ganz ruhig, bitte schicken Sie doch jemanden zu mir runter, der kann mich doch dann zu Euch hochschleusen. Dann können wir alles besser regeln“. ( Frau Büehler, i bin ganz ruig, chönt sie doch bittä oped abeschicke, dä chan mi dän uffäbringä. Dän chömet alles besser reglä.)

 „Das geht nicht, meinen Sie denn, dass ich einfach jemanden hier von der Arbeit wegschicke, meinen Sie wir wären der Pestalozzi, nur weil Sie das so wollen, das geht doch nicht.» (Das gat doch nöt, meinät sie dänn, ich cha eifach öpäd vo dä Arbät abäschicke, meinät Sie. Mär sind dä Pestalozzi, wil sie das so wöttet, gat das no).

 „Das ist doch auch Arbeit, ich bin Schweizer, Ihr seid meine Botschaft, ich als Bürger brauche Sie, Sie als Beamte geben einen Service, das ist Ihre Arbeit». (Das isch doch au Arbet, i bin ä Schwiizer, ihr sind mini Botschaft, sie sind a Beamtin, sie gäbed än Service, i bruuche sie, siä söttet mir hälfe!)

 „Ich brauche Ihre Belehrungen nicht. Ich weiss, was ich zu tun habe, Herr Rötlisberger.“ (Ich bruchä not, dass sie mä säga, was i machä sött)

 Die Leitung machte einen Knacks, die Verbindung war unterbrochen. Da stand er nun da. Er konnte es kaum glauben.

„Das gibt's doch nicht“. Er schüttelte den Kopf. Er trat hinaus aus der Telefonkabine und schaute hinauf auf das Gebäude, dorthin wo die Fenster der Botschaft waren. Der venezolanische Himmel spiegelte sich in der dunkelbraunen Farbe  Scheiben des Gebäudes. .

Nachdenklich ging er zurück zur Wohnung seines Freundes. JaiJai antwortete durch die Sprechanlage. Ratlos setzte er sich auf das Sofa.

 „Einen Kaffee?“

 „Oh ja, mit  Zucker und ein bisschen Milch bitte.“

JaiJai war gross, umfangreich und hell, sie kam aus Uruguay. Alles war grosszügig bei ihr, die Sprache blumenreich in grossen Gesten, das Becken breit und stark, Arme und Beine lang und gut gepolstert, ihr Lächeln und ihre Augen waren warm und einladend. Sie kam ihm vor wie ein gutmütiger Saurier.Der Kaffee war köstlich.

 „Möchtest du einen Papayasaft ?“

 „Nein Danke, der Kaffee war prima.“

„Doch,doch die Vitamine tun dir gut“. Sie brachte ihm den Saft, den er dankend annahm und am Strohhalm zu saugen begann.

 „Du bist viel zu höflich Sami, hast du Durst, bist du hungrig, einfach sagen, ich bringe es dir, einfach sagen, verstehst du?“

Da stand das prächtige Glas mit der orangenen Farbe vor ihm auf dem Glastisch. Das ganze Wohnzimmer war mit Ratanmöbel ausgestattet. Er musste unbeingt Jörg seinen Freund anrufen, er hätte ihn ja abholen müssen. Er holte seine Reisetasche und kramte sein Adressbüchlein heraus. Er war zu nervös. Die Telfonnummer von Jörg fiel ihm nicht mehr ein. Als er von der Tasche aufschaute, sah er auf dem Tisch einen Teller mit frischgemachten Impanadas..

Er schaute auf seine Uhr, „Was schon 12.30 Uhr, also jetzt ist es 6 Stunden später in der Schweiz. ich rufe Jörg an, der ist bestimmt schon zu Hause“.

Armando hatte ihm sein handi wieder zurückgegeben, es lag neben dem Teller mit den Empanadas.

 „Hallo Jörg“

 Ein Rauschen in der Leitung, „ Hallo Jörg, hörst du mich?“

 „Was Sami du bist es? Wo bist du denn?»

 „Noch in Venezuela“.

„Aha, du hast den Flug verpasst ? Ich hatte mir Sorgen gemacht.“

 “Nein, es ist etwas komplizierter, das erkläre ich dir später. Sonst geht es mir gut.“

 „Äha, hoffentlich nichts Schlimmes!“

 „Nein,nein, aber die Koffer kannst du mir holen, die sind nämlich bei Euch im Flughafen in der Schweiz.“

 „Okey, alles klar.“

 „Da ist die Nummer vom Gepäck, oder besser ich schick dir ein SMS, sag einfach ich sei krank, hätte Grippe, du würdest sie für mich abholen.“

 „Klar, geht in Ordnung.“

 „Vielen Dank, du hörst bald wieder von mir.“

 „Nichts zu danken, Tschau.“

„Tschau“, Sami ass die Impanadas. 

In der Zwischenzeit hatte Frau Bühler ihrem Vorgesetzten, den Assistenten des Schweizer Botschafters, Herr Knoblauch über den merkwürdigen Telefonanruf unterrichtet.

«Sind Sie sicher, dass es Herr Rötlisberger gewesen ist, Frau Bühler?“ (Siend se sicher, dass es dä Rötlisberger gsi isch?

„Ja Guet, Herr Knoblauch er hat Schweizerdeutsch geredet.“ (Er hät Züridütsch gschwätzt)».

„Dann muss es er gewesen sein.“  (Dänn muäs er es gsi si).

„Was soll ich denn tun, wenn er wieder anruft?“ (Was sött i dän machä, wänn er wider alütet?»

„Nichts Frau Bühler, nichts, so lange er nicht raufkommt, dann ist es gut, wir haben keine Verpflichtungen, er ist auf venezolanischer Erde, man weiss nie was dahinter steckt.“ (Nüt Frau Büähler, nüt. Dä chunt niä uffe, isch guät so, dä isch in Venezuela, dä hät viliicht öpis agschtellt».

„Aha, Herr Knoblauch, dann lassen wir es so.“ (Aha, Herr Chnoblauch, dän lömmers so).

«Ja gut, Frau Bühler, wenn er anruft, dann lassen Sie sich doch seine augenblickliche Adresse geben, man kann nie wissen.“ (Jä guät, Frau Büähler, wän er alütet, lönnt Siä sich doch sini Adresse gä, mä cha niä wüssä)

 

Frisch gestärkt, greift Sami zum Handy und ruft nochmals die Schweizer Botschaft an. Er will mit Herrn Knoblauch sprechen.

Frau Bühler antwortet am anderen Ende: „ Ja grüezi Herr Rötlisberger, wiä Chan ich Innä hälfe?“

„Frau Büähler, kann ich bitte jetzt mit Hr. Knoblauch sprechen?“ (chönnt i jetzt bittä mit Herrn Knoblauch reddä

„Das isch abä nöd mögli, dä isch in ä Sitzig.“ (Das ist leider nicht möglich, der ist in einer Sitzung)

 

„Jä guät Frau Büähler, Sie händ gseit Siä würdet miä hälfä?“ (Ja gut Frau Bühler, Sie haben mir gesagt, Sie würden mir helfen.)

 

„Jä, däs isch ä so.“ (Ja das ist auch so)

 

„Guät, dän chönnt mä öis vor äm Huus bi Eu träffä und Siä nähmet mich uffä zu Eu id Botschaft.“  (Gut, wir treffen uns vor der Botschaft und Sie nehmen mich hinauf)

 

„Jä guät, da muen i dä Herr Knoblauch fröga. I cha da nüt machä. gibät Sie miä euri Adrässe und dann gsen mä witä. (Ja gut, da muss ich den Herrn Knoblauch fragen. Ich kann da nichts alleine entscheiden. Können Sie mir bitte Ihre augenblickliche Adresse geben, dann sehen wir weiter».

 

„Ich han keini jetzdä, aber Sie händ d’ Nummerä vom Handy, da chönnt Sie mich verwütsche“. (Ich habe im Augenblick keine, aber Sie haben ja meine Hadynummer, so können Sie mich erreichen).

 

„Jä wänn das so isch, dänn weiss i nöt wiän eu cha hälfä“ (Wenn das so ist, dann weiss ich auch nicht wie ich Ihnen helfen kann).

 

„Jä was sött i susch machä? I bruuch unbedingt Euri Hilfi (Was soll soll ich sonst machen, ich brauch unbedingt Ihre Hilfe)».

 

„Jä I weiss äs ännöt, guät i red nomalä mit däm Herrn Knoblauch“. (ja ich weiss es auch nicht, gut ich rede nochmals mit Herrn Knoblauch).

 

„Aha.....?“

 

«Herr Rötlisberger, versuächät Sie spöter naomal, oder susch morn? Gället Sie, ds chunt scho». (Versuchen Sie es später nochmals, oder sonst morgen? Nicht war das wird schon werden.)

„Ja guät, merci Frau Buähler, ufwiderlose». (Ja gut, vielen Dank Frau Bühler, aufwiederhören.)

 

Sami sass ratlos auf seinem Sofa. Kein Pass, er war in Venezuela gefangen, kein Pass, er konnte kein Geld mehr abheben in der Bank. In Venezuela wollten sie immer den Pass sehen und die Passnummer aufschreiben, auch beim Geld wechseln in den Wechselstuben. Bankomaten gab es nur in den Banken selber und warenkontrolliert. Gut, dass er noch einige Hundert Dollars im Gürtel versteckt hat. Das wird vorerst reichen. 

JaiJai kam mit verstörtem Ausdruck und dem Telefonhörer in der Hand aus der Küche. Sie schritt entschieden zum Fernseher und stellte ihn an. Auf dem Bildschirm erschien ein Bericht über die Ereignisse im Flughafen, wie sämtliche Passagiere und sämtliches Personal triefend nass aus dem Flughafen stürmten. Es wurden die Pfützen in der Eingangshalle gezeigt und die beschädigten Artikel der Geschäfte. Der Schaden würde in die Millionen gehen. Dann erschien die Sprecherin wieder. Der Schuldige sei ein Terrorist, der auf dem Flughafengelände gefasst worden war, als er illegal ausreisen wollte. Er habe den Alarm durch seine Flucht ausgelöst. Dann erschien Samis Passfoto als Steckbrief.  JaiJai schaute ihn entsetzt an.

„Nein, ich bin kein Terrorist, das ist ein Missverständnis, die suchen nur einen Schuldigen, weil ihr Alarmsystem nicht richtig funktionierte und alle nass wurden.“

JaiJai nahm den Teller wieder mit in die Küche. Dann kam auch schon Armando aufgeregt mit der Zeitung fuchtelnd durch die Wohnungstüre hereingestürmt.

„Hast du das gesehen? Was hast du gemacht?“

„Nichts, ich bin kein Terrorist, das ist ein Missverständnis, du kennst mich ja, bin ich ein Terrorist?“

Armando schaute ihn unsicher an. „Schau ich erkläre dir alles“, beschwichtigte ihn Sami.

„Hat dich jemand gesehen, als du hochkamst?“

Sami schüttelte den Kopf.

Armando war blass, ein richtiges Nervenbündel. Er war Uruguayer, seine Frau war Uruguayerin, seine Töchter Uruguayerinnen und Venezolanerinnen. Er war vor vielen Jahren aus seiner Heimat geflohen. Jetzt waren sie naturalisierte Venezolaner. In seiner Heimat war er damals, als die Generäle ihre Represionsserien starteten gefangen genommen worden und auch gefoltert. Er blieb für ein halbes Jahr in «Untersuchungshaft». Sie konnten ihm nichts nachweisen. Er hatte Literatur auf der Universität studiert und hatte auch Malerei an der dortigen Hochschule belegt. So war er im ständigen Kontakt mit Gruppen von Intellektuellen und Künstlern. Das in seinem Umkreis auch Mitglieder der Rebellengruppe der Tupamaros waren, war anzunehmen gewesen, so war er in die Maschen des «Gesetzes» geraten.

Es hatte viel Einsatz von Seiten seiner Familie gebraucht um ihn endlich wieder frei zu bekommen. Seine schwangere Frau war mit Kind im Bauch nach Venezuela geflohen, hatte eine Anstellung als Arztgehilfin gefunden. Ihre Mutter (JaiJai) war ihr nachgezogen und half natürlich. Als dann Armando entlassen wurde, floh er sofort nach Venezuela, Es hatte lange gedauert bis er sich sicht von seinem Trauma erholt hatte.

Sami wusste vom Schicksal seines Freundes. Dieser hatte ihm vieles erzählt. So war er nicht weiter erstaunt, über die starke Reaktion Armandos. 

 

„Später, später, du kannst hier nicht bleiben, wie auch immer, ob Missverständnis oder nicht. Die suchen dich, schau dein Bild in der Zeitung, im Fernsehen ist es auch gekommen. Du musst dich verstecken, das Auto kannst du auch wieder haben, das brauch ich nicht mehr. Gut, dass es noch auf deinem Namen läuft. Niemand darf wissen, dass du bei mir gewesen warst, hörst Du."

"Gut, gut ich geh ja schon , aber gib mir fünf Minuten Zeit, ich muss mir noch die Hände waschen."

"Ok, aber mach schnell, die Familie, mach schnell bevor die Mädchen zurück sind."

Das Telefon klingelte, Armando musste seine Frau beruhigen, sie rief  von der Arbeit aus an. Sami verschwand im Badezimmer. Er schnitt sich die Haare ab und rasierte seinen Schädel kahl. Er nahm den Stift, von Armandos Frau, für die Bemalung der Augen. Er malte seine Augenbrauen dunkel an. Das hatte er in Filmen gesehen, jetzt war es kein Spiel. Sein Handy klingelte, die Botschaft war am Apparat. Er nahm die Batterie aus dem Handy. Er kam aus dem Bad, Armando war immer noch am Telefon, JaiJai in der Küche.

Armando legte auf, er wollte sich bei seinem Freund entschuldigen, aber er müsse seine Familie beschützen. Sami beruhigte ihn. Es wäre schon toll gewesen, dass er bei ihm hatte übernachten können. Er liess sich die Autoschlüssel geben, nahm seine Reisetasche. Im Korridor passte er auf, dass niemand ihn sehen konnte, er war ja schon unkenntlich, so schritt er hinaus zum Lift. Sami ging eilig zu seinem alten, grünem VW-Käfer mit Kratzspuren. Er liess ihn an, «Der röhrt ja wie ein brünstiger Hirsch - der Auspuff ist kaputt, das fehlt mir ja noch, wenn das ein Polizist merkt, dann will er meine Papiere sehen. Also hatte es doch etwas gelitten neulich. "

Sami fuhr in den Westen der Stadt nach Catia, einem Viertel beim Grossmarkt, dort konnte man günstig Autos reparieren lassen.

Die Grossmarkthalle war im Jugendstil mit Glasdach und gusseisernen Verzierungen wie in Frankreich. Das ganze Viertel war ein einziger Markt. Sämtliche Geschäfte hatten Auslagen, die fast die ganzen Gehsteige belegten. Musik plärrte aus allen Ecken. Man kam höchstens im Schritttempo voran, wenn überhaupt. So fuhr Sami gemächlich versteckt und dieser Wolke von Kohlendioxidgas, sich vorbeischlängelnden Motorradfahrer, rufenden Verkäufer, vorbeitänzelnden, kaffeebraunen, Grazien, schwer tragenden Angestellten, hupenden Autos, Kochbananenchipsverkäufer , oder durchsichtige Plastikfolien gefüllt mit rotem, gelbem, grünem, orangenem und violettem Wassereisverkäufer. Keiner kümmerte sich um keinen, doch alle sahen alles, in diesem Wirbel voller Gerüche, Farben, Klänge, Geräusche, Geschrei, hin und her laufenden Menschen, Katzen, Hunde, Mütter, Kinder, Verkäufer, Diebe, geparkten Autos, verbeulten und zerkratzten Autos, tolle Strassenschlitten oder Jeeps mit opaken Scheiben und Klimaanlagen. Es war ein Ort, der jeden verschluckte. Man musste aufpassen, dass man nicht unterging, dass man nicht seine Haut verlor, dass man keinen kein Auto anfuhr, dass man nicht angefahren wurde, dass man irgendwie heil durchkommt. Ein jeder wusste genau was er wollte, selbst der schmutzigste Bettler wartete auf sein nächstes Opfer. Dann plötzlich nahm der Verkehr ab, noch ein paar Strassen weiter hoch, da war er auch schon bei den Autowerkstätten. Er fuhr langsam weiter, er schaute, welche die ansprechendste war. Ein junger Mann, mit verschmiertem Overall, winkte ihm zu er solle kommen, er habe ihn gehört, er dirigiert ihn zu einem offenen Garagentor zwischen zwei Häuserfassaden. Sami solle da reinfahren, keine Angst, er soll ruhig reinfahren, aber genau auf die metallenen Fahrrinnen, ja,  mehr nach rechts, nein nicht so viel, ja so ist gut, jetzt ein bisschen mehr Gas und hinauf und hinein, ja gut so, nein, nicht anhalten, da ist noch eine zweite Brücke, drei Meter hinter der anderen ersten, auf die soll er hinauf, ja weiter, einfach nur gerade aus, ja so ist gut schön langsam und jetzt ein bisschen Gas, ja nur wenig, ok jetzt Stop, ist gut so. Sami stieg aus, er wischte ein paar Schweissperlen von der Stirn, sein Hemd war durchnässt. Ein Mann um die Sechzig, gedrungen mit gutmütig funkelnden schwarzen Augen erschien. Er sei Don Canuto, der Besitzer der Garage: «you are welcome, how can I help you?»

Sami antwortete ihm auf perfektem Spanisch mit Schweizer Akzent, dass sein Auspuff repariert werden müsste. Er hätte es gehört erwiderte Don Canuto. Er kratzte an seiner Glatze, sein Lächeln überstrahlte die schmuddelige Umgebung. Das sei nicht teuer, hier sei alles billig, nicht so wie im Osten der Stadt. Er würde aber gut Spanisch sprechen, woher er denn sei?.

Sami sagte, er sei aus Deutschland, aus Frankfurt.

«Was ist das Franfru?»

«Eine grosse Stadt in Deutschland, Frankfurt».

« Aha, Frufru?» Don Canuto schaute ihn ein bisschen genauer an.  «Eine Stadt, die heisst Frufru ?»

«Nein, nicht Frufru sondern Frankfurt».

«Franfur, Frufru das ist das gleiche, für mich Frufru».

Drei junge Arbeiter hatten sich hinzugesellt. Sie verfolgten das Gespräches ihres Bosses neugierig und begannen versteckt zu lachen, als sie «Frufru» hörten.

Don Canuto wandte sich ihnen zu und befahl ihnen sofort den Auspuff abzumontieren und im Lager nach einem richtigen Teil zu suchen, um es an Stelle der verrosteten Stelle anzuschweissen. Einer betätigte einen Hebel und Samis Wagen wurde in die Höhe befördert.

Don Canuto schaute sich mit einer Lampe in der Hand den Schaden genau an. Er nannte einen fairen Preis. Man war sich sofort einig und das Geschäft wurde bei einer Tasse Kaffee besiegelt. 

Die fünf Meter hohen Wände waren über und über mit Auspuffrohren behängt. Sami wurde nach weiter hinten geführt. Links ging der Gang durch, rechts war ein dunkles Zimmer voller Auspuffe an den Wänden, manche lagen auf dem Zementboden, wahrscheinlich die letzten Bestellungen. Es war keine Tür vorhanden, auch nicht für das nächste Zimmer, das eine Küche war. In ihr brodelte ein grosser Topf Suppe in der Ecke. Links vor dem Gasherd stand ein Tisch. Ein riesiger Kühlschrank thronte rechts hinten. Auf dem Tisch lagen hellblaue und grünliche, halbdurchsichtigen, gefüllte Plastiktüten, sowie ein grosses Schneidebrett und ein imposantes Küchenmesser. Nach der Küche öffnete sich der Raum bis hoch zu einem Dach, etwa acht Meter hoch. Da war ein freier Platz mit einem Tisch mit Aluminiumbeinen und einer türkiesblauen, abgewetzten Tischplatte, umgeben von Aluminiumstühlen. Sam stand jetzt vor einem riesigen Berg von Auspuffen, der mindestens vier Meter hoch war, sie waren einfach übereinander geworfen. An den Wänden hingen weitere Auspuffsrohre, manche mit ihren Bäuchen, manche ohne. Es waren zwei Reihen über einander, je zwei Latten waren an de Wand befestigt, aus denen dicke Nägel staken, an denen die Röhre mit Schnüren baumelten. Unterhalb der Nägel, klebten gräuliche Schildchen mit Zahlen und Buchstaben.

Sami konnte alles besser beobachten, da es hier viel heller war. Das Dach oben war aus grünem Plastikwellblech und einige waren weiss, milchig und liessen Licht durch. All dies wurde noch durch das kalte grelle licht der Neonröhren unterstützt.                            Man hatte ihn gebeten, sich an den Tisch zu setzten und ihm den Kaffee gebracht. Er drehte sich um. Er entdeckte, dass über der Küche und der Werkstatt sich ein weiterer offener Raum befand, der auch voller Auspuffe war und an dessen Wänden weitere hingen. Die Wände waren einmal hellblau gewesen.

Don Canuto kam zu ihm und fragte ihn ob er Suppe haben möchte, sie sei jetzt fertig, sie wäre sehr gut. Sami bedankte sich, er habe schon gegessen. Schade, meinte sein Gastgeber, man könne immer wieder essen, besonders wenn es schmeckt. Habe er denn schon mal in einer Autogarage gegessen?                                                                     Sami verneinte. Das sei ein Grund es doch einmal zu probieren. Der Raum füllte sich mit Männer. Die meisten ginegen dann zur Küche. Sie kamen mit Blechtellern, voller Suppe heraus. Sie kamen zum Tisch, setzten sich und assen genüsslich ihre Brühe. Es gab auch freistehende Stühle, die sofort belegt waren. An den Tisch setzte sich ein Koch mit weisser Kochmütze.

Sami wollte ihm ein Kompliment machen und sagte, es rieche hier toll. Der Koch verstand ihn kaum. Das allgemeine Geschlürfe und Gequatsche und die Geräusche der Autowekstatt übertönte alles. Die Suppe rieche sehr gut, wiederholte Sami.. Aha,ja die sei sehr gut, warum er denn nicht essen würde. Dann schaute der Koch Sami kurz an, lächelte und sagte, Nein, er habe sie nicht gekocht, dass sei Don Canuto selber, der habe sie gekocht, das mache er selbser, jeden Tag, ausser samstags und sonntags. Zuerts hätte er für sich und seine Arbeiter gekocht. Dann kamen Freunde hinzu und schliesslich wusste es die ganze Strasse, dass bei ihm gut zu essen war. Manchmal koche er Fischsuppe, manchmal Fleischsuppe, auch Steaks, Schwarze Bohnen mit Reis und frittierte Kochbananen.

«Alle kommen hier zum Essen», fragte Sami erstaunt.                                                      «Ja warum nicht, am Anfang der Woche sammeln wir alle etwas Geld, Canuto gehe dann auf den Grossmarkt einkaufen. Manchmal bringt jemand etwas mit. Vieles zähle Canuto auch von seiner eignen Tasche. Falls mal XDon Canutos Frau vorbei komme, dann schimpfe sie immer, wieso er denn all diese Schmarotzer aushalten würde. Er hätte viele Freunde, alle haben ihn gern, alle respektieren ihn,» dabei schaute er bestätigend in die Runde. Sie nickten und grinsten. 

«Aber wenn Sie nicht kochen, warum tragen Sie denn diese Kleidung hier?».

«Wer hat gesagt, ich koche nicht, hat jemand das gesagt?» Er blickte wiederum seine Kumpanen an, sie begannen zu lachen.

«Aber Sie haben doch gesagt, das Don Canuto kochen würde, also dann helfen Sie ihm beim kochen?»

«Ich ihm beim kochen helfen, der lässt sich doch nicht in die Töpfe schauen, dieser «Musiu» hier (Mussiu > Herr, Messieurs Franz.) hat aber Ideen».

Sami erschrak leicht, da hatte er etwas Falsches gesagt, dachte er. Da stiess ihn sein Nachbar an. «Nimm ihn nicht ernst, unser Koch hier, der hier immer zu uns zum Essen kommt, möchte nicht zugeben, dass es ihm hier besser schmeckt, als seine eigene Küche. Na José Sage es ihm doch, wo du kochst ».

José stand verärgert auf, « Lasst mich in Ruhe» sagte er, nahm seinen Blechteller mit zur Küche, warf ihn in das steinerne Spülbecken und ging nach draussen. Sami blickte fragend in die Runde. «Frufru, ich heisse Franzisko, herzlich willkommen bei uns hier». Wieder lachte alle.

Sami lächelte erleichtert, « Ich heisse aber nicht Frufru, sondern Sami». Jetzt lachten alle noch lauter, der eine verschüttete seinen Suppenrest auf den Hosen seiner beiden Nachbarn, die ihn gleich ausschimpften. Er solle doch aufpassen, sie würden ihm die Rechnung der chemischen Reinigung schicken. Für diese Hosen zahle er nichts, das sind Arbeiterhosen. Franzisko klopfte Sami auf die Schulter: «Für uns bist du Frufru, ok, ich bin  Franzisko». Dann begann er Sami jeden einzelnen, der mittlerweile 15 Männern verschiedenen Alters, vorzustellen und allen schüttelte Sami die Hände.

«Weiter oben gibt es eine grosse Kantine, da gehen die Arbeiter vom Viertel zum essen und trinken», erklärte Franzisko weiter, « Der Koch, der gerade weggegangen ist, ist der Koch von der Kantine weiter oben».

Ein anderer stiess Sami leicht an die Schulter: « Glaub ihm nicht alles was er sagt, Franzisko erzählt immer Geschichten und keiner weiss zum Schluss, ob sie war sind, oder nicht. Wir nennen Franzisco das siebte Weltwunder.»

Franzisko lächelte leicht, strich sich über sein schütteres Haar. Er blickte den anderen an: «Nein, nein das stimmt schon, das mit der Kantine und dem Koch, das stimmt schon».

Die meisten verliessen jetzt den Ort wieder, wuschen ihre Teller ab und gingen wieder ihren Beschäftigungen nach.

Dann kam Don Canuto persönlich. Er brachte mit breitem Lächeln ein Teller mit einem schönen Steak, Reis und frittierten Bananen. Er stellte es Sami vor die Nase. Ob er noch eine scharfe Soße dazu möchte, er hätte eine spezielle angefertigt.  Sami konnte nicht ablehnen, ausserdem roch die Speise richtig gut. Er erkundigte sich nach seinem Auto. Das sei schon fertig, das stünde draussen und würde auf ihn warten. Wie er das denn so mache, kochen und gleichzeitig Auspuffe reparieren würde. Don Canuto antwortete ihm, er habe eine rechte Hand, sie hiesse Alberto, er sei mit jungen Jahren aus Maracaibo hierher gekommen, er kenne sich gut aus, nur bei speziellen Modellen, da müsse er nachschauen, er sei sein Onkel.