18. Die Flucht

Als Don Canuto, Franzisco und Alberto zurück in Caracas waren, hatten sie viel zu berichten. Die Fische wurden bewundert, sie wurden ausgefragt wie sich der „Musiu“ (Frufru) verhalten hätte, wo er denn jetzt sei, usw. Nur Don Canutos Frau Mercedes war unglücklich wieder so viel Fisch zu Hause zu haben. Fisch, immer Fisch, wohin soll sie ihn denn tun? Franziscos Frau war glücklich, denn sie hatten viele Mäuler zu stopfen. Die meisten Töchter waren noch nicht ausgeflogen. Nur die Zweitälteste hatte sich einen reichen Onkel geangelt, der doppelt so alt war wie sie.

Am Montagmorgen rief Canuto wieder bei der Polizei an, um sich nach  Samis Volkswagen zu erkundigen. Ohne Papiere sei nichts zu machen. Die seien doch im Auto, erklärte Canuto.

„Wie kann man denn nur die Papiere im Auto lassen, wenn man parkiert? Da hat man doch keinen Beweis und jeder kann dann kommen und das Auto einfach mitnehmen. Der Besitzer sei selber Schuld, wenn sein Auto wegkommt. Wie heisst er denn wieder?“

„Frtzkln.“

„Was, Entschuligung. Ich habe Sie nicht verstanden, Können Sie bitte  wiederholen?“

„Frln, so ungefähr, er ist ein „Musiu“ ein Deutscher, die deutschen Namen sind so kompliziert.“

„Ein Deutscher, aha, ohne Namen, ohne Papiere, wo ist denn dieser „Musiu“, warum holt er den Wagen nicht selber“.

„Weil es unser Fehler war, den Wagen auf der anderen Strassenseite zu parkieren, bevor sie die Strassenränder gelb angemalt hatten.“

„ Wer hat die Strassenränder gelb angemalt?“

„Ihr doch, das war eine neue Verordnung vom Präfekten.“

„Warum habt Ihr denn das Auto parkiert und nicht der Musiu selber?“

„Er hatte den Wagen zur Reparatur gebracht, weil sein Auspuff kaputt war. Er war dann hinten in der Werkstatt. Wir hatten ihm einen Kaffee angeboten, als es geschah.“

„Sagen Sie dem Musiu ohne Namen, er soll doch gefälligst selber kommen, um das Auto zu holen, er hat ja den Schlüssel, damit kann er es öffnen und uns die Papiere zeigen.“

„Kann er nicht,“ widersprach Canuto.

„Was?“ eine Pause.

„Kann er nicht, er ist nicht da.“

„Was meinen Sie, er ist nicht da, er ist vielleicht nicht da bei Ihnen, oder ist er nicht in Caracas?“

„Aha, ja das stimmt, woher wissen Sie das?“

„Sie haben doch gesagt, er sei nicht da.“

„Stimmt.“

„Wo ist er denn, wenn er nicht da ist?“

„Was weiss ich, wo er ist, vielleicht am Strand.“

„Haben Sie denn keine Adresse von ihm?“

„Nein wieso, wenn ich von jedem Klienten seine Adresse hätte, müsste ich ein zweites Lokal mieten, nur um sie aufzubewaren und eine neue Sekretärin dazu. Wir reparieren Auspuffe, das ist alles. Die Leute kommen, machen Lärm und gehen in Stille wieder fort.“

„Okey, es freut mich wenn Euer Geschäft blüht, aber der Musiu hat Ihnen das Auto überlassen, dann wäre es normal, wenn Sie wissen, wo er ist, oder?“

„Was normal ist, was nicht normal ist, das ist relativ, das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. Die Tatsache ist, er hat mir den Schlüssel überlassen, er hat mir gesagt, er würde wieder kommen, um das Auto zu holen, er würde wieder kommen, er sei bei Freunden eingeladen am Strand. Die Küste von unserem Land ist gross, ich weiss nicht wo er ist.“

„Okey, gut, wenn er wiederkommt, dann melden Sie sich wieder bei mir, mein Name ist Rafael Suarez, dann werden wir sehen, was wir machen können.“

„Entschuldigung, aber kann man wirklich nichts machen, um das Auto  zuvor zu haben?

„Nein ohne Papiere, da geht nichts!“

„Aber die Papiere sind im Auto und ich habe die Schlüssel, ich brauch nur zu kommen, ich öffne das Auto, ich hole die Papiere aus der Reisetasche, ich gebe Ihnen die Papiere, ich bezahle die Busse, sie geben mir die Papiere zurück, ich nehme das Auto mit und wenn der Musiu kommt, kann er alles wieder haben und er bezahlt mir die Reparatur seines Auspuffes.“

„Ich muss meinen Chef fragen, aber ich denke ohne Papiere, da geht nichts.“

„Also gut, fragen Sie Ihren Chef, ich warte.“

„Mein Chef ist jetzt nicht da, ich rufe Sie zurück, er sei am Strand, ihr Musiu?“

„Ja, meine Telefonnumer ist 054 89 43 60, Aufwiedersehen.“

„Aufwiedersehen, ich rufe Sie zurück.“

Canuto war verärgert: „ Die Polizei, alles müssen sie kompliziert machen, in Wirklichkeit möchte sie nur mehr Geld herausschinden,“ sagte er zu Alberto, der neben ihm stand. Autos wurden auf die Hebebühne gefahren, Auspuffe angeschweisst und die Fische von Canuto persönlich zubereitet.

Rafael Suarez ging wirklich zu seinem Chef. Er schilderte ihm den Fall. Dieser fand es etwas merkwürdig, dass der Musiu einfach an den Strand gegangen ist, ohne sich um sein Auto zu kümmern. Beim Eingang hing ein Plakat mit dem Bild von Sami. Der Schweizer Terrorist Samuel .....  ist gesucht, wenn Sie ihn sehen, sofort an der nächsten Polizeistation melden. Als der Chef zum Mittagessen gehen wollte sah, er es wieder, da machte es leicht klick bei ihm. Vielleicht war das der Musiu, der gesucht wird. Er ging zurück und rief das Zentralarchiv an, um herauszufinden, ob ein Auto auf den Namen Samis regestriert war. Natürlich dauerte es einen ganzen Nachmittag und einen nächsten Morgen bis er endlich eine Nachricht erhielt. Ja, es war positiv, Sami hatte ein Auto, einen grünen Volswagen auf seinen Namen. Doch hatte zuvor die Verbindung mit dem Terroristen gemacht.

Er strich den Stoff seines Hemdes, seiner Uniform auf seinem Bäuchlein glatt. Dann ergriff er den Hörer, glättete seinen Schnurrbart und wählte die Nummer der Petechota (PJ), der Kriminalpolizei. Er informierte sie, dass er vielleicht eine Piste zum Terroristen gefunden habe. Als der Kommisar am nächsten Tag kam, wurde das Auto aufgebrochen und die Tasche herausgeholt. Natürlich war der Kraftfahrschein Samis in der Tasche, schmutzige Wäsche, saubere Kleider, Haarfarbmittel in einem Etuie für Toilettartikel. Ja das ist der Terrorist, die Autopapiere und dazu noch die schwarze Tinktur, für einen jungen Mann, verdächtig, sehr verdächtig. Sergeant Raphael Suarez wurde gerufen. Der Kommisar wollte wissen, wie der Mann hiess, der ihn angerufen hatte. Er gab ihm die Telefonnummer Don Canutos und dass er in Catia eine Werkstatt hätte.

Kommisar Benitez entschied Canutos Werkstatt überwachen zu lassen. Wenn er gewusst hätte wieviel Personen und wann bei Canuto ein - und ausgingen, dann hätte er  sich es bestimmt überlegt. Eine ganze Polizeistation von Detektiven hätte er gebraucht. Als er  sich am ersten Abend den Bericht seiner beiden Detektiven anhörte, begann sein Gehirn zu rauchen.  Alles schien ihm suspekt, aber nichts war haltbar. All die Klienten, die ihre Autos brachten, daliessen, abholten oder von anderen abholen liessen, die welche sich nur einen Kostenvoranschlag geben liessen, die Freunde, die ein und ausgingen und manchmal Stunden hinten in der Werkstatt blieben. Das Essen, das gekocht wurde und der Strasse einen speziellen Geruch gab, all das war sehr interessant, aber nichts führte zu einer Spur zum Terroristen. Aber vielleicht waren das alles nur Ablenkungsmanöver um eine grössere Organisation zu verstecken. Wenn dann wäre es sehr geschickt gemacht. Er malte sich schon die Ordensmedaillen aus und seine Promotion, wenn er diesen gefährliche Terroristen gefangen nehmen würde und sogar noch eine Terrororganisation entdecken würde. Dieser Terrorist, der einen ganzen Flughafen lahmlegen konnte, aus einer Gefangenschaft entkommen konnte, der sich illegal in Venezuela befand, vielleicht war er kein Schweizer, sondern hatte sich nur einen Pass besorgt, ihn zu fangen, das wäre toll.

Schnell hatten die Leute um die Werkstatt herum bemerkt, dass jemand sie überwachte. Als sie dann Canuto  berichteten, dass zwei Typen in der Kantine weiter oben, sich nach Frufru erkundigten, etwas mit seinem Auto sei nicht ganz in Ordnung, angeblich sei es gestohlen gewesen, gefiel ihm das gar nicht. Schlechte Erinnerungen wurden wach. Sie hatten vor dreissig Jahren den Sohn der Signora Maria, der Köchin, bei sich aufgenommen und ihn wie einen eignen Sohn aufgezogen. Sie war plötzlich da gestanden damals, sie war aus dem gleichen Dorf in den Anden, wie auch seine Frau. Die Signora Maria war mit ihrem Sohn in die Stadt nach Caracas gezogen. Dann hatte  ihr Mann, oder Partner, die beiden verlassen. Zurück zum Dorf konnte sie auch nicht mehr. So haben sie sie aufgenommen, sie wurden ein Teil der Familie. Ihr Sohn war intelligent gewesen und hatte es sogar bis auf die Universität in Caracas geschafft. Dann kam er mit politischen Rebellen in Kontakt, besonders, dass er von Indianer abstamme, machte dem Jungen zu schaffen. Eines Nachts, haben die Polizisten die Türe seines eigenen Hauses zerbrochen, die Fenster zerschlagen und den Sohn vor den Augen seiner Mutter erschossen. Er selber und seine Familie wurden in Ruhe gelassen, er hatte nichts politisches getan. Die Universität wurde damals geschlossen, die revoltierenden Stundenten hatten sich in den Park der Universität verschanzt. Sie wurden des nachts überwältigt, in Frachtflugzeuge gebracht und an die 500 von ihnen einfach über dem Meer hinausgeworfen. Die Flugzeuge wurden des menschlichen Gutes entladen. Dies geschah unter Calderas Präsidentschaft, der christlichen Partei Venezuelas. Die Bevölkerung revoltierte. Es wurde der Ausnahmezustand verhängt und Präsident Caldera machte eine Fernsehrede, die er mit: „Calma, pueblo, calma.....“ (Ruhe mein Volk, Ruhe) begann.

Seither wurde diese Redewendung gebraucht, wenn jemand in Venezuela nervös wurde. Nach einem halben Jahr war alles wieder im Lot und die allgemeine Korruption ging weiter. Es kam eine Bitterkeit in ihm auf, die er mit einem Glas Whisky hinunterspülte. Er rief Alberto zu sich, nach hinten in eine ruhige Ecke. Er soll nach Chichiriviche fahren und den Frufru wegbringen, einfach wegbringen. Er mochte nichts mit mehr ihm zu tun haben. Er soll aber aufpassen, das ihm niemand folgte, nein besser er nähme die Metro, um sich mit Franzisco zu treffen und mit ihm runterfahren. Sein Auto wäre zu auffällig. Ja er soll jetzt seine Arbeit seinlassen und losgehen, es eile, die Polzei suche den Frufru. Er wüsse nicht, was Frufru gemacht habe, angeblich sei sein Auto gestohlen.

Alberto wusch sich und zog sich schnell um. Er eilte zur Metrostation. Canuto hatte Franzisco vom Telefon des Koches der Kantine kurz angerufen, ihm die Situation geschildert. Franisco hatte sich sofort seiner beruflichen Tätigkeit entledigt. Er fuhr mit seinem Rangerover zum Treffpunkt in Caracas.

In diesem Menschengewimmel war es schwierig jemandem unbemerkt nachzugehen, da jeder daraufhin trainiert war, auf seine Siebensachen aufzupassen, das heisst nicht bestohlen oder überfallen zu werden, also sich die ganze Zeit umschaute. Alberto tat noch das seine hinzu, einen möglichen Verfolger zu verwirren, indem er einmal in die falsche Richtung einstieg, um nächste Station in anderer Richtung weiterzufahren. Es gefiel ihm einerseits wie in einem dieser Kriminalfilme zu sein, andererseits war er sehr beunruhigt, da er die Wilkür des Polizeiapparates kannte.

In Altamira kam er aus der U-Bahn, sah Franziscos Jeep an der abgemachten Stelle. Die Reise nach Chichiriviche verlief ohne jegliche Zwischfälle. Sie hatten die Autobahn hinunter zum Meer genommen. Sie kamen gegen neun Uhr in Chichirivichi, beim Haus Canutos, an. Sami war nicht da. Sie untersuchten Samis Sachen fanden keine Dokumente, einen Gürtel mit Geld und merkwürdigerweise Haarfärbemittel. Sie setzten sich unters Vordach zu Ruhm mit Cola, welches sie vorfanden, sprachen über den Musiu und wunderten sich, ob der vielen Orangen. Irgendwann wird er ja zurückkommen, er hat ja all seine Sachen hier. Alberto ging zu Julias Haus, sie waren gerade mit ihrem nächtlichen Bingo fertig geworden. Er erhielt sofort einen Kaffee. Er fragte beiläufig wie sich denn Frufru eingelebt habe. Fantastisch, er habe bei der ganzen Prozession  während der Woche mitgemacht. Er und Pablito seien dicke Freunde geworden. Sie seien jetzt mit einem Boot fischen gegangen, mit Justo und Pillin.

Albert kehrte zurück zu Franzisko und berichtete.

„Was denkst du, wie lange sie draussen bleiben werden? Sollen wir sie holen gehen?“ fragte Alberto.

Die Gaslampe fauchte ihr kaltes Licht auf die von den Schatten hartgeschnittenen Gesichter. Mosquitos wurden machten sich an die Arme und sämtliche unbeckten Körperstellen.

„Nein lass es bleiben, besser wir fallen nicht auf. Wir nehmen ihn nur mit und verschwinden.“

„Diese Haartinktur ist schon komisch, meinst du nicht?“

„Ja, also ein Deutscher mit schwarzen Haaren, gibt es das denn ? Wie man so sagt: in der Nacht sind alle Katzen grau.“

„Was meinst du damit..... du willst doch nicht sagen?“

„Kann möglich sein, oder warum färbt er sich die Haare schwarz, denk mal nach.“

„Vielleicht ist er eitel, oder homo, oder was weiss ich?“

„ Nein, nein das glaube ich nicht, ich glaube er versteckt sich, so wie die schwarzen Katzen in der Nacht.“

„Dann hat er doch das Auto gestohlen, wie die Polzisten das so gesagt hatten.“

„Kann möglich sein,“ Franzisko nickte nachdenklich.

„Aber er hat doch so viel Geld im Gürtel und Kreditkarten.“

„Was, hast du es schon gezählt Alberto, das war aber schnell.“

„Gezählt nicht, aber gesehen, der Gürtel ist voller Geld, sogar Hunderter Dollars.“

„Finger weg, du weisst nicht wo das herkommt, das gehört nicht dir.“

„Was meinst du? Geld hat kein Geruch, aber nein ich nach nur Witze, aber die Reperatur kann er ruhig bezahlen.“

„Für das Auto, das er angeblich gestohlen hat und wegen Euch bei der Polizei gelandet ist.“

„Ja genau, wenn er so viel Geld hat, warum stiehlt er ein Auto, das macht doch keinen Sinn. Er könnte sich eins mieten?“

„Was, du kannst es dir ja denken Alberto, mein Glückwunsch, vielleicht wird er gesucht, er hat keine Papiere mehr.“

„Okey, du magst recht haben, aber trotzdem da stimmt etwas nicht.“

“Alberto, Frufru mag vielleicht sympatisch sein, wir dürfen jedoch nicht mit ihm in Verbindung gebracht werden. Am Besten, er verschwindet, so wie er gekommen ist, sonst bekommen wir Probleme. Wir wissen nicht was er angestellt hat. Vielleicht hat er Drogen verkauft und jetzt suchen sie ihn. Wenn er nichts gemacht hat, dann ist er vielleicht schon tot, bis sie herausgefunden haben, dass er unschuldig ist und wir sind plötzlich auch angeklagt von etwas, bei dem wir nicht einmal wissen, was wir gemacht haben sollen. Also Finger weg vom Geld, wir bringen ihn weg und niemand weiss von nichts. Er habe am Strand Touristen kennen gelernt und sei mit ihnen mitgefahren. Er sei nur schnell vorbeigeommen, um seine Sachen zu holen. Abgemacht Alberto?“

„Abgemacht“

Franzisko warf sich auf seine Hängematte, die immer noch an der selben Stelle hing, an der er sie aufgehängt hatte. Alberto hing die seine auf und tat es Franziko gleich, doch zuvor schraubte er noch das Licht der Gasflasche auf ein Minimum hinunter. So schliefen sie ein, beim Warten auf Sami.

Es war schon gegen zwei Uhr als Sami kam. Er hatte sich eine kleine Taschenlampe bei „Casa de Kull“ gekauft. Pablito und Justo sind mit ihren Fischen direkt zu sich nach Hause ins Dorf hinaufgegangen. Pillin war auf dem Rückweg plötzlich verschwunden. Er machte leise das Gatter auf, es quitschte wie eine abgestochene Sau. Sie schliefen weiter. Er sah Franziscos Auto. Er wischte an Ihnen vorbei in sein Zimmer. Er sah, dass seine Sachen dursucht worden waren. Er zählte das Geld in seinem Gürtel. Es war noch vollständig. Er hätte ihn nicht in seiner Tasche lassen sollen. Er legte sich beunruhigt auf sein Bett, doch der Eindruck des Meeres in der Nacht kam wieder zurück, die unzähligen Sterne am Firmament, er fühlte sich glücklich und schlief ein.

Am frühen Morgen wurde, wurde er unsanft aus seinem Schlaf gerissen. Alberto rüttelte an Samis rechter Schulter. Er soll aufstehen, sich fertig machen, er müsse gehen. Warum, was sei los, wollte er wissen. Er hätte keine Zeit, er müsse sofort los.

„Du bist ja plötzlich blond Frufru,“ bemerkte Alberto, als er aus dem Zimmer ging. Als er angezogen war, stand auch schon der Kaffee bereit. In 15 Minuten waren sie bereit, um loszufahren. Sie stiegen in Franziscos Jeep, das heissst Alberto blieb draussen um das Tor abzuschliessen. Dann ging es los, die Bergstrasse hoch, bei den heissen Quellen vorbei.

„Wohin bringt ihr mich wieso , was ist los ?“ fragte Sami kleinlaut.

„Du musst hier weg,“ antwortete Franzisco, „ich weiss nicht was du angestellt hast, aber die Kriminalpolizei sucht dich und früher oder später tauchen sie hier auf. Ich möchte auf keinen Fall, dass die Familie von meinem Freund Canuto wegen dir Schwierigkeiten bekommt.“

„Klar ich verschwinde, aber bringt mich wohin, wo ich eine Zeit lang untertauchen kann, bis sich alles beruhigt hat.“

„Wieso, sollen wir dich wohin bringen, wo du dich verstecken kannst?  Wieso bist überhaupt mit uns nach Chichriviche gekommen. Du hast uns von Anfang an etwas vorgemacht. Du hast uns angelogen, du hast uns ausgenützt.“ Alberto war richtig sauer auf ihn.

Franzisco sagte: „Calma pueblo, calma, das nützt jetzt auch nichts, was geschehen ist, ist geschehen. Lasst uns lieber überlegen was am besten zu machen ist.“

„Ich bin doch nur mit Euch gekommen, weil ihr mich eingeladen habt und die Polizei mein Auto beschlagnahmt hat.“

Alberto wurde wieder wütend: „Dein Auto, dein Auto, der Volkswagen, war das dein Auto, oder hast du den Volswagen gestohlen, die Polizei sagt es. Wer bist du denn, hast denn überhaupt Papiere. Woher hast du das ganze Geld?“

„Okey, okey, ich bin nicht Frufru, ich habe das Auto nicht gestohlen, die Polizei sucht mich wegen etwas Anderem.“

„ Aha Drogen, besser du sagst gar nichts und verschwindest,“ sagte Franzisko und fuhr schneller.

„Nein, ich habe nichts mit Drogen zu tun. Ich hatte nie etwas Drogen zu tun. Ich arbeitete für eine Schweizer Versicherung hier in Caracas. Ich heisse Sami Linnert, ich bin Schweizer und nicht Deutscher.“

„ Und deine Grossmutter auch,“ sagte Alberto, der auf dem Hintersitz sass. Er berührte leicht Samis Schulter mit einer Hand. Sami schreckte zurück. Plötzlich bekam er es mit der Angst zu tun, vielleicht werden sie ihn irgendwo umbringen und dann sein Geld nehmen, die haben ja seine Sachen durchsucht. Das Geld haben sie vorher nicht genommen, damit er nicht misstrauisch werde und mitkommen würde. Er bekam Panik, er atmete tief durch, er sollte einfach bei einer Flussüberquerungen aus dem Auto springen und fortlaufen.

„Schau du hast uns schon einmal belogen, wieso sollen wir dir jetzt glauben.“ Sagte Franzisco, er fuhr wieder langsamer.

„Ich konnte nicht anders, ich bin unschuldig, das ist ein schreckliche Missverstädnis, ich habe gar nichts gemacht.“

„Du bist Schweizer, die Polzei sucht dich, bist du der Schweizer Terrorist vom Flughafen? Fragte Franzisko.

„Ja das bin ich, aber ich bin kein Terrorist, ich habe nie etwa Politisches gemacht, die Polizeibeamten hatten mich eingesperrt bevor ich das Flugzeug nehmen wollte, um Geld herauszupressen. Ganze 550$ wollten sie. Dann sind sie verschwunden und hatten mich alleine gelassen, Stunden, einen ganzen Tag, ohne zu trinken.“

Franzisko hielt den Wagen bei einer der Flussdurchquerungen an. Aus Sami sprudelte es nur so heraus wie das Petroleum aus den Ölquellen Venezuelas. Er war erleichtert endlich darüber sprechen zu können.

Als er zum Regen im Flughafen kam, fingen sie zu lachen an.

„Gut“, sagte Franzisco, „wir werden dir helfen, aber wenn du mal endlich wieder in der Schweiz bist, dann vergiss uns nicht. Warte einen Augenblick, keine Angst, wir bringen dich hier heraus. Ich muss jetzt pinkeln gehen“

Franzisco stieg aus und Alberto ihm nach. Beide fanden, dass der Fluss noch nicht genug Wasser führte. Sie richteten ihr gelben Strahlen auf das schnell fliessende Wasser.

Als sie fertig waren, Alberto wieder zum Auto zurück wollte, hielt ihn Franzisco zurück. „ Wir müssen so schnell wie möglich nach Chichiriviche zurück, denn falls die Petechota (Kriminalpolizei) kommt, müssen wir ihnen die Geschichte von den Freunden verkaufen. Vielleich kommt sie auch nicht, aber das Dorf muss es glauben, denn die Guardia Nacional kann gut nach Frufru fragen und misstrauisch werden.“

„Aha, und was sollen wir denn mit ihm machen?“ Alberto zeigte auf Sami im Wagen, der sie beobachtete.

„Kannst du dich nicht erinnern, Pablito hat uns vor einem Monat zu einem Ort mitgenommen, irgendwo hier oben mitten im Urwald, wo es viele Advokadobäume gibt, dort ist er dabei mit seinem Onkel eine Lehmhütte zu bauen. Dorthin bringen wir ihn, dort kann er eine Zeit lang bleiben. Pablito wird uns bestimmt helfen. Weisst du noch wie man dorthin kommt.“

„Sicher kein Problem, ok das machen wir.“

Sie kamen zurück, teilten Sami ihre Entscheidung mit. Sie sagten ihm, dass sie ihm eine Machete und eine Hängematte, sowie eine Decke und ein Feuerzeug hinterlassen würden. Die Flasche Ruhm und die Flasche Cola könnte er auch haben. In der Nacht könner er ja ein kleines Feuer machen, das halte die Pumas fern. Sie würden ihn morgen holen kommen. Bis dahin hätten sie eine Lösung gefunden.

Sie fuhren noch 10 Minuten weiter die Erdstrassse hoch, entlang des schlängelden Flusses als Alberto plötzlich links abbiegte. Das heisst, er fuhr den Jeep einfach durch Pflanzen, grosse, grüne Blätter. Etwas weiter vorn guckten schüchtern zwei parallele Erdspuren hervor. Diese Spuren führten, eine steile Böschung hoch, dann weiter den Bergrücken entlang. Das Dickicht des tropischen Regenwaldes war unüberschaubar. Sami wunderte sich wie Alberto so zielsicher seinen Weg fand. Die Strasse hörte auf auf. Es wurde ausgestiegen. Sami packte alles in seine Reisetasche. Es war kein Weg vorhanden. Alberto schritt mit seiner Machete in der Hand geradeaus weiter, von Zeit zu Zeit Zweige abhackend. Franzisko und Sami folgten ihm. Nach fünf Minuten ging es steil hoch. Nach zwanzig Minuten tauchte eine fast fertiggebaute Lehmhütte auf.

 

Sie verabschiedeten sich von Sami. Sie wünschten ihm Glück, sie müssten jetzt unbedingt Pablito sprechen, um ihn zu informieren. Sie würden ihn auch nicht in Stich lassen, sie würden ihn hier rausholen.

Sami setzte sich auf einen Baumstumpf, holte die Machete aus der Reisetache, den Whisky, nahm einen Schluck, wischte sich den Mund ab und betrachtete seine Unterkunft mit Misstrauen. Soweit war er schon runtergekommen, dass er sich hier versteckt halten musste. Gut, die Fenster hatten diese Holzverstrebungen, aber die Tür war nicht vorhanden. Wie soll er denn da eine Nacht verbringen, das war ja gefährlich. Gut, ich muss sie halt irgendwie verbarrikadieren. Holzstämme gibt es genug hier. "Hätte ich doch nur das Angebot angenommen und dem Grenzwächter im Flughafen seinen Preis bezahlt," durchfuhr es ihn. " Werden die mich anzeigen? Aber wieso haben sie mich dann hier nach oben gebracht ? Die sind schon in Ordnung." Das Gefühl der Unsicherheit, das er ganz vergessen hatte, schlich sich wieder ein. "Was soll ich nur machen, lange kann ich nicht hier bleiben. Gut, ich muss hier eine Tür machen, für die Nacht." Er begann kleinere Äste, die herumlagen zu sammeln. Sie waren übrig geblieben, denn die Lehmhütte war ja mit den Materialien des Ortes gebaut worden. Er schnitt oder schlug sie mit der Machete auf ungefähr die gleiche Länge. Er wollte sie mit Lianen zusammenbinden und so eine Tür machen. Als er so mitten in der Arbeit vertieft war, hörte er Stimmen, die von unten hochkamen. Er hielt inne, lauschte kurz, "Scheisse", er rannte in die Hütte ergriff die Tasche, warf die Rhumflache  hinein und stürmte den Berg hoch, sodass nur so die Fetzten flogen. Nach einer gewissen Zeit, er wusste nicht wie lange er gerannt war, blieb er stehen. Seine Verfolger konnte er nicht mehr hören. Er lies die Tasche fallen und setzte sich auf sie, er musste zu Atem kommen."Jetzt haben die mich doch verraten, die Schweine. Ich muss mich nur ruhig verhalten, hier findet mich keiner so schnell." Nach einer halben Stunde hörte er immer noch nichts von seinen Verfolgern. "Ja also, wenn die mir nachgerannt wären, dann müsste ich doch irgendwelche Geäusche hören. Vielleicht ist es Pablito gewesen mit seinen Kumpanen. Das Gezwitschere von Vögeln war zu hören, das leichte Rascheln der Blätter im Wind, aber Menschen hörte er nicht. Er kam sich reichlich blöd vor, einfach so abzuhauen. "Wenn es Pablito gewesen wäre ?" Er stand auf streckte sich, wischte den Schweiss von der Stirn mit einem Hemdzipfel, ergriff seine Reisetasche und mit der Machete in der anderen Hand machte er sich vorsichtig auf den Rückweg. Er begann all diese grossen Blätter zu hassen, die Zweige, die seine Arme zerkratzten, die grüne Hölle, das Klang wie ein Filmtitel, er musste leicht lachen und schlug sich den Weg frei. Gut, dass er Jeans anhatte. Ja die Schlangen, wo sind die Schlangen? Die hatte er ganz vergessen. Er musste höllisch aufpassen, er darf auf keine treten. Die haben mehr Angst vor uns Menschen als wir vor ihnen, hatte man ihm gesagt, man müsse nur genug Lärm machen. Er konnte, er sollte ja eben keinen Lärm machen. Er hielt an, lauschte, nein, sie waren ihm nicht gefolgt. Langsam  und vorsichtig ging er weiter. Als er in der Nähe der Hütte war, hörte er Machetenschläge auf Holz, dann Stimmen. Er blieb stehen, er atmete auf. "Also waren dies nicht Soldaten gewesen, sondern die, die die Hütte bauten. Was soll ich jetzt machen, weiter runter gehen, mich zu erkennen geben. Wie kann ich ihnen erklären, warum ich weggerannt bin. Besser ich warte bis sie wieder fort sind." Er machte sich einen kleinen Platz frei unter einem der Abermillionen Bäume, platzierte die Reisetasche, setzte sich auf sie, zwischen seinen Beinen öffnete er den Reisverschlus der Tasche, holte die Colaflasche heraus und die Ruhmflasche, öffnete jene, nahm einen Schluck, öffnete langsam die durchgerüttelt - und gut geschüttelte Colaflasche, damit sie nicht überschäumte und nahm auch aus ihr einen tiefen Schluck, wischte mit dem Handrücken seinen Mund ab und lehnte sich an den Baumstamm. Jetzt war er wirklich müde geworden, die ganze Aufregung, die paar Stunden Schlaf, nach dem Fischen. Er holte seinen zerdrückten Hut aus der Tasche und  setzte ihn auf, schloss die Augen und schlief ein.  

Jemand rief seinen Namen, er wachte auf. Da wieder, das war Pablito, der nach ihm rief. Sami rappelte sich auf.

Er kam sich vor wie ein Gorilla, der zwischen all diesen Blätter auftaucht. Langsam schlich er sich an die Hütte. „Vielleicht war sein Freund mit den Polizisten gekommen. Da waren sie ja. Die haben das Häuschen weiter vorangetrieben. Ein Zimmer mit Aussicht und ohne Dusche. Na ja eine Aussicht gab es hier nicht. Die arbeiteten ja nicht mehr, zwei sassen auf einem Balken.

 

Sami setzte sich wieder hinter einen Baumstamm. Manchmal schaute er aus seinem Versteck hervor in Richtung Hütte, schlich sich wieder an und beobachtete die Lage. Pablito war gegangen. Der Onkel und seine Gehilfen arbeiteten weiter. Sie verputzten die Wände mit der selben rotbraunen Erde, die sie an Ort und Stelle vorfanden. Von einem nahgelegenem Bach holten sie  Wasser.

Er hörte Machetenschläge. Er schlich sich an.“ Nein ! Das darf doch nicht war sein. Die schlagen mir ja die Verstrebungen an den Fenstern weg. Das wird ja eine schöne Nacht werden.“

Pablito war weg. War das eine Falle? Nein, sicher nicht, man kann nie wissen. Ich warte ein bisschen. Soll ich mich zu erkennen geben? Wie kann ich erklären, warum ich weggerannt war, oder überhaupt was ich hier tue, nein ich bleibe hier. Die wissen bestimmt schon alle Bescheid, dass ich ein schweizer Terrorist sei und nicht ein deutscher Tourist. Was hat ihnen Pablito erzählt, warum hatte er nach mir gerufen? Auch kenne ich sie gar nicht richtig, vielleicht werden sie mich ausrauben, jetzt wo ich Freiwild bin. Sicher hat mich einer gesehen, als ich bei Casa de Kull war und einkaufte, oder auf dem Dorffest. Sie wissen sicher, dass ich Geld habe. Ach ja, da ist ja Pablitos Onkel..hm. Es ist ein leichtes mich auszurauben, hier oben wo kein Hahn nach mir kräht. Besser ich halte mich hier versteckt, die wissen bestimmt nicht, wer weggerannt ist. Oder doch? Pablito hatte nach mir gerufen. Ist ja egal. Er schlich sich langsam zurück zum Baumstamm, wo er seine Tasche gelassen hatte. Dort angekommen stiess er sie mit der Machete leicht an. Er wollte sehen, ob sie einen Besuch einer Schlange erhalten hatte. Dann setzte er sich auf sie und wartete dösend, auf das die Zeit verflog.

Auf seine nackte Existenz beschränkt, kam ihm sein früheres Leben unsinnig vor. All diese Verpflichtungen bei der Arbeit, mit immer grösser werdenden Dringlichkeitsstufen, die Designerkleider, um respektiert zu werden, den kleinen und grossen Lügen, den leeren Versprechungen, Gedankenfetzen schwirrten in seinem Kopf herum, wie Moskitos, die ab zustachen, um ihm seinen Kopf schütteln zu lassen. Verzweifelt, nein so fühlte er sich nicht, das hier war immer noch besser, als in einem venezolanischen Gefängnissen zu vermodern. Er hatte gehört und gelesen, dass Leute für Jahre ohne Verhandlung in diesen Löchern gehalten wurden, in denen wiederum mit Drogen gehandelt wurden, von Menschen, für die Gewalt ihr tägliches Brot bedeutete.

Am Nachmittag gegen drei schlich er sich wieder zum Haus zurück. Die waren weg! Verputzt war es worden, das Dach verbessert, aber Scheisse, die haben wirklich die Verstrebungen an den Fenstern entfernt. Vorsichtig ging er auf das Haus zu, bereit jeden Augenblick wieder fortzurennen. Er traute der ganzen Sache nicht. Vielleicht war es doch eine Falle. Er blieb stehen und lauschte. Nichts war zu hören, nichts als die Geräusche des Urwaldes. Dann ging er entschieden los, um sein Schicksal zu treffen und ihm entgegenzutreten. Er inspizierte das Haus und die Umgebung. Da an einem der Pfosten hing ein Plastiksack mit in Aluminiumfolie eingepackten Arepas, zwei Büchsen Diablitos, eine Flasche Cola, zwei Bananen und einem Zettel, darauf stand: « Saludos de Pablito vengo mas tarde»( Grüsse von Pablito, komme später). Er atmete auf.

Er ass gleiche eine der Arepas mit einer der Büchse des «Cornedbeef», das er verabscheute, aber gerade jetzt schmackhaft fand. Er schaute nach, ob eine Serviette in der Tasche war, da keine da war, benützte halt ein Hosenbein für seine Finger. Er nahm einen Schluck aus der Flasche, hing den Rest wieder an den Posten und begann sich schnellen Schrittes auf seinen Weg zurück zur Reisetasche zu machen.

 

Bei der Tasche entdeckte er zwei kleine Gestalten in hellen Leinenhosen und Jacken gekleidet. Das waren die Waldmenschen! Sie beugten sich über seine Tasche. Sami schrie: „Hey was sötti das, wäg da cheibe Züg nomale,! (Halt was soll das, weg dort, verdammt nochmals)“ Er rannte mit der gezückten Machete auf sie los. Vor Schreck rannten auch sie los, der eine hatte die Rhumflasche gefunden, doch liess er sie nach ein paar Sprüngen auf den weichen Waldboden fallen. Diese kullerte Sami entgegen, als er die neugierigen Räuber verfolgte. Er hob sie auf. Er spähte ins grüne Dickicht. « Sicher kommen die immer vorbei, wenn die Arbeiter gegangen sind, um nachzuschauen, ob diese was zurückgelassen hatten, irgendein Handwerkszeug oder Essensware. Er schaute in seiner Tasche nach, aber alles war in Ordnung. Er ergriff die Henkel und ging zum Haus zurück, legte die Tasche in die hintere dunkle Ecke. Anhand von Lianen und Ästen webte er eine Art Abdeckungen, damit er die Fenster und die Türe verschliessen konnte. Das nahm ihm zwei bis drei Stunden in Anspruch. Er nahm sich einen Schluck Cola aus der Flasche und spülte ihn mit einem Schluck Ruhm runter. Er kam sich wirklich stark vor, wie ein richtiger Abenteurer, wie Jack London, oder besser gesagt wie der letzte der Mohikaner. Er msste Lächeln, wie unfreiwillig ein Kindertraum Realität geworden war. Ein Feuer, ja ein Feuer, die Soldaten haben keine Ahnung wo ich bin, sonst hätte Pablito nicht so gerufen. Das kann ich riskieren. Das hält die Tiere weg und vielleicht die Waldmenschen. Bis Pablito mich holen kommt, kann ich das hier gut aushalten. Gut dass die Arbeiter das Holz für das Haus an Ort und Stelle gefällt hatten und noch dazu bearbeitet. Da gab es allerlei Holzreste, Rinden, Zweige und Äste. Er begann fein säuberlich nach Schweizer Art eine Feuerstelle aufzubauen. Er schaute in der Tasche nach. Da müsste mindestens ein Feuerzeug sein. Ja richtig, da waren sogar zwei. Seit seinem Aufenthalt im Flughafen hatte er immer ein Feuerzeug, ausserdem hatte er ja Zigarllos geraucht. Eingewickelt in Zeitungspapier fand er immer noch deren Fünf. Mit dem Papier und den Zweigen entfachte er im Nu ein prächtiges Feuer seitlich vor der Hütte, als es plötzlich dunkel wurde. Ah  jah, er hatte es ganz vergessen, das ging ja so schnell hier mit dem Sonnenuntergang. Er hing in der Hütte seine Hängematte auf. Die Taschenlampe war ihm sehr nützlich. Draussen loderte das Feuer. Es riss Schatten, die ihm unheimlich vorkamen. Er verrigelte die Fenster so gut er konnte, indem diese Abdeckungen einklemmte und über die Diagonalen zwei Stecken plazierte. Er begab sich wieder hinaus, nahm Pablitos Sack ass die zweite Arepa mit dem zweiten Diablito und einer Banane. Er trank mit genussvollen Zügen aus der Colaflasche. Er hatte sich ans Feuer gesetzt, auf einen der auf der Erde liegenden Baumstämmen. Er holte sich eine der Zigarrilos und begann sie zu rauchen. Diese Dunkelheit machte ihm schon zu schaffen. Er fühlte sich von unsichtbaren Augen beobachtete. Ach Quatsch, alles nur Einbildung, aber aufpassen musste er trotzdem. Er warf neues Holz auf das Feuer, damit es rundherum heller wurde. Dann ging er wieder in die Hütte und kontrollierte die verbarrikadierten Fenster. Auch für den Eingang in die Hütte hatte er Äste so verflochten, dass es eine improvisierte Türe ergab. Gegen Menschen war sie nicht besonders sicher, aber gegen Tiere schon eher. Er würde so nicht vollkommen überrascht werden. Ausserdem hatte er sich noch zwei Speere zurechtgeschnitzt. Den einen stellte er neben die Hängematte an die Wand, den anderen steckte er neben die Hängematte in den Hüttenboden. Die Machete hatte er immer dabei. Wieder warf er Holz ins Feuer. Seine Handlungen hatten ihn beruhigt. Jetzt brauchte er nur noch ein Fernseher, dann wäre alles perfekt. Nicht einmal ein Buch hatte er dabei. Darüber würde er sich sein ganzes Leben ärgern müssen. Er ertappte sich dabei, das alles plötzlich ganz selbstverständlich geworden war.

 Er wusste nicht mehr wie lange er so dagesessen war. Irgendwann mal musste er die letzten Holzstücke aufs Feuer geworfen haben, in die Hütte gegangen sein, den Eingang verriegelt und sich in die Hängematte geworfen haben. Er war auch eingeschlafen mit der Machete griffbereit, sowie mit seinen zwei Speeren. Der Schlaf eines Menschen in der Natur ist anders als der in einer Stadt. Man hatte ein drittes Ohr, das immer wieder aufpasste, ob nicht eine Gefahr im Anmarsch war. Das hatte er gelesen, das wollte er auch machen, das  beruhigte ihn auch. So schlief Sami, seine Sinne wurden messerscharf.

Natürlich schlief er wenig die Nacht. Er schien Fussgetrampel gehört zu haben. Immer wieder das Rascheln der Blätter auf dem Erboden rings um die Hütte herum. Waren das Tiere, waren das Menschen? Mit der Taschenlampe leuchtete er dann durch die Fensterverschläge, oder durch die Tür hindurch. Doch keine huschenden Gestalten waren auszumachen. Einmal zündete er sich eine weitere Zigarrillo an, nahm noch einen Schluck von der Rhumflasche und überzeugte sich, das sei nur die erste Nacht, er müsse sich an die neue Umgebung gewöhnen. Andere haben auch in der Wildnis überlebt, in noch viel schlimmeren Umständen. Er döste erschöpft ein.

Die Sonne war schon aufgegangen. Als er dies realisierte riss er plötzlich ensetzt die Augen auf, da es nicht mehr stockfinster war, in der Hütte. Er sprang aus seiner Hängematte, ergriff die Machete, ging zur Tür, stiess die Stützen weg und schritt hinaus. Er schaute ringsherum, er war mutterseelen allein. Doch der Sack, den er auf dem Pfosten hatte hängen lassen, mit der halbvollen Colaflasche  und der Banane, war weg. Also ist doch jemand in der Nacht war da gewesen. Ein Schreck durchfuhr ihn, er hatte es kaum gehört, vielleicht eines diese Rascheln auf dem Boden. Er muss hier weg, die kommen wieder und vielleicht noch mit mehr Leuten. Das ist hier nicht sicher, ich muss hier weg.

Er packte sein Reisetasche spannte sie mit den Henkeln auf seinen Rücken, packte die Machete, einen Speer und schritt hinunter zur Strasse Richtung Meer. Er fürchtete sich davor, erkannt zu werden. Er lauschte nach jedem Gereusch. Das was ihn am meisten quälte, war der Hunger. Er hatte sich extra die Banane aufgehoben, gut einen Avokado hatte er gefunden. Bei einer Furt entschied er sich den Fluss entlang, von Stein zu Stein springend, sich vorsichtig Chichiriviche zu nähern. Er hielt die Machete bereit, falls er auf eine Schlange treffen würde. Vor der nächsten Furt blieb er stehen. Er versteckte sich hinter einem der Büsche mit den riesen Blättern. Er ruhte sich ein bisschen aus. Als er nichts weiteres hörte und sonst auch niemanden sah, rannte er über die Strasse. Er versteckte sich hinter einem vom Flusswasser sanft abgeschliffenen Felsbrocken. Er folgte dem Wasser. Der schützende Urwald umgab ihn von Neuem. Er hörte wie ein Jeep hochfuhr, etwas später folgte ein nächster. Der Hunger bearbeitete seine Magengrube. Er wurde schneller müde. Allmählich öffnete sich das Tal. Die Strasse schlängelte sich weniger, bis sie ganz gerade wurde, der Wasserlauf entfernte sich von von ihr, der Fluss bildete tiefe, klare Teiche. Sami setzte sich auf einen flachen Felsen und legte sich hin. Die Sonnenstrahlen wurden durch das Blätterdach gefiltert. Er holte den Advokado aus der Tasche, schälte und ass ihn. Ich muss warten bis es dunkel wird, dann, kann ich irgendeinen bezahlen, dass er mich wegbringt, vielleicht nach Choroni. Am Besten wäre es mit Pablito, wenn ich nur mit ihm Kontakt aufnehmen könnte. Er bewegte sich weiter, bis er durch die Strasse erspähen konnte. Er wusste, er musste vorsichtig sein, die Leute hier haben Augen wie die Falken und sehen jede kleine Veränderung, jedes Tier, jeden Früchtebaum. Er setzte sich hin, er versteckte sich und wartete. Er sah wie Dorfbewohner hochgingen mit ihren Macheten und Säcken, manche barfuss, manche mit "Arpgatas", Schuhwerk deren Sohlen aus ausgeschnittenen Autoreifen und Schnüren bestand.

Irgendwann sah er Palitos Jeep langsam hochfahren, sollte er Ihm ein Zeichen geben? Bis Sami sich entschieden hatte, war er schon wieder weg. Wenn er wieder zurückkommt, pfeife ich ihm, das merkt er bestimmt. Er blieb in seinem Versteck, wurde von Stechmücken und anderem Ungeziefer besucht, sodass er allmählich ungeduldig wurde. In der Zwischenzeit waren einige weitere Dorfbewohner vorbeigezogen, manche mit beladenen Eseln. Er wusste gar nicht, dass die Strasse so sehr benutzt wurde. Dann nach etwa 30 Minuten hörte er ein Auto. Er spähte durch das Blätterwerk hindurch, nein das fuhr ja hoch, ja wirklich, das war ein Jeep mit Soldaten. Er duckte sich sofort und machte keinen Mucks. Er fuhr vorbei. Ich bin ja nicht mehr oben, sondern unten. Die denken vielleicht, dass ich weiter hinauf geflüchtet bin, mehr in die Berge. Als guter Schweizer sollte ich eigentlich in die Berge flüchten und nicht ans Meer.

Er setzte sich wieder auf seinen Stein, nahm die Ruhmflasche und trank einen Schluck. Nicht mehr, sonst würde er betrunken sein und nicht mehr richtig reagieren können, mit diesem nüchternem Magen.

Nach 20 Minuten hörte er wieder ein Auto, diesmal kam es von oben.

Er schaute auf die Uhr 14.40 Uhr. Um 19.00Uhr ist es dunkel hier, also noch etwa 5 Stunden aushalten hier. Er wollte sich nicht zusehr dem Dorf nähern, das wäre zu riskant. Ah, der rote Jeep von Pablito, diesmal etwas schneller. Pablito war alleine. Sami stand auf und pfiff, die Strasse war etwa 40 Meter entfernt. Pablito schaute in seiner Richtung, verlangsamte kurz und fuhr weiter.

Hat er mich erkannt, hat er mich gesehen – sicher sonst wäre er nicht langsamer gefahren.

Gut ich werde jetzt wieder zum Fluss zurückgehen und dort ein geschütztes Plätzchen suchen. Pablito wird sicher wissen, wie er mich erreichen kann, so lange er weiss wo ich ungefähr bin. Bei einigen gösseren Felsen, welche einen kleinen Teich einrahmten, legte er sich hin und ruhte sich aus. Ein wirklich idllyscher Platz sich zu verstecken.