Fischen

13. Kapitel Fischen

 Der Werkzeugkasten mit dem Fischgerät wurde von Franziscos Rangerover hinten auf Albertos Pickup verfrachtet, so auch die kleine Kühltruhe. Rechts hinten bei der Mauer lag ein sieben Meter langes türkiesblau bemaltes Aluminiumboot mit einer Kette und einem Schloss an einem Palmenstamm festgemacht. Es hatte vier Verstrebungen die als Bänke dienten. 

„Wir laden es auf den Pickup,“ befahl Don Canuto. Sami wunderte sich wie sie das machen werden, denn es war um einiges länger als Albertos Auto. Franzisco fragte, ob einer den Stöpsel dabei hätte. Alberto verschwand kurz ins Haus. Er kam mit dem Stöpsel in der Hand wieder raus.

«Das letzte Mal hatten wir ihn vergessen. Als wir das Boot ins Wasser schieben wollten, mussten wir einen Zweig abschneiden und zurechtschnitzen.»

Canuto und Franzisco packten das Boot hinten an, Alberto und Sami vorne. Es wurde umgestülpt und dann mit der Spitze nach vor so auf das Auto gelegt. Natürlich ragte es hinten und vorne über das Auto hinaus, aber es war auf dem Auto. Dann wurde es angebunden, damit es nicht verrutschte. Alberto fuhr vorsichtig los. Franzisco sagte Sami er solle die Gaslampe nehmen, aber vorsichtig, denn das Täschchen reisse leicht.

«Welches Täschchen,» fragte Sami.

«Na das von der Lampe, es ist aus Magnesium und deswegen gibt das Gas uns Licht».

«Aha» Sami ging zum Tisch. Die Gasflasche war schwerer als er gedacht hatte.

«Wir gehen zu Fuss,» gab Canuto bekannt. Los ging es in Richtung Meer, an den Häusern, der früheren Sklaven vorbei, die vom Gaslicht scharfe Kanten bekamen und tiefdunkle Schatten schnitten. Sie erreichten sie die letze Furth vor dem Meer. Alberto fuhr sein eisernes Ross vorsichtig wie auf Kohlen langsam hinüber, die leichte Böschung hoch und verschwand wieder hinter dem Gebüsch. Die drei Fussgänger kamen an einer Hütte vorbei. Sie gingen Fluss entlang underreichten eine Reihe Ferienhäuser, die neu wieder dastanden. Dann eine zweite Reihe. Dort befand sich schon Alberto mit seiner Packung und entfernte die Seile vom Boot. Der Mond schien hell, man konnte alles gut erkennen. Das Auto wurde von seiner Fracht befreit, das Boot über den Sand geschleift, bis zum Wasser. Die Lampe, der Werzeugkasten, die kleine Kühltruhe und eine weiter Tasche ins Boot gebracht, das Auto abgesperrt, zwei Ruder ins Boot gelegt, den Stöpsel hinten eingesetzt, gewartet bis sich eine Welle auf dem Sand zerschlagen hatte, dann mit voller Kraft angestossen und profitiert vom zurückfliessendem Salzwasser, ins Meer gestossen. Das Boot war seetüchtig und wackelte vergnügt zwischen den Schaumkronen, alle waren schnell hineingesprungen. Nur Sami stand bis zum Bauch im Wasser. Alles war zu schnell gegangen, das Boot war plötzlich weg gewesen. Die anderen lachten: «Beeil dich, bevor die nächste Welle kommt ", rief Franzisco. Alberto war gerade dabei, mit dem Anlassseil den Aussenbootmotorä anzuwerfen. Dann kam die nächste Welle. Plötzlich hielt Sami einen Bootrand in den Händen. Neben ihm tauchte eine dunkle Gestalt auf. Sie hielt das Boot kurz fest und sprang behend ins Boot, Sami wurde irgendwie mitgerissen. Er hatte auch versucht im letzten Augenblick aufzuspringen. Das Boot bekam Schlagseite. Die anderen protestierten, er solle doch aufpassen, sonst gehen sie noch unter. Endlich war er oben im Boot. Don Canuto zeigte ihm wo er sich hinsetzen sollte.

Franzisco hielt die Gaslampe in den Händen. Das Täschchen, die Mesche war zerrissen. Die Schwarze Gestalt hatte ein Ruder gepackt und hielt das Boot mit dem Bug hin, zu den kommenden Wellen. Canuto hatte das andere Ruder genommen. Er begann zu rudern. Da, der Motor sprang an. Jetzt gingen es los hinaus aufs offene Meer. Die Ruder wurden wieder hineingebracht. Jeder wusste was zu tun war. Eines der Ruder wurde mit dem Griff in ein Loch in die mittlere Bank gesteckt und ragte wie ein Mast hinauf. Die schwarze Gestalt half Franzisco ein neues Magnesiumtäschchen zum Leuchten zu bringen. Alberto lenkte das Boot. Don Canuto nahm die Nylonspulen aus dem Werkzeugkasten und begann zu fischen. Er zog einen Handschuh an, denn falls etwas grosses anbeissen würde, dann sollte nicht gleich die Haut seines Zeigefingers weggebrannt werden. Die Lampe wurde oben an einem stehenden Ruder angebracht, welche durch das Loch in der mittleren Verstrebung gestossen worden war. Da waren zwei Schrauben dafür vorgesehen.

«Das Licht zieht die Fische an», erklärte Canuto. Sami sah dem ganzen Geschehen zu. Er kam sich reichlich blöd vor, so da zu sitzen und nicht zu wissen, was zu machen war.   Don Canuto und Franzisco sassen im hinteren Teil des Bootes, das jedesmal, wenn es über eine Welle geritten war, hinunterplatschte. Die Spritzer wehte der Fahrtwind hinein. Samis Kleider trockneten trotzdem auf seinem Körper. Die Schwarze Gestalt hatte sich neben ihn gesetzt. Sie wandte sich Sami zu, sie streckte ihm die rechte Hand entgegen : « Ich bin Pablito, ich bin von Chichiriviche, Pablo Majora zu Ihren Diensten».

Auch Sami stellte sich vor.

«Gib mir ein Bier», sagte Alberto. Schon hatte Pablito die Kühltruhe aufgemacht und zwei eisgekühlte Bierflaschen herausgenommen. Eine bot er Sami an, der dankend ablehnte. Er führte eine zum Mund, um die metallene Kapsel mit den Zähnen zu entfernen. er spuckte sie einfach ins Meer. Er reichte die Flasche Alberto, öffnete die zweite und trank in gierigen Schlucken gleich die Hälfte aus. Sein Rülpser war um so beeindruckender. Pablito sah wie ein schwarzer Pirat mit mandelförmigen Augen aus. Er war um die dreissig. Francisco fragte ihn nach seiner Familie, wie es seiner Frau gehe, seinen beiden Kindern.

Nach zehn Minuten rief Don Canuto : «Paralo, (Stop)». Alberto drosselte sofort den Motor. Don Canuto hatte etwas grösseres gefangen. Das Boot tänzelte auf den Wellen, es bewegte sich im Schritttempo weiter. Pablito wickelte auch schnell seine Spule ein, am Ende war ein dreissig Zentimeter langer Bonito. Franzisco wickelte seine Leine ein, er hatte nichts gefangen. Alle starrten gespannt in die Tiefe des Wassers. Der Plankton schimmerte geheimnisvoll in Streifen. Don Canuto musste immer wieder Leine geben, bis der Fisch ermüdete. Dann zog er ihn weiter zu sich, um ihm noch einige Mal fortziehen zu lassen. Plötzlich schwamm er am Bordsrand. Pablito ergriff behend einen Stock, der einen Haken hatte, den Sami in der Dunkelheit gar nicht gesehen hatte. Mit einem sicheren Schlag hackte er ihn in die Seite des Fisches und beförderte ihn an Bord, wo er wild um sich schlug und überall zubeissen wollte. Aber Pablito hielt den an Ort mit einem Ruder und lachte dabei. Es war ein Carite (Kingfish, Königsmakrele), gut ein Meter Zwanzig lang, mit etwa vierzig Zentimeter Umfang.

«Der Bonito lebt gerade noch,» bemerkte Canuto. Alberto griff schnell nach seinem kleinen Fisch und warf ihn Franzisco zu, der kurze aufschreckte. Wieder breites Gelächter. Franzisko nahm flink eine Spule aus dem Werkzeugkasten. Die hatte mehrere Haken, die er schnell um den Körper des Fisches  befestigte. Er liess er ihn über Bord ins Wasser gleiten. Er hatte einen lebenden Köder. Jetzt fuhr das Boot im Trotttempo weiter. Alberto steuerte nicht nur Autos gut, sondern auch Schiffe. Es war ein gut eingespieltes Team. Vier Männer sassen mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Das Boot schlänkerte in die dunklen Wellentäler hinein und wieder hinauf mit dem Bug gegen den Sternenhimmel. Sie starrten  in das Aufflackern der Leuchtspuren des Planktons. In der Ferne zeichneten sich die Berge ab. Dort wo es keine Sterne mehr gab, dort war Land. Weiter links schimmerten die Lichter von Las Salinas und Arecife. Dort würde die asphaltierte Strasse beginnen, erklärte Alberto, der Samis Blick aufgefangen hatte.

«Was hast du gesagt?» fragte Sami. Der Fahrtwind hatte die Worte einfach weggeblasen, oder war es der Lärm vom Motor.

«Dort die Lichter dort,» schrie Alberto.

«Ja,»sagte Sami und nickte mit seinem Kopf.

«Da ist Arecife und Las Salinas, dort beginnt die asphaltierte Strasse.“

«Ja,» sagte Sami und starrte in Richtung der blinzelnden Lichter. Er konnte erkennen, wie weit sie schon von der Küste entfernt waren. Nach einer Weile fragte er: « Wie weit fahren wir noch hinaus?»

«Bis wir die Küste nicht mehr sehen.»

«Wie kommen wir wieder zurück?»

«Durch die Sterne, die zeigen uns den Weg.»

Nach einer Weile fragte Franzisco: «Meinst du, dass das Eis bis nach Spanien reichen wird."

«Das Eis nicht, dann müssen wir halt umdrehen und neues holen!» sagte Franzsico trocken.«Fahrer würden Sie bitte umdrehen wir brauchen neues Eis.»

Ja wirklich Alberto begann eine Kurve zu fahren, es ging jetzt nach rechts, die Küste entlang. Die Wellen holten sie jetzt ein und jedesmal gaben sie dem Boot einen kleinen Stoss. Alberto fuhr im Schlangenkurs weiter.

Nach einer Weile schrie Franzisco: « Para lo (halt an)». Wieder war ein grösserer Fisch am anderen Ende. Dieses Mal war es ein Tunfisch, der Kampf dauerte etwa fünfzehn Minuten. Pablito und Canuto hatten auch etwas gefangen, je zwei grössere Bonitos.

«Der Musiu (Monsieur) bringt uns Glück,» sagte Canuto. Er bat Alberto weiter in Richtung Küste zu fahren, er würde eine Stelle kennen wo es  Meros geben würde. Er orientierte sich am Verlauf des Bergkammes. Nach etwa zehn Minuten sagte er Alberto er soll jetzt anhalten. Der machte den Motor aus. Die Nylonschnüre mit ihren Haken und Bleigewichten wurden hinuntergelassen. Sie sassen jetzt da, vertieft in die Tiefe des Meeres. Sie warteten auf das bestimmte Zupfen am anderen Ende der Leine. Sie hatten einen der Bonitos geopfert um Köder herzustellen. Auch Sami hatte eine Leine in die Hand bekommen.  Don Canuto hatte ihm einen Handschuh geliehen, denn so eine Nylonschnur kann leichte eine tiefe Kerbe in die Finger schneiden, es kommt natürlich auf die Grösse des Fisches an. Pablito hatte eine richtige Hornhaut an seine rechten Hand beim Zeigefinger und beim Daumen. Er hatte dies stolz Sami gezeigt und gesagt er bräuchte keine Handschuhe, er hätte schon welche, er sei mit ihnen geboren worden, genauso wie mit seiner Farbe.

„Ja das hab ich schon gemerkt,“ erwiderte Sami.

« Was, wie meinst du das,» fragte Pablito

« Man sieht dich nicht wenn du sprichst, ausser deine Zähne, die sieht man manchmal,“ erklärte Sami. Für einen Augenblick herrschte gespannte Stille, das Wasser plätscherte gegen das Boot. Sami erstarrte, hatte er etwas falsches gesagt, hatte er übertrieben? Plötzlich brach lautes Gelächter aus. Pablito fletschte seine Zähne und knurrte wie ein wildes Tier und lachte. Sie schenkten sich Whisky ein. Alberto wollte nur sein Bier, Pablito seufze vor Behagen mit seinem Glas Whisky in der Hand.

„Das Glas kannst du aber sehen Frufru,“ meinte Franzisco.

„ Don Canuto ist schon was, hier mitten auf dem Meer mit einem Glas Whisky, nicht aus Pappe, nicht aus Plastik, aus Glas und Chivas Regal zwölf Jahre. So lohnt es zu leben“, pflichtete Sami bei.

Pablitos Leine raste los, sie wurde ihm regelrecht aus der Hand gerissen. Die Spule wollte auch gleich über Bord, doch Sami erwischte sie im letzten Augenblick. Pablito hatte sein Glas Whisky nicht verschütten wollen. Die Leine spulte sich weiter in den Abgrund ab. «Para lo, Para lo», schrie Pablito. Sami griff mit seiner behandschuhten Hand an die Leine und zwickte sie ein. Der Zug war zu stark, er musste wieder loslassen.

« Nochmals, nochmals, sonst ist bald die ganze Leine weg,» warf Canuto ein. Jetzt griff Pablito nochmals ein, vereint zogen sie an der Strippe. Nichts zu machen, Pablitos Finger brannten schon und Samis Handschuhe bekamen eine Kerbe und dann war auch schon die Aluminiumspule über Bord.

«Bicho, que era eso (Wahnsinn, was war das)?» fragte Pablito erstaunt. «Das muss ziemlich gross gewesen sein,» meinte Franzisco.

Jetzt ging es auch bei ihm los. Diesmal war er vorbereitet und mit Lederhandschuhen, seinen eigenen eröffnete er den Kampf. Der dauerte  eine gute halbe Stunde, das Boot wurde immer wieder mitgezogen. Zum Schluss zogen sie einen grossen Mero aufs Boot, der wog mindestens zwanzig Kilos.

  «Vamos pa casa,» meinte Pablito. (Last uns nach Haus gehen) «Si esta bueno (ja es ist gut so)», die anderen.

«Aber wenn der Musiu hier bleiben möchte, er kann ja hier bleiben,»

«Nein, nein ich komme schon mit,» gab ihm Sami zurück.

Alberto begann den Aussebordmotor anzuwerfen. Man musste mit aller Wucht an dieser Schnur ziehen. Es dauerte vier Versuche Albertos und drei Pablitos bis er endlich ansprang. Jetzt ging es gegen die Strömung mit aller Kraft voraus. Wieder klatschte das Boot nach jeder erklommenen Welle hinunter. Der Wind blies den Sprühregen auf die Passagiere. Canuto holte eine Windjacke für sich und eine zweite für Franzisco aus seiner Tasche. Die anderen begannen zu Zittern, Sami mit eingeschlossen, trotzdem sie mitten in den Tropen waren, hatten sie kalt. Alle waren froh als sie endlich in die schützende Bucht einbogen. Sie zogen das Boot an Land. Pablito begann sofort mit dem Ausnehmen der Fische. Alberto und Sami holten mit dem Pickup eine Kühltruhe voller Eis vom Haus. Pablito packte den Tunfisch bein Schwanz, bedankte sich und sagte :» Bis später».

Er verschwand in der Dunkelheit so wie er gekommen war. Die Truhe mit den Fischen wurden dem Pickup aufgeladen, sowie das Boot. Dann ging es zurück zum Haus. Die Kühltruhe wurde mit ins Haus genommen. Das Gatter vorne abgesperrt. Man trank noch einen Whisky zur Belohnung. Vor Tagesanbruch hatte sich jeder auf einer der Betten geworfen. Einjeder zog die weissen Bettlaken über den Kopf, wegen der Sturzflüge der blutgierigen Stechmücken.