14. Chichiriviche

Sami wachte langsam auf. Er hörte in der Ferne - Stimmen, träumte er? Sami öffnete seine Augen. Er lag schweissgebadet, breitbeinig auf einem Doppelbett. Er guckte nach rechts. Durch horizontale Luken, zwischen grünen metallenen Einrahmungen der milchigen dicken Gläsern, sah er grüne Blätter, nichts als grüne Blätter. Die Mittagshitze hatte schon begonnen. Er schaute auf seine Armbanduhr. Es war elf. Selbst den Stechmücken war es zu heiss. Von draussen her, vom Hauptzimmer hörte er Stimmen. Was die sind schon auf, schoss es ihm durch den Kopf. Die schlafen nie. Vor Neugierde gepackt, rappelte er sich hoch. Ausserdem wollte er Don Canuto einen Deal anbieten. Er wollte eine Zeit hier unten in dessen Haus bleiben, er würde ihm dafür sein Auto geben, er bräuchte es nicht mehr. Er würde sich hier um alles hier kümmern. Er wollte so zwei bis drei Wochen hier bleiben, Ferien machen. Er habe schon seit drei Jahren keine Ferien mehr gehabt. Don Canuto könne ja nein dazu sagen, dann würde er ihm anbieten eine Miete zu bezahlen. Er stand auf, ging ins Badezimmer. Er stellte sich unter die Dusche. Das lauwarme Wasser war herrlich, richtig kühl. Dieser Augenblick, wo tausende von Wasserperlen seinen Körper mit neuer Energie aufluden, das spezielle Licht vom Meereshimmel kommend, durch das Fenster zwischen den Blättern hindurchblinzelte, erfüllten ihn ein neues Glücksgefühl. Er wollte die Zeit anhalten, er wollte seine ganzen Probleme mit dem Wasser weggewaschen können. Er konnte nicht ewig unter dem Wasserstrahl bleiben. Selbst Steine würden mit der Zeit weggespült werden, oder zumindest abgetragen werden. Wie hiess es noch steter Tropfen hölt den Stein. Kann man das Wasser hier trinken? In Caracas hatte es immer ein Geschmack nach Chlor. Viele Venezolaner hatten noch diese alten natürlichen Filter in der Küche oder im Wohnzimmer stehen. Sie sahen wie riesiger Sanduhren aus, deren Verstrebungen aus dunkelbraunen oder rotbraunem Holz waren. Sie hielten eine Art Trichter aus Holz in welchem ein poröser Stein lag. Oben hatte er eine Mulde. Diese wurde mit tröpfelndem Wasser gefüllt. Unten fing ein Topf reines Wasser auf.

«Franzisco, das Wasser hier, kann man das trinken?» rief Sami, der immer noch unter der Dusche stand.

Die Stimmen waren verstummt. Dann schrie Franzisco: «Was Wasser, bist du verrückt willst du sterben!»

Als die im Wohnzimmer nichts mehr hörten, nur wie plötzlich das Wasser abgestellt wurde, fuhr er weiter: « Wasser trinken? Canuto hier hat nie in seinem Leben hier Wasser getrunken. Er musste es immer mit Alkohol desinfizieren. Ja ganz speziellen Alkohol, er lässt ihn von Schottland kommen.“ Wieder war Gelächter zu hören als Sami sich abtrocknete.

«Willst du Kaffee, dann komm her und hol dir frischgemachten Kaffe,» forderte ihn Canuto auf. Sami trocknete sich fertig ab und schaute in den Spiegel.

«Scheisse», zischte es aus ihm heraus.

Er hatte ganz vergessen, dass er seine Augenbrauen gefärbt hatte. Gut, dass er noch Tinktur gekauft hatte. Er huschte rasch in sein Schlafzimmer, fand sofort das was er suchte, huschte zurück ins Badezimmer und färbte seine Härchen ein.

Als er endlich nach vorne ins Wohnzimmer kam, war keiner mehr da. Er trat hinaus. Da sassen sie unter dem Vordach und parlaberten. Pablito war mit seinem Bruder Justo gekommen. Er war etwas kleiner und drahtiger doch wieselflink. Franzisko lag in seiner Hängematte, sie tranken Rum mit Cola. Eine grosse Flasche  «Cacique» stand auf dem Tisch. Es kamen noch weitere Männer und Frauen hinzu um Canuto und Franzisco begrüssen. Sie blieben eine Weile, tranken oder tranken nicht, fragten nach der Familie, erzählten von sich. Immer wieder tauchten Kinder auf mit grossen Augen auf. Die Colaflasche hatte ein besondere Anziehungskraft auf sie und die kleinen Eiswürfel noch mehr. Alberto verteilte ab und zu einen. Wollte einer der viele streunenden Hunde in den Hof kommen, wurde er weggejagt. Falls er zu langsam war, wurde mit einem fliegenden Stein nachgeholfen. Sie rannten dann jaulend fort.

Sami wurde als Frufru vorgestellt, aus Deutschland. Julia die Nachbarin mit sieben Kinder von sieben verschiedenen Männern, die auf das Haus von Canuto aufpasste, brachte Arepas, dazu geriebnen salzigen weissen Käse. Avocados gab es auf dem Grundstück und Don Canuto holte ein paar Konservendosen mit «Diablito» aus seiner magischen weiss, jetzt grauen Ledertasche. Diablito wurde von vielen Venezolanern geliebt, es war «Cornedbeef». Auf der Büchse prangerte ein schwarzes Teufelchen mit langem Schwanz und einem Schnurrbart a la Dali. Besonders gern wurde der salzige Kàse hineigemischt. Sami scheckte das Teufelchen überhaupt nicht. Nachdem alle gegessen hatten. Machten sie sich bereit, hinauf nach Caracas zu fahren.

Sami wollte kurz etwas mit Don Canuto besprechen. Er wolle Ferien in Chichiriviche machen, ob er in dessen Haus bleiben könne.

Natürlich könne er bleiben, so lange, er wolle, bezahlen bräuchte er nicht. Als Canuto Samis  unsicheren Blick auffing, klopfte er ihm auf die Schultern: „ Es ist mir eine Ehre dich in meinem Haus zu haben, jemand aus Deutschland,der hier auf mein Haus aufpasst.»

Sami bedankte sich fast zu überschwenglich. 

«Wegen des Autos, mach dir mal keine Sorgen, wir holen es raus, es braucht halt nun mal seine Zeit.»

Sie kehrten zu den anderen zurück, die sie natürlich neugierig anschauten.

«Frufru bleibt hier und macht Ferien, er findet Chichiriviche so schön», gab Don Canuto bekannt.

«Ok, bevor wir nach Caracas zurück fahren, sollten wir «Aguas Calientes» (heisse Wasser) besuchen. Das müssen wir Frufru zeigen.“ schlug Franzisco vor.

"Frufru zeigen, du magst doch eher lieber selber dort baden," hänselte ihn Don Canuto.

"Ich bin sicher, er hat so etwas noch nie gesehen," fügte Franzisco hinzu. Er liess sich einfach nicht aus der Ruhe bringen.

Die Autos wurden beladen, einschliesslich mit der Kühltruhe mit Fisch. Die Getränke liess man Sami zurück, ausser dem Whisky, oder was noch davon übrig war. Sami kletterte zu Pablito hinauf auf die Ladefläche des Pickups. Das Haus wurde abgeschlossen, es ging los durch die obere Furt den Fluss entlang, den Berg hinauf. Nach vier Minuten schlug Pablito auf die Kabine. Alberto hielt an.

«Was ist los?» rief Alberto.

Pablito zeigte hinauf auf die Spitze der Baumkronen: « eine Iguana».

Wirklich dort oben auf ungefähr fünfzig Meter Höhe, war eine achtzig Zentimeter lange Iguana zu erkennen. Der Jeep hatte auch angehalten, alle stiegen aus. Sie starrten das Tier an, das so tat, als sei es nicht da. Franzisco forderte Pablito auf er solle doch das Tier herunterschiessen. Dieser nahm einen Stein vom Boden auf. Er warf ihn auf das Tier und traf es fast. Es bewegte sich nicht. Er wollte einen zweiten auflesen, doch Sami hielt ihn davon ab. Er griff ihn an den Arm: «Lass es doch leben, es hat dir nichts getan».

« Mir nicht, aber das Fleisch ist gut», erwiderte Pablito ungeduldig.

Pablito blickte auf Canuto, der abwinkte. Alberto sagte: «Frufru der Retter der Iguanas, wieso magst Iguana besonders».

«Ich nicht, ich habe noch nie so eine grosse Iguana gesehen, warum töten?»

« Weisst du was Pablito vor zwei Wochen am Sonntag gemacht hat?» gab Alberto bekannt. Auch am Sonntag, so gegen elf Uhr hörten wir Schüsse. Wir sind losgefahren um zu sehen was los war. Da sahen wir eine Gruppe von jungen Leuten aus Caracas mit drei Autos. Sie hatte eine Pistole. Sie versuchten gleich hier eine Iguana herunterzuschiessen. Anscheinend mögen die Iguana «La Florida» wegen der Blätter. Wir hielten an. Wir fragten warum sie so herumschiessen. Sie zeigten hoch hinauf auf einen der Bäume. Ein zweiter zückte eine weiter Pistole. Er ballerte drauf los ohne die Iguana zu treffen.

Da sagte Pablito: «Aha, das ist alles?» Er nahm einen Stein zielte kurz, schoss und traf die Iguana gleich beim ersten Mal. Sie fiel herunter durchs Gebüsch auf den Boden des Regenwaldes. Er rannte zur Stelle hin wo sie heruntergefallen war. Die anderen trauten ihren Augen nicht mehr. Sie wollten ihm das Tier abkaufen. Er sagte das sei sein Abendessen und stieg auf den Pickup. Da kommt so ein Negrito daher nimmt einen Stein und trifft sofort. » Alberto schate triuphiernd in die Runde, als ob er selber das Tier erledigt habe.

Pablito kicherte voller stolz, besonders, dass er denen die Iguana nicht verkauft hatte, erfüllte ihn mit Genugtuung. Den erstaunten Ausdruck ihrer Gesichter, das war alles wert.

Sie fuhren weiter bis zu einer offenen Stelle ohne Bäume. Das war das sogenannte das „Baseballfeld“. Sie stiegen zum Fluss hinunter. Sami entdeckte einen mit Steinen eingedeichten Tümpel im Fluss, welcher zemlich schnell weiterströmte. In dessen Mitte ragte ein Eisenrohr hervor. Aus der handgrossen Öffnung quoll heisses Wasser heraus, es dampfte leicht. Es roch  nach faulen Eiern.

« Schwefel, das ist Schwefel. Eine Gruppe Ingenieure hatte mal hier gebohrt, ich weiss nicht was sie gesucht hatten. Als das heisse Wasser herauskam, zogen sie wieder ab,» erklärte Franzisco.

Sie gingen in Badehosen gkleidet zum Fluss, setzten oder legten sich ins heisse Wasser. Wenn es zu heiss wurde, setzten sie sich ins Flusswasser, tranken Whisky und vergassen alle Probleme, alle Sorge, alle Verpflichtungen. Sie zeigten Sami wie heiss, das Wasser aus der Röhre sprudelte. Man könne damit kochen. «Eier kann man damit kochen,» bemerkte Canuto.

«Welche Eier?» fragte Pablito.

«Deine Eier», sagte trocken Franzisko.Sie wuschen sich im kühleren Wasser des Flusses.     «Pass auf dass dir kein Krebs eines deiner gekochten Eier abzwickt», rief Alberto Sami zu. Die Sonne trocknete ihre Körper. Canuto gab Sami die Schlüssel, die Autos fuhren ab, Sami und Pablito gingen zu Fuss zurück, zu Don Canutos Haus in „Las Monjas“. So hiess der Teil des Dorfes.

„Warum heisst es so, Las Monjas? Waren einmal Nonnen dort?“ fragte Sami.

„Keine Ahnung, es heisst einfach so“.

„Hier gibt es bestimmt einen Laden,“ fragte Sami.

„Ja der ist am anderen Ende der Bucht, dort wo die grosse Strasse runterkommt,“ antwortete Pablito.

„Welche Strasse?“

„Die direkt von der Küste kommt, Las Salians, Oricao, du hast doch in der Nacht die Lichter gesehen.“

„Ah ja stimmt. Kann da man alles einkaufen?“

„Alles was du willst, « en la casa de Kull » (im Haus von Kurt). Sein Vater ist vor vielen Jahren hierher gekommen, noch bevor ich geboren wurde. Seine Frau war Venezolanerin. Sie hatten dort ein Haus gebaut und einen Laden aufgemacht. Sie hatten ihren Sohn Kull genannt , wie der Vater, das ist ein deutscher Name. Sie hatten sonst keine Kinder mehr“

„Nicht Kull, Kurt – Pablito mit t“

„Genau Kull, das sag ich ja.“

„Ok,ok.“

„ Vom Laden geht eine kleine Strasse zur Küste. Dort befindet sich der Posten der „Guardia Nacional“( Nationalgarde, eine Armeesektion die polizeiliche Funktionen übernommen hat).“

„Aha, dann kann uns ja nichts passieren, wenn die aufpassen,“ meinte Sami.

Pablito grinste übers ganze Gesicht. „Ich gehe jetzt nach Haus, sonst bringt mich meine Frau noch um, wenn ich den ganzen Sonntag wegbleibe.“

„Du hast eine Familie?“

„ Ja zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, die Tochter ist älter. Ich bringe sie morgen mit, wenn ich vorbeikomme.“

Sami ging zum Laden. Kurt sah wie ein Schwabe aus, mit einer langen Nase, einer äusserst langen Nase, verscmitzt blinzelden , blauen Äugelchen, schwer gebaut, sein Haare aber waren schwarz. Sami unterhielt sich mit ihm. Einer der Soldaten kam ins Geschäft. Er leitete den Posten. Sie waren meistens zu zweit, oder zu höchstens zu dritt. Hier passiere ja nichts. Nur manchmal gab es Streitereien im Dorf, dann würden die Männer betrunken mit Macheten auf einander losgehen.

„Was mit Macheten, einfach so. Hat es denn Tote gegeben?“

„Ja  schon und Verletzte. Dann werden sie eingesperrt und nach Maiquetia gebracht. Ja so ist es bei uns hier.“

„Was ihr habt ein Gefängnis hier?“

„Ja natürlich und eine Funkstation. Enrique ist mein Name und stehe ihnen zur Verfügung. Wie gefällt Ihnen Chichiriviche ?“

„Toll, ich bin mit Don Canuto befreundet und mit ihm hierher gekommen. Ich mache hier Ferien ich benütze sein Haus,“ sagte Sami.

Enrique schaute ihn prüfend an.

"Ich bleibe hier zwei Wochen, ich bin Tourist, dann fliege zurück nach Deutschland .“

Sami offerierte ihm ein kühles Bier, das Enrique mit Entzücken entgegennahm. „ Wie ist Ihr Name?“ fragte Enrique.

„Fritz Klein, die hier nennen mich Frufru, wegen Frankfurt“, antwortete Sami.

„Also Frufru, wieso, was ist Franfur?“

„Frankfurt, die Würtschen, die Würtschen doch Fankfurter,“ posaunte Kurt von hinter Theke aus und hatte plötzlich einen amerikanischen Akzent.

Unteroffizier Enrique nickte nachdenklich und sagte: „Sag Don Canuto, wenn er mal Zeit habe, soll er vorbeikommen.“

„ Der ist schon wieder fort mit Franzisco und Alberto, sie kommen nächstes Wochenende“

„ Er soll endlich sein Boot registrieren. Er kommt seit Jahren hierher und sein Boot ist immer noch nicht registriert.“

Sami schaute auf den Boden und kratzte mit den Füssen den nicht vorhandenen Staub weg.

„Also, wann kommt ihr essen?“ fragte Kurt.

„Um sieben, wie immer, wieso gibt es was besonderes?“.

„Keine Ahnung, ich muss Sonja fragen. Sonja,“ rief er, „Sonja, kochst du heute was besonderes für die Soldaten?“

„Was denn, wieso,“ tönte eine weibliche Stimme von hinten heraus.

Sie kam nach vorne. „Wieso was ist los heute, hat jemand Geburtstag?“

„Nein, aber heute ist Sonntag,“ meinte Unteroffizier Enrique.

„Was, ist das eine neue Gepflogenheit? Hat das Ihnen dieser junge Herr beigebracht?“ meinte sie und zeigte auf Sami.

„Nein, ich habe damit nichts zu tun, ich bin nur Tourist aus Deutschland. Aber in Deutschland isst am Sonntag die Familie den Sonntagsbraten. “

„Ok, es gibt Braten mit Reis und gebratenen Bananchips, wie in Deutschland,“ sagte sie und verschwand schnurrstracks wieder nach hinten.

„ Es hat mich gefreut Sie kennen gelernt zu haben,“ sagte Sami, schüttelte beiden Männern die Hände, nahm seinen Einkauf mit Frankfurter Würstchen, Tomaten, Mayonese Chips und kühles Bier. Er ging hinter den Strandhäuser die Erdstrasse entlang unter den riesigen Kaobabäumen, die mit ihren Säulen ein grünes Blätterdach hielten, hindurch durch das ohrenbetäubende Zigallen- und Grillenkonzert. Nicht nur, dass die Hitze alleine einen schläfrigen Einfluss auf seinen Körper hatte, aber die Anwesenheit eines Polizeiarmeeposten gefiel ihm gar nicht. So war er plötzlich wieder angespannt. Er war kurz zusammengeschreckt, als hätte er was zu verbergen. Hoffentlich hat der Soldat nichts gemerkt. Sein Schweiss rann in Bächen hinunter. Er durchquerte den Fluss. Die Füsse im kühlendem Wasser brachten seine Lebensgeister zurück. Er legte die Plastiktüte kurz ans Ufer. Er setzte sich ins Wasser, das ihn kühl umstreichelte. Plötzlich hörte er Gekicher vom Ufer her. Dort standen drei kleine Kinder.

Die Plastiktüte mit Inhalt lag noch am selben Ort, unberührt. Es stand auf, nahm sie auf. Er ging weiter zu Canutos Haus, dabei hinterliess er eine nasse Spur auf der Erden.

Er öffnete das Gatter, dann das Haus, stellte die Tüte in den Kühlschrank, nahm eine Hängematte, hing sie unter dem Vordach auf, wie Franzisco es getan hätte, nahm ein Bier, schloss das Tor, legte sich in die Hängematte und trank. Als gerade so schön beim Eindösen war, bekam er Besuch. Eine der beliebten Stechmücken surrte am rechten Ohr vorbei.

Er kämpfte sich hoch, fiel fast von der Hängematte, holte sein Leintuch vom Bett, legte sich wieder auf sein Schaukelbett und deckte sich zu. Natürlich schwitzte er unter dem weisssen Leintuch, aber das war besser als das Jucken der Mückenplage.

Wie gross ist die Bevölkerung von dem Dorf hier? Wenn ich die Hälfte der Leute hier überzeuge, jeden Tag mindestsens zehn von diesen Plagegeistern zu töten, könnten es, sagen wir mal 200 mal 10, das heisst 2000 Mücken täglich weniger sein. Das sind in der Woche 14000  weniger und im Monat 56000 weniger. Ich muss unbedingt mit Pablito darüber reden. Dieser Enrique gefällt mir gar nicht. Ich muss aufpassen, vielleicht sollte ich doch nur eine Woche bleiben. Aber im Augenblick ist alles in Ordnung, wer denkt denn schon, dass ein Schweizer Terrorist sich hier mitten zwischen Venezolanern versteckt. Er schlummerte ein, benebelt von der Hitze, dem Bier und der Müdigkeit.

Er schlief die ganze Nacht draussen unter dem Vordach. Er wachte früh auf. Er hörte Gekicher, er blickte auf das Tor. Es war leicht aufgestossen. Ein streunender Hunde stand wedeln dahinter. Der kann doch nicht kichern, Sami musste lächeln. Es zupfte an seiner Hängematte. Als er sich umdrehte rannte ein vierjähriges Mädchen weg. Es versteckte sich hinter der Hausecke. Jetzt lachten sogar zwei oder drei Kinder. Er schaute auf die Haustür, die war zu. In der Tasche von den Schorts war der Schlüssel. Alles in Ordnung, er stand auf. Als er mit den Füssen auf dem Boden aufkam, guckten zwei Köpfe um die Ecke. Er machte eine Grimasse und knurrte wie ein wildes Tier. Die beiden Köpfe verschwanden wieder. Dann rannte das kleinere weinend zum Tor. Das andere folgte ihr.

„Wartet, wartet es war nur ein Spass, ein Spiel, wollt ihr eine Cola?“ Das ältere blieb stehen, drehte sich langsam um und blickte ihn seitlich an.

Sie rief ihrem kleineren Bruder zu: „ Cailla te ( Sei still), komm her.“ Das ander blieb schluchzend stehen und drehte sich nicht um. Sami ging ins Haus holte ein Dose Cola aus dem Kühlschrank. Das Mädchen stand immer noch in der Mitte des Hofes, das andere Kind hatte sich an seine Schwester geklammert.

„Hier ist die Cola,“sagte Sami.

Die Kinder rührten sich nicht. Sami schaute sie an.

„Hier ich stelle die Cola auf den Tisch und gehe in Haus, wenn ich wieder rauskomme, muss die Cola verschwunden sein.“ Er ging ins Haus

Zur Toilette. Er hörte zuerst gar nichts, dann plötzlich Getrample, dann wie das Tor zugeschlagen wurde.

Er duschte sich und sah wie die Haartinktur das Wasser schwarz färbte. Er entschied sich hier die Haare nicht zu färben, die langsam nachwuchsen. Er musste nur aufpassen er sollte es vermeiden dem Unteroffizier Enrique, und seinen Soldaten zu begegnen. Erst am Wochenende, wenn die Leute von Caracas kommen, wird er die Tinktur wieder anwenden. So dauert sie länger, er kann sie ja nicht jeden Tag benützen. Hier gibt es bestimmte keine, wer von denen hier färbt schon seine Haare schwarz.

Als er herauskam um zum Strand zu gehen, waren die beiden Kinder wieder da. Sie standen im Mitten vom Hof. Sie blickten ihn mit grossen Augen an.

„Hallo, ich heisse Frufru, wie heisst du?“

„Nancy.“

„Und dein Bruder, das ist doch dein Bruder, oder?“

„Doch, doch, Chino.“

„Aha, wollt ihr auf die Hängematte?“

Nancy schaute ihn jetzt wirklich erstaunt an.

„ Warum ist dein Haar so kurz?“

„Ich bin Deutscher, am Morgen ist es kurz, in der Nacht lang.“

Nancy lachte auf und Chino mit ihr. Sie ging zur Hängematte, half iherm Bruder hinein, schob einen Stuhl heran, stieg auf den Stuhl und plumpste hinein.

Dann fingen sie an zu schaukeln. Sami half ihnen dabei, er stiess sie immer wieder an, sie lachten quitschvergnügt.

„Hast du noch Brüder und Schwestern Nancy?“

Nancy nickte: „Hortencia, Moses, Obdulia, Carlitos, ich und der Chino.“

„ Und die sind alle älter als du, nein der Chino nicht?“ sie schaute Sami vorwurfsvoll an.

„Ist schon gut, ist ja klar, nicht war Chino?“ Chino grinste übers ganze Gesicht und nickte. Dann stiess er sie leicht an. Sie beugte sich zu ihm und er flüsterte ihr ins Ohr.

„Was hat er gesagt?“ fragte Sami.

„Nichts,“antwortete Nancy.

„Nichts, aber ich habe doch gehört, dasss er dir was gesagt hat.“

Da wollte Chino selber reden, sie aber schlug ihn leicht, damit er nichts sagen würde. Er wollte schon wieder losheulen.

„Okey, er möchte noch eine Cola haben.“

„Noch eine Cola habe ich nicht, aber ein Stückchen Eis kann ich euch geben. Ist das in Ordnung?“

Beide Kinder nickten. Sami ging ins Haus, nahm zwei Eisstückchen aus dem Kühlschrank. Sie nahmen sie in Empfang und bgannen soffort an ihnen zu lutschen. Manchmal bissen sie sogar ein etwas davon ab.

„Ich gehen zum Strand.“ Sami nahm sein Handtuch mit.

Die Kinder rannten nach Haus. Er schloss Haustür und Tor ab. Plötzlich hing eine kleine braune Hand in seiner weissen. Als er bei Julias Haus vorbeikamen, stand sie beim Eingang unter dem Vordach:“ Guten Tag Senor, ich sehe Sie passen auf meine Kinder auf. Ich habe Euch gesagt, ihr sollt ihn nicht stören. Entschuldigen Sie vielmals, es wird nicht wieder vorkommen.“

„Ist schon gut, sie haben mich gar nicht gestört, ich wollte sowieso aufstehen.“

„Haben Sie schon gefrühstückt?“

„Nein, ich bin gar nicht hungrig, vielen Dank.“

„Einen Augenblick, ohne Kaffee können Sie hier nicht vorbeigehen.“ Sie verschwand wieder im Haus, die Kinder mit ihr. In der Ecke unnter dem Vordach sass auf einem Rollstuhl zusammengenkickt ein junger Mann. Seine beiden beiden Beinstummeln waren irgendwie gefaltet und eine Hand hatte nur drei Finger. Sein Gesicht leuchtete voller Lebensfreude, sogar leicht belustigt, im Gegensatz zu seiner Kondition.

„Setzten sie sich doch hin, hier ist Platz genug ich heisse Moses,“ sagte er in einer warmen und sanften Stimme, seine Zähne leuchteten schneeweiss.

„ Man nennt mich hier Frufru, ich heisse Fritz, Fritz Klein.“

„Ich heisse Moses Majora, alle heissen hier Majora.“ Er klaubte mit seinen drei Fingern aus ein hellblaues Zigarettenpäckhen aus seinen Jeans. Er bot eine Zigarette Sami an.

„Nein Danke, ich rauche nicht mehr.“

Moses zündetete sich die Zigarette mit einem Feuerzeug mit seiner guten Hand an. Er zog genüsslich daran und als er den Rauch aus dem Mund stiess, zog er ihn durch die Nasenlöcher wieder ein. Sami hatte sich an den Tisch gesetzt. Julia kam mit einer Tasse Kaffe heraus und „Conservas de Coco“ auf Orangenblättern. Das waren von einer Kokosnuss geraspelte und mit Rohrzucker gekochte, zwiebelgrosse, braune Häufchen. Da sie auf Orangenblättern lagen, nahmen sie noch ihren Gruch auf und leicht den Geschmack. Sie stellte beides vor Sami auf den Tisch und wartete verheissungsvoll.

Er trank und lobte den Kaffee und die „Conservas de Coco“, das sei das erste Mal in seinem Leben, dass er sie esse.

Julia lachte leicht auf. Mit tiefer Stimme antwortete sie: „Hier essen wir sie jeden Tag. Er kann von jetzt an, sie jeden Tag essen. Es ist langsam Zeit, dass er hier vorbeikommt um sie kennen zu lernen, nicht wahr Moses?“

Moses nickte und wackelt mit dem Kopf, seine beiden Zahnreichen strahlten wie Elfenbein.

Er bleibe hier ein bisschen bei Don Canuto. Ja Pablito habe ihr schon erzählt. Sie würde ihm gern das Essen kochen, er bräuchte es ihr nur sagen.

„ Vielen Dank für das Angebot, manchmal werde ich für mich selber kochen, aber ich werde es Ihnen auf alle Fälle sagen.“

„ Ich muss immer für viele kochen, auf einen Mund mehr oder weniger kommt es nicht darauf an.“

„ Auf einen Mund nicht, aber auf einen Bauch,“ sagte Sami. Moses platzte lachend heraus, er hustete, er verschluckte sich fast an der Zigarette. Julia lächelte: „Bauch oder keinen Bauch Sie sind herzlich eingeladen, Sie wissen, Mein Haus – Ihr Haus, und nennen Sie mich Julia, zu Ihren Diensten“.

„Ich heisse Fritz,“ sagte Sami.

„Was Friss?“ Julia schaute ihn ungläubig an.

„ Fritz ist ein deutscher Name, wie Kurt für Kull, der Ladenbesitzer, dort vorne.“

„Ja ich kenne ihn, ich koche für ihn.“

„Ich dachte seine Frau würde kochen.“

„Meistens koche ich, seine Frau hat immer Kopfweh, sie verträgt das Klima hier nicht, sie kommt aus den Anden, der Blutdruck und die Hitze, sagt sie.“

„Gut aber ich gehe nicht zu Kurt, um dort zu essen.“

„Nein, nein, natürlich nicht, hier bei uns ist es viel besser. Entschuldigung, wie heissen Sie wieder, deutsche Namen sind so schwierig.“

„Nenn ihn einfach Frufru, er ist Frufru, alle nennen ihn Frufru, Mutter,“ warf Moses ein.

„Ja, sag mir Frufru und wir sind per du.“

„Okey, Frufu, ich bin Julia,“ sagte sie, dabei reichte sie ihme ihre grosse, weiche Hand. Seine Hand verschwand fast in der ihrigen. Sie war mindestens so gross wie Sami, wenn nicht grösser. Sie hatte den doppelten Umfang, ihre Arme waren mächtig und stark. Sami fühlte sich wie eine Ameise neben ihr. Sie war gegen fünfundvierzig und hatte sechs Kinder, die sie hochbrachte, vielleicht hatte sie auch Totgeburten gehabt, oder welche, die früh gestorben waren.

Hortensia und Obdulia kamen langsam aus dem Haus. Beide stemmten Plastikörbe voller Wäsche gegen ihre Hüften. Sie tänzelten elegant vorbei und machten Sami schöne Augen.

„Wo habt Ihr die Seife?“ rief Julia ihnen nach. Beide kicherten. Obdula setzte ihren Korb auf den Boden und rannte ins Haus.

„Diese Mädchen keinen Kopf haben sie, gehen waschen ohne Seife, gut, dass er angenäht ist, der Kopf,“ dabei schüttelte Julia den ihrigen.

„Ich zahle natürlich für das Essen, aber ich sage dir wann.“

„Kommt nicht in Frage, ich brauche nichts von Dir, du bist eingeladen.“ 

Obdulia tänzelte wieder vorbei, jetzt mit der Seife in der Hand.

„Komm beeil dich, ich warte schon die ganze Zeit,“ rief ihr Hortensia entgegen.

„Was stell dich nicht so an, musst du denn ein Flugzeug nehmen?“ gab ihr Obdula zurück, dabei drehte sie ihren Kopf kurz um und warf Sami einen feurigen Blick zu.

Hortensia war schon losgegangen. Sie hatte ihren Korb auf den Kopf gestellt und schritt elegant weiter, ihre Schwester tat das gleiche, sie folgte Hortensia.

„Doch, doch kommt nicht in Frage, Geschäft ist Geschäft klare Rechnungen bewahren die Freundschaft.“

„Alles klar, du zahlst mir was du willst, wann du willst, aber nur weil du es so willst,“ willigte Obulia ein.

Sami schaute kurz auf Moses, der wieder grinste.

„Leider hat er Kinderlähmung bekommen als er vier war. Aber er hilft mit viel, besonders mit den Mädchen, sie hören auf ihn.“

„Wie ist es in Deutschland, stimmt es, dass es dort so kalt ist, stimmt es dass es dort Schnee gibt, Schnee ist so wie Eis, oder?“ fragte Moses.

„Ja das stimmt sagte Sami, du möchtest bestimmt auch mal fliegen?“

„ Oh ja,“ sagte Moses, er rollte mit seinen Augen, als ob er schon um den Erball fliegen würde.

„Ich gehe jetzt zum Strand. Nochmals vielen Dank für den Kaffee und die Conservas.“

„Nichts zu danken,“ sagte Julia, Moses nickte.

Sami ging los, er konnte nicht verstehen, dass ein Mensch mit so einem Gebrechen so glücklich sein konnte. Er kam am Fluss vorbei, da waren die beiden jungen Frauen etwa 17 und 18 Jahre alt. Sie standen im Wasser vorübergebeugt und wuschen die Kleider. Auf den Steinen lagen farbige Häufchen, die entweder schon mit Seife gewaschen waren, oder noch gewaschen werden oder geschlagen werden mussten. Auch dazu dienten die Steine.

Natürlich hatten sie gemerkt, dass er vorbeigegangen waren, doch so getan als sähen sie ihn nicht.

Palmenwedel raschelten in der Meeresbrise. Er setzte sich an den Strand auf sein Badetuch, zog die Shorts, aus mit den Schlüsseln, schaute kurz ob jemand da war. Es war niemand am Strand, er hatte die ganze Bucht für sich allein. Auch in den Häusern am Strand schien niemand zu sein.

Er tauchte ins Meer,schwamm nach herzenslust und spielte mit den Wellen. Als er wieder herauskam legte er sich auf das Badetuch. Die Sonne trocknete ihn im nu. Er schaute den Fregattvögeln zu, den Pellikanen, die in einer Reihe hintereinader flogen. Es kamen Jungens vorbei, die in den Felsen fischen gingen. Es tauchte Obdula auf, die vorbeischländerte. Sami begann sich zu langweilen. Es war wunderschön hier, aber was soll er schon machen, er hatte keine Bücher dabei, daran hatte er nicht gedacht.

Pablito erschien. „Komm los , wir gehen den Berg hoch, ich habe dort mein Konuko und hole „Juka“( Mandioka), „Platanos“ (Kochbananen), Avocados, Orangen, „Fruta de Pan“ (Brotfrucht).

„Vamonos (gehen wir),“ sagte Sami.

Er wunderte sich wie sie das alles transportieren werden, mit Maultieren warscheinlich. Er hatte sich getäuscht. Dort weiter hinten bei den Häusern, stand ein alter roter Willy - Jeep wie einer aus dem zweiten Weltkrieg. Das war Pablitos Jeep. Den hätte sein Vater vor Jahren von Amerikanern abgekauft. Die waren eine zeitlang hier geblieben und wussten nicht mehr was sie damit machen sollten. Da sein Vater nicht fahren konnte, hat er ihn ihm gegeben. Sie setzten sich auf dieses Ross mit vier Rädern. Sami musste sich festhalten. Pablitos Fahrweise war zumindest ungestüm.

La Florida, Santo Domingo, Aguas Calientes, das Baseballfeld flogen vorbei. Irgendwann zweigte er ab in eine kleine Erdstrasse, die man kaum sehen konnte, sie war von riesigen Blättern versteckt gewesen. Dann gind es ziemlich direkt den Berg hoch, ohne Kurven. Der Jeep schaffte es spielend. Pablito hielt an. Sie waren oben auf einer Lichtung angekommen. In der Ferne sah er das Meer.