17. Guaraguaro

Am Donnerstag in der früh ging er ans Meer. Er entschied sich den Felsen entlang an der Küste weiterzuklettern. Er fühlte sich ganz frei und ganz alleine auf dieser Welt. Wenn jetzt ihm etwas passieren würde, kein Hahn würde nach ihm krähen. In Venezuela verschollen, würde es heissen, hiess es ja eigentlich schon. Er fühlte sich voller Kraft und Ruhe, gar nicht verzweifelt. Er war sicher, er werde es irgendwie schaffen dem System hier zu entwischen. Die Natur hier war schön, wild ungestüm, jede Sekunde waren seine Sinne, seine Wahrnehmungen gedankenfrei. Er kletterte den Felsen entlang bis er müde wurde. Die Sonne brannte auf seinen Kopf und durch das T-Shirt. Bei einer kleinen Bucht, auf einer flachen Steinfläche kniend, steckte er seinen Kopf ins erfrischende Meerwasser. Dabei musste er aufpassen nicht von den Wellen mitgenommen zu werden. Er kletterte wieder zurück. Am Strand angelangt, sprang er in die Brandung. Dann suchte er den Schatten und schlenderte schliesslich zurück zum Haus.

Dort angekommen rochen einige Orangen verfault. Natürlich in der Hitze faulen sie schneller, daran hatte er gar nicht gedacht. Er schüttete den Sack aus und sortierte sie aus. Es waren Gottseidank wenige schlecht geworden. Hinten bei der Küche stand ein grosses Regal aus Holz. Nachdem er sie gewaschen hatte legte er sie fein säuberlich in die Fächer. Das sah toll aus. In Europa liest man Bücher, hier Orangen, dachte er sich, oder hatte er es ausgesprochen? Er stutzte kurz. Sein Kopf brummte von den Sonnestrahlen. Ich muss mir unbedingt einen Strohhut kaufen. Er ging zur Casa de Kull, kaufte sich dort einen, der ihm passte und Rhum und Cola. Er verwickelte sich in kein Gespräch, aus Angst einer der Soldaten könne auftauchen. Er eilte zurück ins Haus.

Julia  wollte ihm zu essen geben, als er vorbeieilte. Er wolle nichts, er habe Kopfschmerzen. Er legte sich in seine Hängematte, schloss die Augen in der Hoffnung, er könne das Kopfweh wegschlafen. Die Hitze ging ihm auf die Nerven, die summenden Plagegeister, die Vogelspinnen, die manchmal im Haus herumliefen, die Ameisen, die kleine  Strassen durch den Hof zogen und auf die man nicht treten durfte, wollte man nicht gebissen werden. Er sehnte sich zum ersten Mal, seit er in den Tropen war, nach der kühlen, reinen Bergluft. Er stellte  sich vor, er würde sie einatmen. Dann war er eingeschlafen.

Am nächsten Morge stand Pablito am Gatter, seine Rufe hatten ihn geweckt. Er hatte wieder die ganze Nacht in der Hängematte geschlafen. Das Bettlaken und die Kleider waren nass.

Er kletterte aus der Hänegmatte, liess Pablito herein. Er bot ihm einen Kaffee an. Pablito lehnte ab. Er hätte schon gefrühstückt, er wäre gekommen um ihm etwas tolles zu zeigen, er solle sich beeilen. Was habe er denn gestern auf den Felsen gesucht?

Ach nichts er habe nur die Gegnd kennen lernen wollen.

„ Ihr Europäer seid komisch. Du hättest zumindest das Fischzeug mitnehmen sollen. Aber jetzt zeige ich dir etwas, das hast du noch nie gesehen. Ich gehe zur Julia, die macht dir Kaffee. Ah du die Orangen, was machst du denn mit denen?“

„Orangensaft, Moses und ich werden ihn am Wochenende am Strand verkaufen.“

Pablito nickte nachdenklich  mit dem Kopf. „Ok. Also ich warte auf dich bei Julia.“

Nach der Dusche, in der er seine Shorts und sein T-Shirt wusch, unter der sich pudelwohl gefühlt hatte, ging er frischen Mutes hinüber zur Nachbarin. Dort stand der rote Jeep unter dem Flamboiantbaum rechts vor dem Haus, der seine rote Blütenpracht zu entfalten begann.

Sie waren in einer angeregten Unterhaltung verwickelt, als Sami erschien, verstummten sie. Sie schauten ihn mit grossen Augen an. Julia servierte ihm sofort Kaffee, zwei warme Arepas (Maisbrötchen), mit Käse und einem Spiegelei. Er nahm dankend an. Er hatte seit gestern nichts gegessen.

Dann fuhren sie hinauf aufs Dorf. Sami wollte wissen, was er ihm den zeigen wolle?

„Du wirst schon sehen“, antwortete Pablito.

Sie gingen weiter hoch nach rechts das Bächlein hoch. Da sah Sami Frauen Wäsche waschen. Ja wirklich, der Bach hatte etwas weiter oben rechts einen Teich  geformt. Die Frauen und Mädchen begrüssten  die beiden. Sie riefen ihnen Dinge nach, die Sami nicht verstand als sie vorbeigingen.

Der Teich war es also nicht, dachte sich Sami. Sie gingen weiter die Böschung hoch. Pablito schlug von Zeit zu Zeit einen Zweig ab, der in den kleinen ausgestampften Fussweg hineinragte. Nach einer halben Stunde bei forschen Gehen blieb Sami stehen. Nach ein paar Meter drehte Pablito sich um: „Was ist los, hat dich eine Schlange gebissen?“

„Nein von Schlangen nehme ich nur Äpfel an und nur die ungiftigen.“

„Was sagst du,“ fragte Pablito, er hielt die Machete bereit, um zuzuschlagen, falls irgend etwas los sei,„ Ich verstehe dich nicht, was meinst du?“

Sami wurde es kurz mulmig in den Knochen: „Nichts es war nur so ein Spruch, von der Bibel und so.“

„Aha, ich verstehe Bibel und Schlange, gut dann gehen wir weiter.“

„Ich gehe nicht weiter bis du mir sagst, wohin du mich führst.“

„Das ist eine Überaschung.“    

„Deine Überaschungen kenne ich schon, zum Schluss ende ich als Esel.“

Pablito grinste: „Nein diesmal bist du kein Esel, aber der Esel hat jetzt Orangen, mit denen der Esel ein Geschäft aufmacht.“

„Wirst du mir jetzt sagen wohin wir gehen oder nicht? Ich mache keinen Schritt weiter, wenn du mir nicht sagst wohin es geht.“

„Ist schon gut, ist schon gut, also gut wir gehen zum goldenen Wasser. Du wirst sehen dort ist das Wasser Gold.“

„Das gibt es nicht“

„Doch, doch, ich schwöre es dir. Du wirst es sehen“

„Gut, dann gehen wir halt weiter.“

Es ging noch weitere zwanzig Minuten den Berg hinauf, immer dem Bach nach. "Also Pablito macht mich wirklich fit für die Weltmeisterschaft", keuchte Sami in sich hinein.

„Das ist es,“  Pablito zeigte durch die Blätter hindurch auf eine Stelle unteralb eines etwa acht Meter hohen Felsen. Sie näherten sich dem Ort. Da war wirklich ein wie aus Stein gehauenes, rechteckiges Becken, zehn Meter lang und etwa fünf Meter breit. Es war vollgefüllt mit klarem Wasser, auf dem Grund lagen Blätter. Durch die grauen Farbe der Steine, oder durch die Farbe der welken Blätter spiegelte sich das Wasser im Licht welches durch den Blätterwald über ihnen hindurchströmte, goldig. Es lag eine feierliche Stimmung über der ganzen Szene.

„Habe ich es dir nicht gesagt, das Wasser ist hier wie Gold“.

Sami nickte. Pablito entledigte sich seine Hemdes und seiner Jeans und stieg vorsichtig ins Wasser. Sami tat es ihm nach. Man konnte schwimmen. Es war tief genug. Es war kühl, so muss ein Jungbrunnen ausgesehen haben. Beide Männer lauschten in die Stille, sie lagen im Wasser, sie schienen unantastbar. Nach einer Weile zogen sie sich wieder an. Der Weg zurück war als ob sie, schwebten. Sami bedankte sich bei Pablito, dass er ihm das gezeigt hatte. Als sie beim Haus von Pablitos Mutter waren, die  Sami natürlich besuchen musste, wo natürlich zehn weitere Zigarillos bereit lagen die Sami nicht annehmen wollte, er habe die anderen noch nicht fertiggeraucht, er sie  trotzdem annahm, um nicht jemanden zu verletzen, sagte Pablito zu Sami, er solle einen Augenblick warten, er habe etwas für ihn, er müsse nur kurz zu sich nach Haus.

Er kam mit einem weiteren Orangenpresser zurück, einer mit einem Hebel. So dieser würde besser gehen. Wenn das Geschäft läuft, dann würden sie noch viele Säcke holen, meinte er.

Pablito liess es sich nicht nehmen, ihn wieder hinunter zu Don Canutos Haus zu fahren.