16. Las Monjas, das Fest

Als er bei Julia vorbeigehen wollte, pfiff Moses von seinem Stuhl aus. Sein Mutter kam heraus. Sie lud Sami ein, sich an den Tisch zu setzen. Er konnte einfach nicht ablehnen. Sie brachte ihm Hühnersuppe mit schwimmenden Kochbananen und sonst noch Knollen, die er nicht kannte. Sie hatte sie mit Silandroblätter (Koreander) gewürzt, die ihr einen starken Geschmack gaben. Auf dem Tisch stand noch eine Mischung aus dunklem Pfeffer, Salz und gemahlenem Gewürz, welches „Adobe“ genannt wurde. Das galt als das "normale Salz", das hier verwendet wurde.

Als er gerade beim Essen war, und den zweiten Suppenlöffel in sich hineingeschüttet hatte, kam ein Militärjeep vorbei. Er hielt vor Julias Haus an. Sami bekam einen Schreck, liess sich aber nichts anmerken, ausserv dass er husten musste. Einer der Soldaten mit Pistole am Halfter sprang behend heraus. Er grüsste fröhlich: „Sie sind also der berühmte Frufru von dem das ganze Dorf spricht. Mein Name ist Ivan. Guten Tag“. Er nahm einen Stuhl an der Lehne. Er setzte sich, als wolle er gleich wieder mit seinem neuen Gaul davonreiten. Der Jeep keuchte ein bisschen, sprang an und verschwand mit seinem Fahrer.

Hortensia erschien, fragte ihn, ob Ivan trinken wolle. Er lächelte zurück: „ Von dir würde ich alles annehmen.“

Sie war verlegen, drehte sich schnell um und verschwand im Haus. Wenn Blicke gehen könnten, wären sie ihr gefolgt.

„ Die Suppe schmeckt gut,“ sagte Sami.

„ Sicher, ich kenne sie, Julia kocht oft für uns.“

Ivan bot Moses eine Zigarette an, die Sami freudig akzeptierte. Hortensia kam mit einer Tasse Kaffe heraus. Sie stellte sie auf den Tisch. Er wollte die junge Frau ergreifen, sie entwand sich geschickt. Dann kam Julia heraus mit einem Teller Suppe für Ivan, der sich sofort auf das Essen stürzte.

Sami hatte fertig gegessen: „Es hat mich sehr gefreut, deine Bekanntschaft zu machen Ivan.“ Sami bot ihm die Hand an. Ivan stoppte mit einem Schlürfgeräusch den Lauf des Suppenlöffels, schaute Sami kurz an, nahm seine Hand schüttelte sie kurz und ass weiter, aus seinem emaillierten Blechteller. Sami rief vielen Dank ins Haus. Er ging langsam zu  Don Canutos Haus, öffnete das Tor,  verschloss es wieder und verschwand im Haus. Er ging ins Badezimmer. Er schaute sich im Spiegel an. „ Gut, dass er mich nicht vorher mit schwarzen Augenbrauen gesehen hatte,“ sagte er zu seinem Spiegelbild. Dies beruhigte ihn wieder. Dann goss er sich einen Whisky aus Canutos Flasche. Er hatte ihm eine volle Flasche dagelassen, für die Ferien, hatte er gesagt bevor sie zu den heissen Quellen aufgebrochen waren. Er setzte sich auf einen Stuhl im Wohnzimmer.

Es war nachmittags, was sollte er jetzt machen. Er schaute sich um, ob er irgendwo einen Orangenpresser finden würde. Ja wirklich unten in  einem der Schränke in der Küche fand er einen. Er nahm einige und drückte sie aus, um eine Karafe mit Orangensaft zu füllen. Damit ging er wieder zur Julia hinüber. Ivan war Gottseidank fort. Er rief nach Julia. Sie kam raus mit dem Chino an ihrer Brust.

„Hast du Gläser?“

Julia schaute auf den Krug und dann auf Sami.

„Hortensia, bring ein paar Gläser, der Musiu braucht welche.“

Sie kam rausgestampft. Stellte sie auf den Tisch und ging wütend zum Fluss. Sami schenkte Julia und Moses, der herausgerollt kam, Saft ein. Sie begannen zu trinken. Julia rief nach kleinen Kindern, um ihnen etwas von ihrem Glas zu geben. Sami insistierte, sie soll austrinken, es gäbe genügend für alle.

„Was war denn mit Hortencia los?"

" Ach nichts, Mädchengeschichten,“ antwortete Julia.

„ Weisst du Julia, am Samstag kommen die Leute von Caracas, da können wir Orangensaft machen und ihn verkaufen..“

„ Wir verkaufen schon Empanadas und Konservas de Koko am Strand, wie soll das denn gehen?“

„Ganz einfach, ich habe doch den Sack mit Orangen gekauft. Den hast du doch gesehen, oder?"

"Ja den du Kull verkauft hast."

"Nein den nicht, ich habe noch einen gekauft."

"Jaa?"

Den zweiten bringen wir zum Strand beim Fluss in den Schatten. Wir stellen auch einen kleinen Tisch auf und Moses und ich können die Orangen frisch ausdrücken, wenn die Klienten es verlangen.“

„Denkst du denn, dass sie zu dir kommen werden, wie wissen sie denn das?“

„Vielleicht manche, andere nicht, wie verkauft ihr die Konservas und Empanadas?“

„Carlitos und Obdulia gehen am Strand entlang und bieten sie an.“

" Und Hortensia?"

"Die macht das nie."

"Aha."

"Ihr Vater war Spanier, die macht das nie," fügte Moses schnell hinzu. Seine Mutter warf ihm kurz einen Blick zu, der ihn hätte versteinern sollen. Moses lächelte wie ein Budah.

„Genau so, dann bieten sie halt auch den Orangensaft an, frisch gepressten Orangensaft, der wird weggehen wie heisse Kartoffeln.“

„ Wie transportieren sie ihn?“

„ In einer diesen grossen Kaffekannen, die wie Thermos sind, wenn sie leer ist, wird eine neue geholt, wir brauchen mindestens zwei. Sie können auch erklären wo wir sind, Moses und ich.“ Mses nickte beistmmend.

„Wir brauchen dazu noch Eis und Orangenpresser. Ich habe nur einen.“

„Okey, also gut, wie ist das mit dem Verdienst?“

„Fifty, fifty,“ sagte Sami.

Sie dachte kurz nach: „Okey, gemacht.“

Sie verschwand wieder im Haus. Es standen zwei Mangobäume am Haus, aber es war wirklich kochend heiss unter dem Wellblechdach.

Sami nahm eine seiner Cigarillos aus der Hemdtasche. Er bot sie Moses an, der sie mit grossen Augen ablehnte. So etwas rauche er nicht, ihm genügen seine Zigaretten. Ivan habe ihm welche dagelassen.

„Hast du Feuer?“

Moses rückte mit seinem Feuerzeug raus. Er reichte es ihm. Sami zündete seine Zigarillo an und die Zigarette die in Moses Mund steckte.

„Nun was war den mit deiner Schwester los?“

„Sie denkt sie ist viel zu fein.“

„Wieso?“

„Meine Mutter will nicht, dass sie sich mit Ivan abgibt, der immer wegen ihr hierherkommt.“

„Wieso?“

„ Die Soldaten machen immer das gleiche, sie verlieben sich in ein Mädchen von uns, machen ihr ein Kind und verschwinden. Dann stehen sie da und ihre Müttern müssen sich um die Kleinen kümmern. Kein Soldat heiratet eine von uns. Das ist halt einmal so.“

„Wohin ist sie jetzt gestürmt?“

„Keine Ahnung, sie trifft sich wahrscheinlich mit Ivan beim Fluss.“

„Morgen ist ein Fest im Dorf, kommst du auch?“

„Der Fluss!“ sagte Moses und zeigte auf seinen Rollstuhl.

„Okey, ich werde sehen was wir machen können.“

Sami stand auf. Er ging wieder an den Strand. Er tauchte in die kühlenden Fluten. Die Wellen waren jetzt stärker, besonders an dieser Seite der Bucht kamen sie direckt herein. Wieder bereute er nichts zum lesen mit sich zu haben. Weiter links standen drei Jungens in den Felsen. Sie fischten mit Geschicklichkeit mit ihren Aluminiumrollen in den Händen. Sie warfen die Nylonfäden in die Weite, indem sie sie mit einem kleinem Köder, Haken und Bleikugel über ihren Köpfen im Kreis surren liesen, wie die Cowboys mit ihren Seilen. Die Bucht war an dieser Stelle tiefer. Sie fingen ab und zu einen Fisch, den sie dann, nach dem Totschlagen, in einen roten Plastikeimer warfen.

Ah ja ich brauche auch eine dieser kleinen Kühltruhen aus Steropur für den Orangensaft am Samstag, fiel Sami ein. Seit seinem Treffen mit dem Unteroffizier Enrique, vermied er es daran zu denken Er scheute sich in die Nähe des Polizeiposten zu kommen. Er überwand seine Abneigung, schaute in seiner Shorthosentasche nach wieviel Geld er dabei hatte und strollte den Strand entlang, bis zur kleinen Strasse, am Posten vorbei zur „Casa de Kull“. Dort wurde er überschwenglich bedient, er kaufte sich auch etwas Bier, doch wollte er sich nicht auf ein Gespräch einlassen, da ja unverhofft einer der Soldaten auftauchen könnte. Ah jah, fast hätte er es vergessen, eine Taschenlampe, eine Taschenlampe und Batterien dazu.

Als er bei Julia vorbeikam, war das Vordach voller Menschen. Zuerst dachte er es sei etwas passiert. Er näherte sich und spähte über die Rücken, die spielten Bingo. Sie luden ihn ein er solle mitmachen. Als Setzsteine wurden schwarze Bohnen benützt. Jeder kam mal dran mit dem Lesen. Für jeden Karton musste man eine kleine Summe zu einem Topf hinzufügen. Als die Reihe mit dem Lesen an ihn kam, kugelten sich alle vor Lachen, wegen seiner Aussprache. Er machte einige Runden mit, so lernte er viele kennen. Dann ging er zu Canutos Haus, schlief zuerst auf der Hängematte ein, um später in sein Zimmer hinüberzusiedeln aus Sicherheitsgründen.

das Fest

Am nächsten Morgen bediente ihn Hortensia, die mit ihm sprechen wollte, aber nicht wusste was sie sagen sollte. Er trank in Ruhe seinen Kaffee. Er wusste auch nicht worüber er mit ihr reden sollte.

Nach seinem schon zur Gewohnheit gewordenem Gang zum Strand, machte er sich fein für das Fest. Er nahm eine Flasche Rhum und eine Flasche Cola mit. Die grosse Colaflasche war war eisgekühlt. Der Eisblock in der Kühltruhe war mittlerweile ziemlich geschmolzen.

Er hatte gerade das Tor abgeschlossen, als ihn Pablito mit dem Jeep abholte.

Oben im Haus von Pablitos Mutter angekommen, lagen 12 feingerollte Zigarillos für ihn bereit auf dem Tisch bereit. Von der terasse aus, sahen sie wie die Prozession, mit den auf tragbaren befestigten Statuetten der Dorfheiligen, von der Kirche her bis zu ihnen heraufkam. 

Über den kleinen Bach springen, die Böschung heraufklettern, das war wohl zu schwierig. Der in seinem weissgoldenem Mantel eingehüllte schwitzende, spanische Priester tauchte seinen Wedel in den Behälter mit dem heiligen Wasser, von einem Chorknaben getragen, und besprühte den Berg  mit den Häusern soweit er konnte. Weit kam er nicht, nicht einmal zum ersten Haus mit seinen Tropfen, aber die Geste war wie die eines Propheten. Sie drehten sie sich um. Sie begannen den „Abstieg“. Sie tänzelten, sangen, spielten Quatro (eine vierseitige kleine Gitarre), eine kleine Handtrommel, die unter den Ellbogen geklemmt wird, war auch dabei, sowie Maracas. Es klang sehr schön und rythmisch rafiniert. Die Lieder waren dieselben jedes Jahr, seit die Sklaven Christen geworden waren.

Sami und Pablito folgten der Prozession. Alle sangen, alle tänzelten im Rythmus des Gesanges, des Quatros, der Maracas und der kleinen Trommel. Sami wurde angesteckt. 

Sie kamen an der Kirche vorbei. Dort verweilte der Umzug. Man tänzelte auf der Stelle, Weihrauch wurde hin und hergeschwenkt. Die Intensität der Musik stieg. Es ging weiter das ganze Dorf entlang bis zum Ausgang.

Die Prozession ging weiter bis zur „Casa de Kull“. Das war eine längere Strecke. Die Heiligenträger wurden immer wieder ausgewechselt. Der Liederreichtum und die Passion mit welcher sie gesungen wurden, machten das alles möglich. Der Posten der Guardia Nacional wurde natürlich nicht vergessen, die Häuser der Leute aus Caracas auch nicht. Das ganze Dorfes machte mit. Durch den Fluss wurde gewatet, die „Monchas“ hoch eingeweiht, durch die nächste Furt ging es weiter und Sami dachte schon, man würde noch bis zum Baseballfeld gehen.

Doch gingen, nein besser, tanzten sie zurück zum Dorf hoch, bis zur Kirche, auch in die Kirche, um dort die Heiligen, aufgereiht neben den Altar zu stellen. Am Samstag gäbe es eine zweite Prozession, danach würden die Heiligen wieder zurück auf ihre Sockel getragen dort wohin sie gehörten.

Während der Prozession wurde getrunken. Es wurden Plastikbecher offeriert, gefüllt mit, entweder Anisschnaps mit Zitronensaft, oder Cuba Libre für die Männer, oder Limonade für die Frauen und Kinder. Sami war so mitten drin. Er spedierte Ruhm. Auf alle Fälle hatte er das Gefühl ein Teil von ihnen zu sein. Das war die beste Tarnung, stellte er zufrieden fest. Es war Spätnachmittag, er wollte zurück zu Canutos Haus, um sich auszuruhen, er war geschafft.

Pablito fragte ihn, wo er denn hingehen wolle, er sei bei ihm eingeladen. Seine Mutter hätte etwas zu essen gemacht. Wieder konnte er nicht ablehnen, das wäre eine Beleidgung gewesen. So quälte er sich Wohl oder Übel hoch, um unter dem Vordach mit Sicht auf das Dorf, zu Abend zu essen.

Trommeln wurden herausgeholt. Sie lagen aufgereiht auf dem grossen Platz vor der Kirche. Palmwädel wurden herangebracht und angezündet. Die Trommeln waren drei ausgehöhlte Baumstämme verschiedener Grössen, an deren einem Ende ein Fell aufgespannt war. Dieses galt nun mit der Hitze des Feuers stärker zu spannen, bis die richtige Tonhöhe erklang. Die kleinste ertönte am hellsten. Nach ungefähr einer halben Stunden waren alle drei gestimmt. Sie wurden vor dem alten Lagerhaus plaziert. Vorne beim Fell sass rittlings je ein junger Mann. Jeder schlug seinen Rythmus im Einklang mit den beiden anderen. Hinter ihnen sassen je drei weitere auf den Trommeln und schlugen mit je zwei Stöcken auf das Holz. Einer hatte einen dünnen Bambusstamm mit Rillen, welchen mit einem Metallkamm rauf und runter rieb. Er entlockte ein Geräusch, ähnlich wie das der Zykladen entlockte. 

Das ganze Dorf strömte auf den Platz. Es wurden Kreise gebildet. Je ein Paar tanzte in einem der Kreise. Die Herumstehenden klatschten im Rythmus. Der Mann versuchte der Frau nahe zu kommen, sie versuchte ihm zu entwischen oder ihn zu Fall zu bringen. 

Passte er nicht auf, dann sprang plötzlich ein anderer Tänzer zwischen die beiden. Die Paare wechselten die ganze Zeit. Wurde eine Frau müde, löste sie eine andere Tänzerin ab, oder sie ging einfach weg. Dann schloss sich dieser Kreis. Die Bewegungen und der Rythmus waren wild und schön zugleich. Auch die Musiker wechselten sich ab.

Alle tanzten, natürlich die Jungen Leute mehr. An der Seite tanzten die Kinder, jeglichen Alters. Irgendwann hatte es Sami satt. Getanzt hatte er nicht. Er konnte es ja nicht, er fühlte sich steif wie ein Besenstiel. Er schlenderte hinunter zum Fluss. Das kühlende Nass tat seinen Füssen gut. Die Trommeln dröhnten weiter. Im Haus legte er sich auf sein Bett und schlief sofort ein.