12. Don Canuto

Don Canuto holte sich seinen Teller und setzte sich mit an den Tisch. Als Sami mit genüsslichen Bissen sein Mahl verzehrte, kam einer der Männer nach hinten. Ob einem der alte grüne Volkswagen gehöre, der würde gerade abgeschleppt werden. Was sei los, ich habe doch den meinen gesagt, man solle die Autos der Klienten nie auf der anderen Strassenseite parkieren.

Sie rannten nach vorn. Wirklich Sami sah wie sein Auto gerade von einem kleinem Kran, der auf der hinteren Plattform eines Pickup aufmontiert war, vorne aufgehoben wurde und abtransportiert wurde. Er wollte intervenieren, wurde von Don Canuto jedoch zurückgehalten. Das sei nun seine Sache, er würde sich darum kümmern.

Er entschuldigte sich ausführlich darüber, dasss seine Arbeiter nicht auf ihn hören würden, das würde nicht so gehen. Er habe viele Freunde bei der Polizei, er solle sich keine Sorgen machen, er bekäme das Auto bald wieder zurück.

Sami schrak zurück, er hatte ganz vergessen, er war ja polizeilich gesucht. Er wollte Don Canuto erklären, dass er es lassen sollte, aber dann dachte er, dass das Risiko gering war, denn es werden so viele Autos gestohlen, die registriert sind, oder nicht oder falsch registriert sind, auf nicht mehr aktuellen Namen und Adressen. Bis  sie das hier rausfinden, sei er schon längstens über alle Berge. Nur Ruhe bewahren und sich nichts anmerken lassen. In der Zwischenzeit wurden weitere Wagen von der gegenüberliegenden Seite abgeschleppt. Der Präfekt hatte über Nacht beschlossen auf der hinauffahrenden Seite der Strasse, welche vom Grossmarkt kam, ein Parkverbot zu erlassen. So wurden die Randsteine des Gehsteigs mit gelber Farbe dekoriert, welches ein Parkverbot bedeutet. Manche der Schwarzen Gummireifen der Jeeps und Strassenkreuzer wiesen noch gelbe Farbspuren auf, da die Randsteine erst vor kurzem bemalt worden waren. All dies wurde Sami von demjenigen, der sein Auto hinausgefahren und parkiert hatte, lang und breit erklärt, während Don Canuto telefonierte.

Don Canuto kam nach vorn, es sähe gut aus, Sami würde bald das Auto bekommen, ob Sami nicht sein Steak fertig essen wolle, er würde es aufwärmen. Sami schaute ihn einen Augenblick misstrauisch an, aber dann willigte er ein. Sie gingen zurück zum Tisch, Samis Steak wurde zubereitet. Franzisko setzte sich zu ihm mit einer Flasche Chivas Regal». Den Schock soll er mit einem Schluck Whisky hinunterspülen. Sami schaute ihn ungläubig an, Franzisco insistierte, das wäre ein Spezialservice vom Haus, er soll sich nichts daraus machen. Sami und Franzisco stiessen auf das Leben an. Dann kam Don Canuto mit zwei Tellern einen für Sami, einen für sich. Franzisco soll sich den seinen selber holen. Alberto sollte sich beeilen, sonst sei das ganze Fleisch bald weg.

Franzisko und Alberto kamen zurück mit ihren beladenen Tellern. Alberto sah mit seinem schwarzen feinen Schnurrbart und seinem muskulösem Oberkörper, den kurzen leicht gebogenen Beinen wie einer der Krieg aus Dschingis Kans Armee aus.

Sami glaubte, er träumte, plötzlich war er in mitten von Venzolanern, einfach so, als ob es das Selbstverständlichste der Welt sei. Sie wollten natürlich alle wissen, wie Deutschland denn sei, ob er verheiratet sei, Kinder habe etc. Er fühlte sich geborgen und versteckt in dieser Gruppe. Seine Angst war plötzlich verschwunden. War das das grosse Abenteuer, dass er gesucht hatte? Er kam sich vor, als sei er gerade von einem anderen Planeten gelandet, in eine Welt, dessen Sprache er verstand und doch nichts verstand.

Francisco war aus den Kanarischen Inseln mit jungen Jahre hierher gekommen. Er war Ingenieur gewesen, ist Zahlmeister für die Staatliche Wasserversorgung für Caracas geworden. Er hatte eine Venzolanerin geheiratet und von ihr acht Töchter und einen Sohn, der Hector hiess. Canuto war sein bester Freund, seit der Zeit als es noch einen Diktator gab, der Perez Jimenes geheissen hatte und der das idiotische Stadium in Form seiner Militärsmütze als General, bauen liess. Man konnte das Stadium sehen, wenn man mit dem Auto auf der zentralen Autobahn fuhr. Dort winkte die Mütze schon von weitem und ihr gegenüber stand auf dem Mittelstreifen den Zementskulptur der Maria Lionza, einer indianischen Göttin, die nackt mit hervorquellenden Rundungen auf einem Fabelwesen ritt, alles aus Zement gefasst.

Wenn Franzisco nicht gerade als Zahlmeister unterwegs war, oder sich um regelmässig zusammenbrechende Wasserversorgung der Millionenstadt kümmern musste, war er bei Canuto in der Werkstatt. Canuto hatte ein Boot und am Freitag Abend gingen beide auf dem Meer fischen. Das Boot hiess «Catalufa» , es war aus Aluminium und türkiesblau.  Franzisco zeigte Sami Fotos von ihren Fängen, Fische die fast so gross waren wie sie selber, Carites und Baracudas hiessen sie. Sami fand das toll. Er fragte ob er auch einmal mitkommen könne. Warum denn nicht, sie würden immer welche mitnehmen, zu viert sei es gemütlicher. Übermorgen sei Freitag, wenn er wolle, könne er gerne mitkommen. Aber sie würden die ganze Nacht auf dem Meer sein und erst morgens früh an Land gehen und das in Chichiviriche wo sie ein Haus hätten. Kein Problem, erwiderte Sami, er würde mitkommen.

Die Teller wurden weggeräumt, ein längliches Kästchen mit weissen Dominosteinen wurde auf den Tisch geknallt. Steine verbreiteten sich über die Tischfläche. Canuto vermischte sie auf ihren Bäuchen in Kreisbewegungen. Sami bemerkte wie kräftig die Hände seines Gastgebers waren, besonders die Fingerspitzen waren leicht breiter als die Finger selber. Canuto bemerkte seinen Blick. Er käme aus den Anden, sein richtiger Name sei Segovia, er wäre in Merida aufgewachsen. Sie wären zwölf Brüder und Schwestern gewesen. So ist er mit 17 Jahren zu den Ölfeldern nach Maracaibo gegangen. Er habe dort zehn Jahre mit den Amerikanern gearbeitet. Die Arbeit  auf den Bohrtürmen auf dem See war hart, der Verdienst für einen jungen Mann aber gut. Deswegen hatte er solche Hände bekommen.

Das Spiel hatte begonnen, es wurde zu viert gespielt, zwei gegen zwei, wie beim Jass oder Skat oder Bridge, nur mit Dominosteinen, die sie zum Teil in den Händen hielten, nur kurz anschauten, um sie wieder mit dem Rücken nach oben, vor sich auf den Tisch zu legen. So konnten Zuschauer von hinten kaum jemanden in die Punkte schauen, denn es wurde um Geld gespielt. Sami spielte nicht mit, er schaute nur zu. Er genoss den Whisky, die neue Freundschaften, die relative Sicherheit, die ihm seine Anonymität bescherte.  Wenn einer nicht mehr spielen wollte, brauchte er einfach keinen Einsatz mehr auf den Tisch zu legen, ein anderer setzte sich willig auf dessen Stuhl und wechselte ihn ab. Irgendwann kam Alberto und übergab Don Canuto den Schlüssel der Garage. Alberto fragte Sami, ob er nicht mitkommen würde, er würde ein paar Flaschen Bier kaufen gehen.

Sie gingen nach vorn, die Garage war verriegelt. Durch eine Seitentür gingen sie nach draussen. Die Nacht war da, undurchsichtig von farbigen Neonlichtern und gelblichen Strassenlampen erhellt. Sie gingen einige Häuser weiter nach oben, zur Kantine oder Restaurant, oder Bar, da es multifunktionell war. Sie traten in einen grossen, hohen Raum. Überall standen die gleichen viereckigen Tisch aufgereiht.  Grelles Neonlicht spendete eine kühle Athmosphäre. Die vielen hartgezeichneten Dominospieler knallten ihre Dominsteine auf die Tischplatten, im Rythmus des Zufalles und vieler verspielten Träme in Alkohol getränkt. Eisgekühlte Bierflaschen mit gefrorenen Eistropfen warteten geduldig. Manche tranken auch Rhum mit Cola, die Begüterten  nahmen Whisky zu sich, verdünnt oder pur.  Alberto und Sami standen an der Theke und nahmen 12 Bierflaschen in Empfang. Sami bezahlte sie, Alberto bedankte sich sehr, hatte aber nichts anderes erwartet. Sie brachten sie zurück zur Werkstatt. Die drei weiteren Arbeiter Canutos und noch andere fünf Kumpanen nahmen die Flaschen glücklich in ihre Arme. Alberto gab bekannt, dass sie von Sami kämen.

Franzisco stellte sich zu Sami, füllte ihm ein Glas mit Whisky und einer Handvoll Eis.  " Einmal haben wir gleich sechs Meeresschildkröten in einer Nacht gefischt. Sie waren ziemlich gross. Wir brachten sie hierher. Sie lagen überall hier herum auf ihren Rücken. Da gab es genug Schildkrötenfleisch für zwei Wochen.  Einmal hatten wir während der ganzen Nacht nichts gefischt. Wir waren endlich am Morgen in Puertocruz angekommen, eiem Fischerdorf ziemlich weit weg der Küste entlang. Wir entschieden uns dort bei den Fischern Fische zu kaufen, wir konnten doch nicht mit leeren Händen nach Hause kommen. So kauften wir zwei kleinere Tunfische, fünf Dorados und einen Carite ( wie ein Hecht). «annst du dich noch daran erinnern, Canuto ?"

«Jä klar, es war wie verhext, nichts hatte angebissen in dieser Nacht und wir haben alles versucht, wir haben die tiefen Köder.....».

«Ist schon gut Canuto,» sagte eine der Spieler, der gerade seinen Stein gesetzt hatte, auf Canuto wartete und sicher war diesmal viel Geld zu gewinnen.

Franzisco fuhr weiter: « Am Strand haben wir unseren Fang gekauft. Wir sind dann durchs Dorf gegangen und haben dort zwei junge Schweine mit langen Borsten gesehen. Die hat dann Canuto gleich gekauft. Sie wurden in zwei Jutesäcke gesteckt. Wir haben sie mit aufs Boot genommen und zu den Fischen gelegt. Auf dem Rückweg fuhren wir gegen den Wind und die Strömung. Das Boot klatschte von Welle zu Welle. Immer wieder sprühte Salzwasser zu uns herein. Die Sonne brannte und wir waren durchfroren. Wir waren froh, als wir endlich in Chichiriviche ankamen und das Boot an Land zogen. Es war mittlerweile elf Uhr Vormittags geworden. Am Strand befanden sich einige Besucher aus Caracas. Einer trat zu uns ans Boot, um die Fische zu betrachten. Es war ein Spanier. Er von der Grösse der Fische beeindruckt und gab dies laut bekannt, tat jedoch so, als sei er ein Experte.  Die Fische wurden herausgenommen und in den Schatten der Palmen gelegt. Dann wurden die beiden Säcke herausgenommen. Auch sie wurden zu den Fischen gelegt. Canuto sagte mir ich soll sie aufmachen, denn die machten keinen Mucks. So habe ich die Säcke aufgemacht und die armen Schweine herausgeschüttelt. Da lagen sie steiff da, mit zweimal vier ausgestreckten Beinen vom Schock dieser unfreiwilligen Bootsfahrt. Ihre langen Borsten standen auf, wie weisse Stacheln, weiss wegen des Meeressalz. Der Spanier trat heran. Er betrachtete die Beiden Geschöpfe Gottes ausführlich und meinte: «ich bin durch sämtliche Meere unserer Erde gereist und habe schon viele Fische gesehen, aber solche habe ich noch nie gesehen!»

Ich bin zu ihm herangetreten und gesagt, es seien Meeresschweine. Er schaute mich erstaunt an, dann trat er mit einem Fuss gegen eines der beiden Tiere, das laut aufquietschte. Da sagte er: « mein Gott das quietscht ja auch wie die vom Land!»

Es wurde eifrig weitergespielt, die Einen kamen, Andere gingen. Einer der Arbeiter blieb, da er dort oben auf dem Vorbau schlafen würde, dort gäbe es zwei Matrazen, beantwortete er Samis neugierige Frage. Aus deinem Auto wird wohl heute nichts mehr, stiess ihn Alberto an: „Mach dir keine Sorgen, der Alte findet immer eine Lösung.“

« Wo soll ich denn übernachten, ich habe kein Auto?» fragte Sami besorgt.

«Auch dafür findet der Alte eine Lösung !»

Alberto ging zu Canuto, der weiterhin beim Spielen war, beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Canuto nickte und lächelte: «kein Problem» sagte er und setzte den nächsten Stein. Sami versuchte zu verstehen, wie das Spiel lief. Die Männer schienen sämtliche Steine im Kopf zu haben, wann genau dieser gespielt wurde und welcher zu erwarten waren und wie man am meisten Punkte sammeln konnte. Sie taten dies seit ihrer Kindheit mit Leidenschaft. Selbst Wetten, wurden abgeschlossen. Dann plötzlich war das Spiel aus. Die Steine kamen wieder in ihr Kistchen. Alle hatten es plötzlich eilig nach Haus zu gehen. Canuto sagte zu Sami: « Du hast kein Auto, du übernachtest bei uns, oder hast du jemand, der auf dich wartet?»

Sami verneinte,er würde mitkommen. Sami erklärte seinem Gastgeber, dass er es gar nicht eilig habe zu sich nach Hause zu fahren. Er habe seinen Auftrag für die deutsche Firma ausgeführt und noch ein paar Wochen angehängt. Er wolle das Land besser kennen lernen. Deswegen habe er das Auto gekauft. Er sei sehr gespannt auf Chichi..., wie hiess der Ort?

„Kein Problem, morgen wird alles aussortiert, morgen wird alles gut werden, mach dir keine Sorgen, mein Haus ist auch dein Haus.“  Sie fuhren durch das Industrieviertel an Schuh - und Textilfabriken  vorbei mit erhöhten Fassaden. Manche hatten Torbögen direkt aus Spanien importiert, andere sahen nordamerikanisch, andere fast mexikanisch aus. Links oben lag der «23.Januar». So hiess das Viertel, nach dem Geburtstag des erleuchteten Diktators Perez Jimenes genannt, der nachdem er die Ölfirmen verstaatlichte, mit Hilfe der CIA, einer örtlichen unblutigen Revolution zu Opfer gefallen war.                                  

Man hatte einfach die Kuppen mittlerer Berge, die die populären Viertel säumten, abrasiert und riesigen Kasten mit 23 Stockwerken und je 230 Meter Länge hinaufgepflanzt. Dies war der armen Bevölkerung zugedacht, welche zuvor in kleinen Hütten aus Karton, Sperrholz und Wellblech lebte. Natürlich waren die Gebäude voll belegt, manche der Familien, hatten damals im Wohnzimmer Holzfeuer gemacht. Sie kannten keine andere Art zu kochen, bis auch dies verboten wurde. Man konnte jedoch noch Rauchspuren an manchen Fenster erkennen. Elendsviertel gäbe es weiterhin, sie sind nur umgezogen. Sie bilden einen Saum rund um die Millionenstadt. Ja, nachts zum „23. Januar“ hinauf zu fahren ist zu gefährlich. Es waren deren sieben Gebäude auf vier abgeschnittenen Bergkuppen. Das sei der direkteste Weg zum Stadtzentrum, aber der gefährlichste, meinte Don Canuto. Dort gäbe es viele Drogen und Diebe, die würden die Autos aufhalten und die Leute ausrauben, manchmal auch erschiessen, besonders wenn man kein Geld für sie hatte, damit man das nächste Mal welches dabei hätte, erklärte Alberto.                                                                      

Sami erwiderte :  " Aber wenn man erschossen wird, wie kann man das nächste Mal Geld dabei haben». Das sei denen egal, warf Canuto ein, er lachte kurz auf. Das wichtigste ist, man habe immer etwas Geld dabi, reserviert für die «Malandros» (Diebe). Auch dort oben im Himmel der Diebe sei es so.                                                                                        

«Was, einen Himmel er Diebe, gibt es hier auch es ? ich dachte sie kämen alle in die Hölle», erwiderte Sami.                                                                                            

«Bei dir vielleicht in Deutschland, aber bei uns hier nicht, er wurde abgeschafft, der Himmel war immer leerer gewordet und die Hölle überbevölkert, so hatte man aussortiert und bei uns einen Himmel für die armen Diebe und einen anderen für die reichen Diebe gemacht», erklärte Canuto. Schau dir unsere Politiker an, na wohin werden sie kommen ?"              

Sami betrachtete ihn amüsiert.                                                                                  

"Na in den Himmel werden sle kommen, bei den Beziehungen, die sie haben."                      

"Aber im Hmmel gibt es doch keine Korruption", warf Sami ein.                                        

"Das denkst du, meinst du dort oben ist es besser als bei uns hier? Wenn es dort oben so viel besser wäre, warum will denn keiner sterben ? Wieso möchtest du denn sterben Frufru?"

Sami atmete kurz durch:" ich habe nicht die geringste Absicht zu sterben, auf alle Fälle zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht."                                                                                    

"Na siehst, da habe ich doch recht, aber in den Himmel möchte ich trotzdem und in den reichen, wenn möglich, man kann nie wissen."  Don Canute kicherte in sein Bäuchlein und bog nach rechts ab.         

In diesem Viertel standen lauter Einfamilienhäuser mit Vorgärten, einstöckig mit roten runden Dachziegel, wie im Mittelmeer und fest vergitterten Fenster mit Eisengitter, die meistens schwarz lackiert waren. Die Häuser reihten sich aneinander. Canuto bog in einen Vorgarten ein. Ein roter Ford Pickup mit Riesenräder stand schon da, wie auf Stelzen. Chromblitzende Röhren befanden sich hiner der Fahrerkabine, um sich daran festzuhalten, wenn man sich auf der Ladefläche stand. Es war der Stolz Albertos. Am Wochenende war er der König. Dann wurden die Lautsprecher aufmontiert, eine Kühltruhe mit zerhacktem Eis, Bier und Rum, geladen, Freunde und Freundinnen mitgenommen und mit zwei bis drei weiteren Autos im Anhang ging es hinunter zur Küste an den Strand. Links und rechts auf den Kotlügeln waren gemalte Flammen, sowie auf der Motorhaube. Sami bewunderte das Gefährt: „ und damit kann man gut fahren?“                                                              

«Kein Problem, damit kommt man durch jeden Fluss." 

 Sami wurde der Familie vorgestellt, ein Gast aus Deutschland. Frau Carmen de Segovia, Canutos Frau begrüsste ihn herzlich, warf gleichzeitig einen prüfenden Blick auf ihren Gatten. Alberto verschwand. Sami wurde durch einen Gang zu einem offenem Zimmer mit Sofa, Sesseln und Fernseher gebracht, welcher einen kontinuierenden Monolog führte. Es öffnete sich auch auf einen Innenhof umrandet mit weiteren Zimmern. In der Mitte stand ein zehn Meter hoher dicker Baum, der Früchte trug, die Hobos hiessen und gelb waren. Manchmal plumste eine auf die vielen Planzen und Blumen oder auf den glänzenden Zementboden, glänzend da gebonert. Links war die Küche, das Reich der Frau Maria, eine kleine Frau unbestimmten Alters, mit langen Schwarzen Haaren, sie war die Köchin, sie war eine Indianerin aus den Anden und war schon immer bei ihnen gewesen. Ihre dunkle Haut führte so viele Falten, sowie die Jahresringe eines alten Baumes. Ihre schwarzen Augen leuchteten in einer natürlichen Unschuld. Ihre Lebensaufgabe war es, allen Essen zu geben, Menschen, Tieren, Vögel, alles wurde für jeden aufgehoben und alle wurden gefüttert. Sie konnte weder lesen noch schreiben. All dies und noch viel mehr wurde Sami erzählt, nachdem er sich an den Tisch gesetzt hatte. Es kamen noch zwei weitere Cousins hinzu. Dann knallte wieder ein Hobo herunter, Sami schrak auf. Die anderen lachten. Die Hobo vom Baum, hatte einen intensiven säuerlichen Geschmack, ihr war Kern durch ein hartes Geflecht geschützt.   

Canuto liess sich eine Suppe servieren. Seine Frau brachte ihm die Pantoffeln. Er thronte am Tischende auf seinem gut gepolsterten Stuhl. Sami bekam auch Suppe. Sie schmeckte wirklich gut. Nein, er wolle keine Fleisch, er habe schon welches gegessen, Canuto habe toll gekocht.                                                                                                      

«Was, waren wieder all seine Schmarotzer da ? Zu gut ist der Mann, zu gut, er denkt, er sei die Vereinten Nationen in Person! Eines Tgaes wirst du kein Geld mehr haben, Canuto, wer hilft dir dann, die da , die immer auf deine Kosten essen!» Carmen war wirklich sauer.

«Fehlt dir was? Hast du nicht genug zum essen hier, was schimpfst du nur und das noch vor unserem Gast aus einer anderen Nation, was sag ich, einem anderen Kontinent!», erwiderte Don Canuto.

Plötzlich blickten alle auf den Fernseher. Die Nachrichten kamen mit der Meldung, dass das Chaos im Flughafen wieder unter Kontrolle war. Die Flugzeuge wieder ankommen und abfliegen, da durch den Wasseranschlag des Schweizer Terroristen viele Computer ausgefallen waren uns sie zum Teil ersetzt werden mussten. Die Schäden würden die 30 Millionen Dollars überschreiten. Dann wurde das Passbild des Schweizer Terroristen gezeigt und eine Belohnung von 50 000$ auf ihn angesetzt. Zum Schluss wurde nochmals gezeigt, wie es im Flughafen regnete und jeder flüchtete. Sami war froh, dass er seine Haare rasiert und die Augenbrauen gefärbt hatte. Die Ähnlichkeit war schon zu erkennen.  Sami tat nichts dergleichen. Er liess sich nochmals von ihnen die ganze Sache erklären, da er davon nichts gewusst hatte. Er war ja bei Freunden in Maracay gewesen wäre und sie hätten nicht ferngesehen und keine Nachrichten gehört, da sie mit Pferden unterwegs gewesen seien.

Canuto war mit seiner Suppe fertig. Er sagte, er sei müde und würde jetzt schlafen gehen. Sami soll sich so fühlen, als sei er bei sich zu Haus. Wenn er Hunger oder Durst habe, der Eisschrank stehe ihm zur Verfügung. Dabei zeigte er ihm mit Besitzerstolz, wie man nur sein Glas an den Hebel an der Tür  halten brauchte und das Eis purzelte automatisch ins Glas. Er könne auf der Couch im Salon schlafen, welcher nebem der Eingangstür lag und kaum benutzt wurde. Er zeigte ihm das Badezimmer neben der Küche und Carmen gab ihm Handtücher.

Sami sackte erschöpft auf das Sofa. Er schlief sofort ein. Er wachte des öfteren auf, mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend. Er musste unbedingt so schnell wie möglich nach Chichi.... verschwinden und dann weiter nach Choroni und irgendwie nach Kolumbien gelangen, um dort endlich einen Flug nach Hause zu nehmen. Er hatte keine Ahnung wie er das bewerkstelligen würde, aber irgendwie findet man immer eine Lösung. Ah,ja einen Pass brauchte er ja auch noch.                                                                                          

Er hatte von einer Stadt in Kolumbien gehört. Sie hiess Maicao, sie lag in der Guajira, das Schmuggelparadies in der Nähe des Maracaibosees. Das Gute war, dass sich Kolumbien und Venzuela immer noch im Kriegszustand befanden, dies seit über hundert Jahren, da es einmal ein Scharmützel gab, wegen dieser Region. Da die Venzolaner jetzt den Teil mit Öl haben und ihn natürlich nicht loslassen wollten, gab es bis jetzt nur eine Waffenruhe und diese ruhten schon lange, es schien eher eine Waffensiesta zu sein.

„ Also, wenn ich bis nach Maicao gelange, dann kann ich auch weiter nach Bogotá gelangen und von dort nach Haus. Mit diesen Gedanken döste er allmählich ein. Er verbrachte den Rest der Nacht in den Fängen seiner neuerweckten Hoffnung, erschöpft von den Geschehnissen und voller neuen Eindrücken.

Am nächsten Morgen wachte er wie gewöhnlich um sieben Uhr auf. Die Tasche mit seinem spärlichen Hab und Gut war im Auto, das Auto war bei der Polizei. So lang keiner merkte, dass sein Auto, einem Schweizer Terrorist gehörte, war er hier sicher. Das Risiko war jedoch gross, dass jemand doch auf den Gedanken kam eine Verbindung zwischen ihm und seinem beschlagnahmten Fahrzeug zu machen. Die Tatsache dass es in Catia, von einem zuvor erlaubten Parkplatz,  von venezolanischen Mechaniker abgestellt worden war, machte die Sache eher kompliziert und deswegen war dies günstig für ihn. In keinem der Steckbriefe wurde sein Auto erwähnt. Sami bfand sich in einem grossen Pokerspiel, wo er die ganze Zeit bluffen und auf der Hut sein musste.

Als er aus dem Badezimmer kam stand, schon sein Kaffee da und Arepas blinzelten ihn freundlich an. Frau Maria fragte ihn ob er Käse oder Schinken möchte. Don Canuto und Alberto waren schon in der Werkstatt, die um 7.30 Uhr öffnete. Sami setzte sich an den Tisch und begann mit dem Frühstück. Er hörte Kratzgeräusche an der Mauer, welche den Innenhof zu dem Innenhof des Nachbarn teilte. Der grosse Hobobaum ragte über beide Höfe hinweg. Er spendete reichlich Schatten und Kühle für beide Häuser. Der Innhof hier war ungefähr 12m lang und 6m breit, ganz hinten rechts war ein weiteres Bad in einem Häuschen, daneben ein kleiner Brunnen mit einem steinernem Becken. Daneben war das letzte Zimmer in welchem die ältere Indianerin schlief, wo sie auch einen Altar hielt. Der ganze Hof war übersät mit tropischen Blumen und von den Vordächern des Esszimmers und der Schlafzimmer hingen Körbe mit Farnkräutern herunter. Es tauchte plötzlich ein Kopf hinter der Mauer auf. der Kopf gehörte einem jungen Mann dessen breites Lächeln den Morgen erhellte. «Buenos Dias Signora Maria»

«Buenos Dias Manuel», Frau Maria brachte ihm eine Tasse Kaffee. Ein Arm streckte sich hinunter und nahm die Köstlichkeit in Empfang. Der Kopf verschwand wieder. Zwei Minuten später tauchte ein zweiter Kopf auf, diesmal war er weiblich und gehörte Morelia, auch sie nahm dankend den Kaffe in Empfang. 

Sami liess sich die Telefonnummer der Werkstatt Canutos geben und rief ihn an, nachdem ihm Dona Carmen die Erlaubnis gegeben hatte. Er fragte nach seinem Auto. Ja, er habe gut geschlafen, ja, er habe Kaffee und Arepas bekommen, ja, die haben toll geschmeckt. Es sei ein bisschen komplizierter mit dem Auto, erklärte ihm Don Canuto. Die Schilder seien angeblich nicht richtig registriert worden. Er bräuchte die Autopapiere. Aber die Autopapiere lägen im Auto, in seiner Reisetasche. Da machte sich eine Stille breit. Ok, sagte Don Canuto, er würde sehen was er machen könnte, die möchten wahrscheinlich nur ein bisschen mehr Geld.

„Ok“, sagte Sami, ich werde mir noch andere Kleider besorgen, von meiner Wohnung, damit wir heute Abend Fischen fahren können und für den Strand. Soll ich etwas besonderes besorgen?“                                                                                                          

„Nein nicht nötig, vielleicht eine Flasche Whisky.                                                      

„Gut, ich komme später und dann  gehen wir heute Abend zum Meer fischen.“                  

„Ok, kein Problem, wir warten auf dich.“ Don Canuto legte wieder auf.                      

"Dieser Musiu ist wiklich ganz verrückt nach Fischen," bemerkte er zu Alberto, der gerade beim Schweissen war.                                                                                                  

„Was hast du gesagt?“                                                                                                  

„ Frufru will unbedingt mit uns Fischen gehen.“

Sami ging zur Metrostation. Pro Patria hiess sie, war das ein Wink seines Schicksales? Pro Patria, eine U-Bahn in die Heimat. Es war ein rechteckiger Platz, umsäumt von Eukalyptusbäumen und einstöckigen Häusern mit römischen Ziegeldächer. Er ging in den modernen gelben Schacht an der Polizeibewachung vorbei. Er fügte sich in den täglichen Strom der Angestellten.

In Chacaito stieg er aus, verliess die U-Bahnstation und begab sich in eines der grossen Warenhäuser. Er kaufte sich eine Reistasche, T-Shirts, Shorts, eine Badehose, Jeans, Toilettenartikel und Schwarze Haarfarbtinktur, dazu noch Flipflops und Halbschuhe. An einer Ecke wechselte er vierhundert Dollars auf dem Schwarzmarkt und kaufte sich einen Panamahut aus geflochtenem Stroh, sowie eine Sonnenbrille. Wer würde ihn jetzt noch erkennen! Er ging zur Sabana Grande, schaute den Schachspielern eine Weile zu, setzte sich in ein Kaffee las ausführlich die Zeitung, bestellte sich italienische Spagetti im italienischem Restaurant und fühlte sich fast wie ein Mafiosi - inkognito. Dann kaufte sr sich ein günstges Handy im Sonderangebot mit einer Simkarte für 50 Dollars. Gegen Drei Uhr packte er seine Reistasche, nahm die U-Bahn zum Grossmarkt nach Catia, stieg dort aus, rief Don Canuto an, um zu fragen, ob sich wegen des Wagens etwas Neues ergeben habe? Dieser verneinte, seine Stimme Klang einladend, gar nicht misstrauisch. So entschied Sami, sich durch das Gewühl hindurchzukämpfen. Mit scharfen Blicken nach links und nach rechts, leicht kann man hier bestohlen werden, bahnte er sich seinen Weg, um mit seinen neuegemachten Freunden, fischen zu gehen.                                                                                      

Als er bei der Garage ankam, stand eine Schlange von 5 Autos neben der Wekstatt. Die Wagen warteten darauf, dass ihre Eingeweide erneuert werden, während noch zwei dazu, auf beiden Brücken auf Kopfhöhe schwebten. Sie wurden gerade ausgeschlachtet und mit nigelnagenneuen Röhren und Töpfen zusammengeschweisst, um aus ihren gefährlichen Höhen entlassen zu werden. Es waren zwei Mannschaften, die sich bisweilen gegenseitig ergänzten. Sie brachten es fertig beide Brücken so zu bedienen, dass die beiden Autos ungefähr gleichzeitig fertig wurden, oder zumindest, der hintere Wagen nicht viel warten musste, bis der vordere fertig war. Es war wie ein eingespieltes Ballet, wobei von Zeit zu Zeit schlug einer der Arbeiter mit tollen rhythmischen Schlägen auf einen der vorhandenen Schraubstöcke mit seinen Schraubenschlüssel. Sein Rythmus war der, der Salsamusik welche in seinem Kopf ständig klingen musste. Zwischen Don Canuto und Alberto wurden die Wagenböden von unten mit elektrischen Lampen mit langen Gummikabeln beleuchtet, begutachtet und die Reperatur preislich festgesetzt. Don Canuto arbeitete nicht als Mechaniker, er hatte jedoch ein Auge auf allem, auch auf seine Küche, wo wieder eine Suppe brodelte, Reis und Schwarze Bohnen auf hungrige Mäuler warteten, sowie Tomatensoße und ausgefranstes Suppenfleisch( carne mechada).

Sami ging nach hinten zum Hügel mit den Auspuffen und setzte sich an den Tisch. Dort stand ein Ventilator gleich einer Stehlampe. Er wartete geduldig seine Funktion zu erfüllen. Sami knipste ihn an, nahm den Spiegel, die Zeitschrift, aus seiner Reisetasche. Als er  beim zweiten Artikel ankam, tauchte Don Canuto auf.

«Ich brauche unbedingt die Autopapiere, bist du wirklich sicher, dass du nicht bei dir hast, hast du überall nachgeschaut?»

«Ich habe dir doch schon gesagt, die Autopapiere sind in der Tasche im Auto, ich habe sie nicht bei mir.»

«Ahh, das ist ein Problem, ohne Papiere bekommen wir das Auto nicht. Ich habe angerufen, sie insistieren, sie baruchen unbedingt die Papiere.»

«Ok, kannst du nicht jemanden schicken, der einfach zum Auto geht, ihr habt doch den Schlüssel, oder?» Don Canuto nickte nachdenklich.

«Das Auto ist in einem grossen Parkplatz von der Polizei, hinter einem hohen Zaun mit Stacheldraht eingesperrt. Nur Polizisten können da rein, sonst könnte ja jeder kommen und nehmen was er will.»

«Du hast doch gesagt, dass du gute Freunde bei der Polizei hättest. Da kann doch einer von denen zum Auto gehen und mir die Tasche bringen, oder zumindest die Papiere des Autos rausnehmen».

«Das geht nicht so einfach, der macht sich strafbar und das kostet extra.»

Samis mulmiges Gefühl wuchs wieder. Vielleicht haben sie schon entdeckt, dass das das Nummernschild auf seinen Namen eingeschrieben war und wollten jetzt den Trick, der Autopapiere verwenden, um ihn zu fangen. Ist nicht möglich, die haben bestimmt noch nichts gefunden, die möchten nur kassieren. Sonst wären sie schon da. All dies schoss Sami durch den Kopf.

«Wie viel kostet denn das Ganze?»

«Keine Ahnung, aber das Gänze geht auf mich, mach dir mal keine Sorgen, das war unserer Fehler, das ist unser Problem, wir werden schon eine Lösung finden». Canuto klopfte Sami auf die Schultern. Dann verschwand er nach vorn.

Allmählich kamen die Nutzesser langsam nach hinten an den Tisch. Einige hielten eine eisgekühlte kleine braune Bierflasche in den Händen, andere Blechdosen mit Bier und weitere gar nichts.  Alle hatten sich wichtige Dinge zu erzählen. Sami befand sich in einem Bienenschwarm und war ein Bestandteil geworden. Der Duft Canutos Suppe schwebte in Nebelschwaden über dem Arbeiterviertel, streunende Hunden lief der Speichel hinunter. Franzisco war auch schon gekommen. Er fragte Sami, ob er alles bereit habe zum Fischen im Meer. Sami bejahte und zeigte auf seine Reisetasche.

Einer der Arbeiter Canutos kam mit einem Teller voller Suppe mit Gemüse, mit Njame, Ocumo, Platanos und Kartoffel. In der der Hand hielt er Kasawe, ein Fladenbrot aus Mandjokamehl. «Was die Suppe ist schon fertig!» fragte einer der Wartenden.                     «Ja, natürlich seit einer halben Stunde», erwiderte der Arbeiter, der Frigoles genannt wurde, weil er klein und flink war und Bohnen (Frigoles) über alles liebte. Er erklärte Sami, dass er immer der erste sei, er könne riechen wenn die Suppe fertig sei, sonst bleibt manchmal nichts mehr übrig, für ihn. Alberto habe sich schon öfters bei seinem Onkel Canuto beschwert. Der Raum füllte sich mit schmatzendem Geräusch, der Redeschwall war für eine Zeit lang versiegt. 

 Don Canuto kam mit einer Frau mittleren Alters nach hinten. An der Hand hielt sie einen zwölfjährigen Knaben. Sein Gesicht war verzerrt vor Schmerzen. Er hatte sich den Ellbogen verstaucht. Die Schwellung war stark, unterstützt durch die Nachmittagshitze. Canuto setze sich an den Tisch, die Frau setzte sich hinzu. Der Junge wurde auf einen Stuhl direkt gegenüber Canuto platziert.

«Worauf wartet ihr, ich brauche keine Zuschauer hier, Frigoles hole mir den Tigerbalsam aus dem Kästchen in der Küche.» Die Suppenschlürfer trugen ihre Teller irgendwo nach vorn und assen imStehen, oder waren schon fertig. Sami wollte sich erheben, Canuto sagte: «Du bleibst hier, du hast dein Ticket schon, du hast ein Jahresticket».

«Hier ist die Flasche Whisky», sagte die Frau holte sie aus ihrer Tasche und stellte sie auf den Tisch. Sami machte grosse Augen.

«Gib mir deinen Arm her Romero, nicht war, so heisst du?» Dieser nickte mit Tränen in den Augen.                                                                                                                  

«Du musst jetzt sehr tapfer sein," sagte  Don Canuto.                                                   "

"Du bist doch tapfer, oder?" fragte Don Canuto. Der Junge nickte, wollte aber den Arm wieder zurückziehen. Don Canuto liess ihn nicht los.                                                        

"Das wird am Anfang teuflisch weh tun, aber jedesmal nimmt der Schmerz ab. Hast du mich verstanden?» Der knabe nickte nickt und richtete sich auf, wie eine Gartenzaunlatte.

«Wenn du das überstanden hast bekommst du Eiscrem. Welche Geschmack magst du am liebsten?» fragte Canuto.                                                                                          

Er nahm jetzt den ganzen Arm des Jungen  in seine kräftigen Hände, krempelte dessen Hemd hoch, nahm den Tigerbalsam, rieb sich seine Hände ein.                                

«Erdbeere oder Schokolade ?» fragte Don Canuto. «Ich mag lieber Mango und Pfefferminz», antwortete der Junge.                                                                                               „ Aha , sehr gute Wahl,“  sagte Don Canuto. Der Junge lächelte unsicher und zuckte zurück, als Canuto damit begann, dessen Arm einzureiben.                                                

« Oh, keine Angst, es passiert dir gar nichts. Selbst wenn dir der Arm abfällt, haben wir genug Arme hier, um  dir einen neuen ranzumachen». Der Junge schaute verunsichert auf den Berg Auspuffrohre.                                                                                         «Nein, die sind es nicht, die sind für die Autos. Franzisko, schenk mir ein Glas Whisky ein». Canuto nahm einen kräftigen Schluck. Er begann zwischen Daumen und den restlichen Fingern die Muskeln des Armes hochzufahren.                                                                

„ Siehst du, hier hat sich das Blut aufgestaut, deswegen ist es geschwollen und hier haben die Sehnen einen Knoten gebildet.“ Der Bube schrie auf als man ihn abschlachten würde.     Canuto hatte ihn fest in Griff und massierte genau und ruhig die Verstauchung weg. Als  der Junge merkte, dass mit jedem Strich, der Scmerz sich verminderte, hörte er auf zu schreien und wimmerte nur noch „Mami, Mami“, die sass da und hielt krampfhaft ein Gleas Whisky in der Hand, welches ihr Franzisko eingeschenkt hatte, für alle Fälle, denn sie trinke nie Alkohol, oder nur sehr selten.                                                                                  

«So das war's für heute. Du kommst am Montag wieder und zeigst mir deinen Arm, Ok». Der Jung nickte nicht gerade überzeugt und wand sich aus der eisernen Umklammerung Don Canutos. Der schaute auf die Frau: «der Arm ist jetzt wieder in Ordnung, morgen wird er kaum mehr geschwollen sein. Er soll abends den Arm ins kühle Wasser legen mit ein paar Eiswürfel. Apropos Eis, wo ist den das Eis des Jungen? Jemand soll sein Eis endlich holen!»

Franzisko erklärte Sami, dass dies Sobar hiess und eine alte Methode ist, die die Alten den Jungen weitergaben. Da sie am Anfang so schmerzhaft ist, geht diese Methode verloren. Canuto hat es von seinem Vater gelernt, er könne sogar Brüche und Knochenrisse behandeln. Frijoles brachte des Jungen Eis und  beide verschwanden wieder, sowie sie gekommen waren. Canuto hatte sich geweigert, jegliches Geld anzunehmen.

Alberto kam lachend nach hinten. Ein Klient habe gefragt, was da hinten in der Werkstatt denn los sei. Er habe geantwortet, das würde den Klienten passieren die nicht bezahlen wollen. Der Klient habe ihn ziemlich verstört angeschaut. Alberto habe ihn dann gefragt, ob er mit der Reparatur zufrieden sei. Dieser habe ja natürlich, geantwortet, obwohl das Auto gar nicht fertig war. Als aber die Frau mit dem Kind nach vorn kam, hatte er sie gefragt was denn los gewesen sei. Diese habe ihn nicht richtig angeschaut und nur gesagt dort hinten sei der Sobador. Der Klient habe ungläubig genickt und gesagt: « Das gibt es noch?»

 Langsam tröpfelten die üblichen Stammgäste der Wekstatt herein. Sie warteten bis Canuto das Zeichen zum Domino gab.  Sami unterhielt sich mit Franzisco. Dann fragte Don Canuto  Alberto wie es mit den Klienten stand. Ja, das letzte Auto sei gerade in Behandlung. Gut, er solle die Sachen für Chichiriviche vorbereiten und dann sein Auto holen. Er würde mit Franzisko in seinem Auto zur Küste mitfahren.  

„ Dann gib mir deinen Schlüssel zu deinem Auto,“ sagte Alberto, „das lass ich dann zu Haus.“

 Canuto ging in den Raum neben der Küche. Er holte einen grossen, olivgrünen, metallenen Handwerkskasten aus dem metallenem Gestell und brachte ihn nach hinten ans Licht. Er stellte ihn auf den Tisch.

 «Deine Dominosteine sind ein bisschen gross heute,» meinte einer der Anwesenden.

 Don Canuto ignorierte ihn, er setzte sich einfach an den Tisch und öffnete den Kasten. Er war voll mit Fischhaken, Attrappen, Bleikugeln und Nylonfäden jeglicher Dicke. « Die Bleie sind für das Fischen in der Tiefe, wenn wir an einer Stelle auf dem offenem Meer bleiben die wir kennen und wissen, dass es dort unten Fische gibt. Manchmal haben wir Glück und fangen einen Dicken, einen Mero zum Beispiel, oder eine Catalufa oder einen Colorado. Die Attrappen sind für das Fischen auf freier Fahrt.»

«Ja ich weiss,» unterbrach ihn Sami, « ich habe schon mal einen Bonito gefangen, bei Choroni».

« Da gibt es viele Bonitos» bemerkte Franzisco, der sich wieder zu ihnen gesetzt hatte, er riss dabei seine Augen weit auf und liess sie kullern. Der Rest des Grüppchen, das sich langsam auflöste, lachte und schmunzelte. Sami blickte misstrauisch abwechselnd zu Franzisco und zu den anderen. Canuto verzog keine Miene: « Bonito, Bonita, verstehst du nicht? Franzisko muss immer Spass machen, so ist er halt mal. Franzisko hilf mir lieber dabei die Köder zu präparieren.»

„ Na wie hat dir denn die Bonita geschmeckt in Choroni?“ wollte einer der Zuschaenden wissen, die anderen grinsten.

„Was ich habe doch keine, ...aha, jaa die Erste war etwas bitter aber die Zweite war wirklich süss, fast zu süss.!“ Antwortete Sami.

Alle lachten, sie freuten sich über Samis Repartie und er fühlte sich immer mehr dazugehörend.

Einer der Anwesenden hiess Mundo, Welt. Er war ein grosser Angeber, er gab sogar so viel an, als gehöre ihm die ganze Welt, so nannten sie ihn Mundo. Er wollte ihnen unbedingt von seinen Heldentaten berichten, wie viele und grosse Fische er schon gefangen habe und wann.

«Aber Mundo, wir kennen dich, die Male, die du fischen gegangen bist, war es mit uns. Deine Geschichten kennen wir.» sagte Don Canuto, der gerade beim einfädeln der Bleikugeln war. Mundo verstummte und schlich mit eingezogenem Schwanz von dannen.
«Das war nicht nötig», bemerkte Franzisco.
«Er geht mir auf die Nerven, er erzählt immer das gleiche.» Canuto runzelte die Stirn. Sami machte grosse Augen. Franzisko wandte sich Sami zu. Dieser fühlte wie eine warme Welle Freundschaft hinüberschwappte. Er wusste nicht genau, was das sollte, ja fast misstrauisch wurde er, auf alle Fälle beunruhigt. Das hatte er auf dier Art und Weise noch nie gespürt, oder wenigstens nie gemerkt, oder wenn, dann nur flüchtig.

« Früher ist er öfters mit uns mitgekommen, dann jedesmal als er mitkam, hat seine Frau ihn mit einem anderen betrogen, bis er es herausfand. Seitdem sprechen sie nicht mehr mit einander, seine Frau und er. Sie leben aber leben aber immer noch noch in der gleichen Wohnung, sie haben eine Tochter von 12 Jahren. Das war vor  zwei Jahren. Kannst du dir vorstellen, zwei Jahre in der gleichen Wohnung und kein Wort mit einander reden, ja gut ihre Mutter lebt auch mit ihnen,» erzählte Franzisco.
«Warum scheiden sie sich nicht?» wollte Sami wissen.
«Sie haben die Wohnung gemeinsam gekauft und keiner will klein beigeben, man sagt, er ist unten nicht so bestückt und sie ist heissblütig,» erklärte Canuto.

Canuto und Franzisko hatten die verschiedenen Bleikugeln bis zur Mitte aufgeschlitzt und je nach Dicke des Nylonfadens, das Blei einmal umwickelt verknotete und wieder zugedrückt.
Canuto wurde nach vorne gerufen, der letzte Klient war bedient worden. Er kassierte ein. Er zahlte seine Arbeiter wöchentlich. In Venezuela wurde man entweder fünzehntägig oder wöchentlich bezahlt, denn die meisten konnten nicht mit dem Geld umzugehen.

Sie packten alles ein, gingen nach nach vorn, Canuto lies  den schweren metallenen Storen  hinunter, alles wurde mehrmals verriegelt.

Alberto kam mit seinem roten Pickup gerade an. Die Dämmerung hatte begonnen und in einer halben Stunde wird alles stockfinster sein. Sami konnte sich nie daran gewöhnen. Er war mit dem langsamen Sonnenuntergänge in Europa aufgewachsen, nicht mit dem plötzlichen Wechsel vom hellen Tag zur tiefen Nacht. Canuto und Franzisko stiegen in einen Rangerover. Sami kletterte zu Alberto hinauf. Alberto fragte Sami, wo er denn seine Tasche hätte. Er hätte sie hinten auf die Ladefläche gestellt. Alberto riet ihm sie entweder mitreinnehmen oder draussen anbinden. So stieg er nochmals aus und holte seine Reisetasche in die Kabine.

Musik wurde angestellt, Salsa oder Merengue. Franzisko war schon losgefahren. Alberto fuhr zu einer Fabrik, welche Eis herstellte. Man konnte mit dem Auto an eine Rampe fahren. Auf ihr standen zwei Arbeiter. Sie hielten metallenen Haken in ihren Händen. Sie waren nich die einzigen, die bei der Rampe warteten. Die Arbeiter verschwanden immer wieder durch eine dicke Eisentür. Beim Öffnen kam ein Nebelschwaden heraus. Sie zogen grosse rechtwinkelige Eisblöcke heraus. Mit ihren scharfen Eispickeln, teilten sie sie in kleinere Blöcke. Ihre Stiche waren äusserest präzise. Es brauchte nur einen, höchstens zwei Stiche um einen grossen Eisblock auseinander zu trennen. Sami konnte es kaum glauben. Sie kamen an die Reihe. Ihre Gefriertruhe auf der Ladefläche wurde mit festen Brocken aufgefüllt. Auch diese Truhe wurde jetzt von Alberto angebunden.

„Ist es nicht ungesund, die ganze Zeit von der Hitze ins Eiskalte zu gehen?“ fragte Sami.

„ Auf alle Fälle ist das gesünder, als nichts zu essen,“ antwortete Alberto.

„Wir fahren durch die Berge,“ sagte Alberto.

„ Warum?“ fragte Sami.

„Ganz einfach, jetzt um diese Zeit den direkten Weg runter über die Autobahn zu fahren ist tödlich.“                                                      

„ Wieso tödlich, ist es jetzt so gefährlich?“

Alberto lächelte „ Nein, aber bis neun ist der Verkehr so stark, das ist ein einziger Stau, da gibt es kein hindurchkommen.“

Alberto war glücklich zu fahren, er liebte das Fahren, hoch oben auf seinem vierrädigem roten Ross. Er hatte zwei grosse Lautsprecher hinten suf der Ladefläche angebracht, die nun eifrig ihre Stimmen hören liessen. Er wählte einen Weg, der an schon verlassenen Fabrikgebäuden vorbei führte, bis sie zu einem belebten Platz kamen, von dem aus Toyota- oder Nissan-Jeeps, vollbeladen mit Fahrgästen, die Strasse hoch, in die Berge fuhren.

Am Rande der Stadt waren einfache zweistöckige, meist unverputzte Häuser an den Strassen entlang, die Hänge hinaufgebaut worden. Die Stadt hörte einfach auf, wenn die  Häuser immer spärlicher wurde. Es gab auch Wachtposten auf dem Weg. In den offenen Wachhäuschen sassen Soldaten mit ihrem Maschinengewehren, manchmal kamen sie heraus und schauten meist gelangweilt in die Autos. Es wurde kühler und Neblschwaden kamen ihnen entgegen. Diese Wolken waren so vollgeladen mit den Pollen und Gerüchen der Pflanzen, dass ihre Duftwolken wie wie Pfeffer in Samis Nase brannten. Die asphaltierte Landstrasse bestand aus ein aneinanderreihen von Kurven. Nach etwa 45 Minuten kamen sie zu einem Ort, welcher Juncito hiess. Bis dorthin fuhren alle Jeeps mit den Passagieren, es gab Geschäfte und Bars. Dort hielt Alberto und parkte das Auto neben einem Restaurant, welches halb Terasse halb haus war. Hinten war die Theke mit dem Hausteil und der Küche, vorne standen Holztische mit rotkarierten Tischtüchern, wie in Bayern. Die rustikalen Holstühle mit rotweiss karierten Polstern waren glänzend lakiert worden. und dunkelbraunen lackierten Holzstühlen. Sami und Alberto gingen die drei Stufen hoch zum Tisch wo Franzisco und Canuto schon assen.

„Die Hänchen hier sind toll, sie marinieren sie immer tagszuvor,“ Don Canuto winkte dem Kellner zu, der durch die Flipflap-Türe in die Küche verschwand. Er kam gleich wieder heraus mit zwei herrlichen golbraun gebratenen Hänchen auf den Tellern, sowie mit einer Schüssel voller Bollos. Dies sind eine Art gedämpfte Knödel aus Maismehl mit Maisblättern umwickelt.

„Sie werden sie immer zu den Hänchen serviert“, erklärte Franzisco, dazu kamen Schalen mit Wasser und Zitronen für die Hände, sowie zwei kalte Bier.     

„Zur Regenzeit ist die Strasse öfters blockiert, da gibt es Bergrutsche, mit oder ohne Häuser.“

„ Ja ich weiss, ich war auch schon mal blockiert als ich nach Choroni fahren wollte.“

„Als du die Bonita gefangen hattest,“ stichelte Alberto.

„Nein, der Teufel wollte uns nicht durchlassen, in der Kurve des Teufels oben in den Bergen.“

„So, wie bist du denn nach Choroni gekommen?“

„Ich habe gewartet.“

„Warten ist immer gut, das ist machmal das gesündeste was man tun kann,“ fügte Franzisco hinzu, aber die jungen Leute heutzutage, haben keine Zeit mehr zum Warten. Alles muss immer schnell, schnell gehen. Das Leben geht sowieso vorbei, ob schnell oder langsam.“

 Don Canuto ergriff jetzt das Wort:„ Die  Strasse geht weiter zur Colonia Tovar, dort haben deine Landsleute sich vor etwa zweihunderten Jahren angesiedelt.“

„Welche Landleute, hier, davon weiss ich nichts.“

„Was du weisst nichts davon, obwohl du schon längere Zeit in Caracas bist?“

„Nein wieso?“

„Ja hier oben kannst du wirklich deutsche Wurst essen und Erdbeeren, manche sprechen noch Deutsch, die Häuser sehen Deutsch aus.  Es ist eine Touristenattraktion geworden.“       

„Na und warum sind die Deutschen dann hierher gekommen,“ unterbrach Alberto sein Kauen.

„ Ah jah, jetzt kann ich mich daran erinnern, man hatte mir davon erzählt, die Deutschen in der Colonia Tovar, ja stimmt. Ich bin aber nie hier rauf gefahren. Ich hatte keine Zeit dazu, ich musste arbeiten. Deswegen bin ich auch so glücklich endlich  Venezuela kennen zu lernen.“

„Aber warum sind die  Deutschen hierher gekommen, da waren doch die Indianer und die Spanier?“

„Damals, vor etwa 300 Jahren, wenn der König, oder Fürst, oder Herzog den Glauben wechselte, mussten alle seine Untertanen mit ihm wechseln, sonst bekamen sie Probleme. Das heisst zum Katholizismus zum Protestantismus und wieder zurück, je nachdem wie die Laune des Chefs war. Sonst bekamen sie Probleme.“

„Was für Probleme?“

„Sie wurden umgebracht.“

„Aber hier sind wir und waren wir doch katholisch, oder?“ stocherte Alberto nach.  

„ Aber wen kümmert das hier schon?“ meinte Canuto „ Jetzt sind sie da und leben so wie dort. Sie bauen Äpfel, Birnen und Erdbeeren und sogar Trauben an. Hier wo sie leben ist immer Frühling. Aber die Kinder sind manchmal dumm, sie heiraten immer nur unter einander.“

„Fahren wir über die Colonia Tovar nach Chichiriche?“

„Chichiriviche, heisst der Ort, Chi chi riviche,“ sagte Alberto.

«Keine Angst, wir fahren nicht zur Kolonia Tovar, wir biegen vorher ab, nach rechts in Richtung Küste,» erkärte Canuto, der eine merkwürdige Spannung bei Sami entdeckt hatte.

«Ich mag keine Wurst, ich bin zwar Deutscher, aber ich mag keine Wurst, ich mag lieber Fisch, oder Steaks. Bei der Wurst weiss man nie was hineigemischt wurde. Man hatte schon Sägemehl in Würsten gefunden.»

„Ist schon gut, du bekommst auch keine Wurst, Fisch bekommst du, die gibt es viel mehr im Meer als Würste,“ meinte Franzisko, der natürlich wieder einen Spass machen musste.

Nach dem Essen fuhren sie weiter, die Kurven auf dem Bergrücken entlang. Nach einer Stunde etwa erreichten sie eine Kreuzung zur Küste hinunter. Strasse wurde enger. Die Temperatur stieg langsam wieder. Irgendwann hörte der Asphalt auf. Dunklen Schatten grosser Blätter huschten vorüber. In der Mitte über ihnen trafen sich die Baumkronen  vor dem Sternenhimmel. Überall blinkten Glühwürmchen im satten Schwarz. Von Zeit zu Zeit durchfuhren sie einen Fluss, der sich der Strasse entlang den Berg hinunterschlängelte. Bei einer Furt blieben die beiden Autos plötzlich stehen. Don Canuto, Franzisko und Alberto stiegen aus. Sami folgte ihnen verdattert. Don Canuto schritt zum Kofferraum, öffnete ihn. In seiner  Hand erschien ein Glas. Dann ergriff er eine Whiskyflasche, gab sie Alberto, hielt das Glas hin. Alberto goss Whisky hinein. Don Canuto öffnete eine kleine Kühltruhe aus Steropur, griff in den Plastiksack und lies die Eiswürfel in sein Glas plumpsen. Franzisko hatte auch schon sein Glas gezückt, welches gefüllt wurde. Franzisco forderte Sami auf das gleiche zu tun. Im Kofferraum hinten befanden sich Gläser in einem Behälter. Zum Schluss bediente sich Alberto von dem köstlichen Nass. Es entstand eine angeregte Konversation im Scheinwerferlicht der Autos, als standen sie an einer Bartheke. Sie wollten wissen warum Sami nicht verheiratet sei und warum er keine Kinder habe. Er habe eine Freundin gehabt, mit der er acht Jahre zusammengelebt habe, aber dann habe es nicht mehr geklappt und sie seien auseinander gegangen. Das wäre eine der Gründe gewesen, warum er sich von seiner Firma hierher habe versetzen lassen. Wieso habe es nicht mehr geklappt wollte Franzisco wissen.

«Sei nicht so neugierig,  nicht jeder braucht zwölf Kinder zu haben wie du,“ belehrte Canuto.

«Ich habe nicht zwölf sondern nur Neun».

«Und die, die du nicht kennst?»

«Acht Töchter und einen Sohn, mehr nicht, das ist alles».

«Meine Freundin ist dann alleine in die Ferien gefahren und mit einem neuen Freund zurückgekommen» erklärte Sami, dem es sehr wichtig war, das Vertrauen der drei Männer aufzubauen.

«Wann war das?"

"Vor drei Jahren".

«Die venezolanischen Frauen, gefallen dir nicht?» wollte Alberto wissen.

«Doch,doch, aber die Freundschaften dauerten nie länger als ein Monat».

«So so, Freundschaften nennt ihr das! Aha Freundschaften, Freundschaften», stichelte Franzisco.

«Wie das so ist, man sieht die eine, dann die andere, es gibt so viele schöne Frauen hier in Venzuela. Da verliert man sich leicht.»

Die drei lachten, Sami lachte mit.

«Ich habe mich schon so oft verloren,» meinte Alberto, «und du Franisco?»

«Ich auch, aber ich will nicht, aber ich kann nicht anderst, ich verliere mich immer wieder. Nur Canuto der verliert sich nie!»

«Ach lasst mich doch in Ruhe!» Canutos Lachen verstummte.

Dann standen sie einen Augenblick da und betrachteten die Stille.

Fanzisco verschwand in der Dunkelheit, dann Alberto. Sami war verwirrt. Das Scheinwerferlicht der Autos hatten sie wie unter einem  Schutzfilm eingehüllt. Jetzt war der einfach so durchbrochen worden. Sami verstand nicht was das bedeuten soll, Panik wollte hochkommen, was hatten die mit ihm vor ?

«Was ist los, wohin gehen die?» fragte Sami verwundert.

«Der Fluss hat nicht genug Wasser,» antwortete Canuto. Ein ironisches Lächeln kräuselte sich auf seinen Lippen. 

Verwirrt schritt sami zum Fluss in die Dunkelheit. Die Scheinwerfer strahlten auf den Strom Wasser, der sich durch die Steine hindurchkämpfte. Da war doch Wasser, warum nicht genug Wasser, wofür nicht genug?  Was ausserhalb des Lichtkegels stattfand, konnte er nicht erkennen.  Höchstens die Sterne, sie zogen eine Spur links und rechts durch das Scharz des Blätterwaldes. Dann stand er ganz allein mitten in der Wildnis. Er drehte sich um auch Canuto war verschwunden. Er suchte nach seinen Begleitern. Er sah nicht wohin er trat. Dann schälten sich Umrisse aus der Dunkelheit. Da weiter rechts unten, neben der Strasse, standen die drei in Rei und Glied. Sie bepinkelten den Fluss. Jetzt konnte er auch Wortfetzen zwischen dem Geplätscher ausmachen. Er stellte sich neben sie und begann auch dem Fluss Wasser zu geben, da er ja nicht genug führte, wie Don Canuto es ihm erklärt hatte. Einer nach dem anderen schob den Reissverschluss seiner Jeans wieder hoch. Sie stiegen in die Autos, Die Fahrt ging weiter.

«Wie weisst du denn, dass du noch durch den Fluss fahren kannst?» fragte Sami Alberto.

«Was meinst du», Alberto warf ihm einen erstaunten Blick zu, dabei drehte am Lenkrad, als ob es nie eine geradeaus führende Stasse gegeben hätte, keine gerade Strecke seit Stunden.

«Woher weisst du wie hoch das Wasser im Fluss ist ?»

«Also mit meinem Auto brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Wenn es nicht gerade sehr stark geregnet hat, dann kommen wir durch jeden Fluss. Ich bin hoch genug, meine Reifen sind so hoch, das wir weit über dem Wasser sind.»

«Und wenn nicht?»

«Also du meinst, mit einem anderen Auto, mit dem Jeep von Francisco zum Beispiel ?»

«Ja»

«dann musst du halt aussteigen und in den Fluss gehen. Wenn das Wasser oberhalb des Knies ankommt, dann fahre lieber nicht hindurch, dann nimmt dich meistens der Fluss mit. Sobald er den Karosserieboden berührt, staut sich das Wasser so stark auf, dass es dich mitreisst. Die einzige Chance hast du dann, dass du versuchst schräg mit dem Fluss mitzufliessen und weiter unten raus zukommen. Aber hier hast du keine Chance. Zu viele Steine, zu viele Felsbrocken, zu viele Baumstämme. Jedesmal, wenn es hier stark regnet, schwillt der Fluss gross an, man hört ihn schon kommen. Mit einem tiefen Donnern durch das Geröll meldet er sich an. Die Erde rundherum beginnt zu zittern, ganze Bäume werden mitgerissen. manchmal stemmt sich ein ein 20 Meter hoher Baumstamm gegen einen Felsbrocken unter Wasser. Er richtet sich in ganzer Länge auf und platscht wieder ins Wasser. Das ist jedesmal ein tolles Schauspiel. Alle hören auf zu arbeiten. Man rennt zum Fluss und beobachtet mit Respekt, was der Fluss alles machen kann. Vorher hatte es einen kleinen Deich weiter oben gegeben. Das Wasser wurde in Caracas oder Maiquetia zum trinken gebraucht. Es gab einen Jahrhundertregen während zwei Tagen. Der Fluss schwoll an, dann brach der Deich. Der Fluss hatte damals in Chichiriviche alle Häuser die weiter unten waren, mitgenommen. Unten in Chichiriviche wurden die meisten Ferienhäuser weggeschwemmt. Zwei grosse Lastwagen liegen auf dem Grund in der Bucht. Es gab viele Tote, es war Ferienzeit, Touristen hatten Zelte unten am Strand aufgestellt. Aber unser Haus in Chichiriviche war ausserhalb der Reichweite des Flusses. Der Gouverneur hatte es als seine Kommandostelle benützt. Von dort aus wurden die ganzen Rettungsmassnahmen geleitet.»

«Wie viele starben?»

«Die einen sagen dreihundert, die anderen 80, ich weiss es nicht, aber viele waren es, viele.»

«Jetzt sind wir schon drei Stunden unterwegs, gehen wir denn heute noch fischen?»

«Ja warum denn nicht».

«Schlaft ihr denn nicht?»

«Doch, doch, schon, aber wir haben ein Sprichwort: Einen schlafenden Krebs nimmt der Strom mit» Alberto warf ihm einen leicht belustigten Blick zu.

Sami kam es vor, als hätte das Orakel von Delphi gesprochen. Was hat jetzt Alberto damit gemeint. Er nahm sich vor, heute Nacht nicht zu schlafen, alles mitzumachen, als sei er einer von ihnen. Sich hier zu verstecken, das ist das Beste, warten bis sich alles beruhigt hat, dann würde er schon einen Weg nach Hause zurück in die Schweiz finden.

Nach fünfundvierzig Minuten kamen sie endlich an. Sami war eingedöst. Er war wachgerüttelt worden, als sie durch eine Furch fuhren. Unter dem Wasser lagen mittelgrosse Steine. Manchmal fuhr man einfach über einen solchen, weil man ihn nicht sehen konnte. Plötzlich sass man mitten in der Luft und plumste so richtig auf die Sitzbank zurück. Es ging eine Erdstrasse entlang. Links und rechts standen Lehmhäuser mit Wellblechdächern bedeckt und mit Hühnerzäunen umgeben. Im Mondlicht konnte man einiges erkennen. Vor einem grossen Tor mit Vorhängeschloss wurde angehalten. Canuto schloss es auf. Alberto und Francisco schoben die beiden Flügel nach aussen auf. Die Autos wurden hineingefahren. In der Mitte eines Hofes mittlerer Grösse stand ein mächtiger Mangobaum. Dahinter lag ein rechteckiges Haus, mit grossen Vordächer, die wie breite Gänge ausserhalb das Hauses an zwei Seiten umrundeten. Auf den Aussengängen standen Tische mit Stühlen, Sesseln und Sofas. Francisco hatte ein Gaslampe aus seinem Jeep geholt und sie auf einen der Tische gestellt. Im Scheinwerferlicht, zog er ein kleines weisses, geflochtenes Täschchen über die Gasöffnung hinter dem Glas, er zog es zu, wie ein aufgestülpter Abfallsack in Europa, drehte den Gasghahn auf, das Gas fauchte und er zündete es mit seinem Feuerzeug an. Das Netz brannte aus, es glühte weiss und verströmte eine verblüffende Helligkeit.

Alberto und Sami luden die schwere Gefriertruhe vom Pickup ab. Sie brachten die Reisetaschen ins Haus. Dann zerkleinerte Alberto ein grösseres Stück Eis und tat es in eine kleinere Eistruhe, die eine Wasserflache, eine Colaflasche und ein paar Bierdosen enthielt. Don Canuto und Franzisco brachten ihr Sachen ins Haus. Von Zeit zu Zeit knallten reife Mangos auf das Dach. Sami erschrak jedesmal. Die anderen lachten über ihn, sie waren es ja gwöhnt. Als Sami wieder einmal aufschreckte, beruhigte ihn Franzisko indem er ihm erklärte, dass da wohl ein „Kenge“ auf dem Baum sei. Der käme immer wieder, das sei eines seiner Stammbäume, so wie der Stammtisch in einer Bar.

„Ein Kenge, was ist das, ein Kenge?“

„Ein Kenge, das ist so ein Tier, das sieht so aus eie ein Fuchs, hat aber kaum Haare und einen langen dünnen Schwanz. Es frisst nur Mangos. Es schmeckt deswegen köstlich, sein Fleisch nur mit Mangos gefüttert, kannst du dir das vorstellen?“

„Schwimmt es auch im Meer wie die Meerschweine?“ fragte Sami den Franzisco, dem er kein Wort geglaubt hatte.

Alberto und Don Canuto blieben stehen und lachten ein wenig. „ Siehst du, das hast du jetzt davon, dass du immer Geschichten erzählst, selbst ein Musiu glaubt dir nicht mehr.“

„ Glaubt er mir, oder glaubt er mir nicht, ist mir doch gleich, aber den Mango auf den Kopf bekommt ihr trotzdem vom Kenge.“

„ Sei ruhig,“ sagte Alberto, „ hörst du das Rascheln im Baum, schau jetzt genau dort hinauf die zwei grünen Lichter, das sind die Augen vom Kenge. Soll ich ihn runterholen?“

„Nein lass ihn doch, der hat dir doch nichts getan, wir gehen doch Fischen, oder?“erwiderte Sami.